Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1882)
- Date
- 1882-03-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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238 exactwissenschaftlichen — Hypothesen entgegentritt lächerlich, ein überwundener Standpunkt. So meint diese neue Theorie. Und das große Resultat dieser Theorie, das doch entsprechend der hohen Bildung und Kulturstufe unserer Zeit sein soll, ist, daß der Mensch heute, wenn er wissenschaftlich überzeugt würde, wenn er die Vernunft und sein ganzes Gefühlsleben unterdrücken könnte, dennoch sich als das unglücklichste Geschöpf auf Erden betrachten und mit jener Seherin klagen müßte: „Meine Blindheit gieb mir wieder, nimm Dein falsch Geschenk zurück. Nur der Jrrthum ist das Leben, und das Wissen ist der Tod." Doch, wir können getrost dem Resultate dieser neuen Theorie, die zwar auch unter den modernen Juden so viel „Gläubige" gefunden hat, entgegensehen. Es wohnt etwas im Menschen, die gesunde Vernunft, welche zwar jene Entwickelungstheoretiker für sich allein gepachtet zu haben vermeinen, da sie sich in so wegwerfender Weise über alle äußern, die nicht auf ihre — Wissenschaft schwören; diese gesunde Vernunft ist wohl der beste Schutz gegen solche Vergewaltigung. Selbst die „vielgelesene" Gartenlaube, die sich zur Trägerin und Verbreiterin dieser neuen Theorie hergibt, wird keine» Keil in die alte Gottesanfchauung, wie fit bie Bibel uns überliefert, treiben können. Wahrheiten, die Jahrtausende erkannt, werden nicht durch — Hypothesen umgestoßen. Das Judcnthum wenigstens wird auch diesen Ansturm auf seine Schöpsungslehre bestehen und unbehindert seinen Weg fortwandeln. Es will sich nicht in ein voraussichtliches Chaos stürzen, nachdem es einmal festen Boden gewonnen. Und schließlich ist die Bibel denn doch eine zu bedeutende Quelle auch für neuere Forscher, als daß ihre Berichte so leicht wiegen sollten gegenüber jeder Ausschreitung und krankhaften Ausgeburt der Wissenschaft. Zeitungsnachrichten und Correspondenze«. Deuts ch l a n d. Würzbnrg. Doppelt wohlthuend ist es, wenn heut zu Tage aus nicht-israelitischen Kreisen Stimmen laut werden, die frei und offen für Juden und Judenthum eintreten. So sprach am vergangenen Mittwoch Herr Prof. Edel, kgl. Reallehrer, im Polytechnischen Verein vor einer großen Versammlung, fast 1 und ein halbe Stnitden „über die sociale und politische Stellung der Inden in Franken" mit großer Begeisterung. Er sagte ungefähr: Im Jahre 1119 werden die Juden in Würzburg zum erstenmal urkundlich erwähnt. In diesem Jahre macht der Jude Jakob, ein Bruder Samsons und Nathans, einen Platz sammt dem darauf stehenden Hause „Lügerehlergatern" genannt, dem Kiliansstifte zinsbar. Aus den folgenden Urkunden des 12. Jahrhunderts ergibt sich, daß die Juden in rechtlicher Beziehung und mit Rücksicht auf den Erwerb liegender Güter den Christen gleichgestellt sind. Die Judengemeinde ist um diese Zeit in Würzburg schon sehr bedeutend. Sie besitzen jenen Theil der Stadt, der den heutigen grünen Mark mit der Marieitkapelle bis zum Kürschnerhof und die beiden Judengassen, die heutige Schuster- und Augustinergasse umfaßt. In der Judenverfolgung 1197 wird Rabbi Isaak als Lehrer von 21 Schülern erwähnt, was eine bedeutende Judengemeinde voraussetzt. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts waren die Juden vom Schutz des Königs in den des Bischofs gekommen und zahlen demselben für die Gnade der Duldung 1000 Pfund Heller. Bald macht auch die Stadtverwaltung Ansprüche; die Juden mußten ihr 3 Pfund Wachtlohn jährlich entrichten. Seit Rudolf von Habsburg erheben auch die Kaiser von den Juden 400 Pfund Schutzgeld, so daß dem Bischof nur 600 verbleiben. Die rechtlichen Verhältnisse der Juden um diese Zeit sind besonders aus der Diöcesansynode des Bischofs Wolfram von Grumbach ersichtlich, welche die Juden in streng abgeschiedener Kastenabsonderung und unter der drückendsten Lage zeigt. Erst Bischof Joh. von Egloffstein gelang es, 1410 die Juden aus der Gerichtsbarkeit des Kaisers in seine eigene zu bringen. Einen Wendepunkt für die Verhältnisse der fränkischen Juden bildet die Diöcesansynode von Bamberg 1451, deren Bestimmungen vom Kardinallegaten Nikolaus von Cusa auch auf den Würzburger Sprengel ausgedehnt wurde. Seit dieser Zeit sind die Würzburger Bischöfe bestrebt, die Juden ans den: Lande zu schaffen, und zu diesen: Zwecke lassen sie selbst die bisher gezogenen Vortheile fahren. Es folgen förmliche Judeujagdeu mit Schätzung ihrer Güter verbunden; aber erst Julius Echter don Mespelbrunu gelingt es, eine größere Anzahl derselben zur Auswanderung zu bewegen. Seit dieser Zeit ziehen viele Juden bald einzeln, bald in Familie ohne Heimath durch Franken, um als Bettler von Profession ihre Stammesgenossen verächtlich zu machen. Erst unter der bayerischen Negierung beginnt sich die Lage der Inden allmählich zu bessern, bis nach vielen Seiten die politische Gleichberechtigung derselben mit den Christen endlich erkämpft wurde. Wir sagen erkämpft, denn aus eigenem Antriebe von Seite des christlichen Staates wäre den Juden noch lange nicht diese Gleichberechtigung zu Theil geworden, obschon es die Pflicht der Menschlichleit und Gerechtigkeit geboten hätte, um einigermaßen die Sün-