Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1882-03-01 · Heft 9 (1.3.1882) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 9 (1.3.1882)
Date
1882-03-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447898-2447907--18534-2474580
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

227 ebenso vor den Heiligthümern des Christenthams stille stehen. Nicht die sem tische Abkunft machen wir ihnen zum Vorwurf. (Ab. Virchow: O ja!) Uns treibt nur die enorme Benachteiligung, an welcher die Handwerker und kleinen Beamten durch das wucherische Treiben der Juden zu leiden haben, und es sind üf/on eine Anzahl jüdischer Stimmen ausgetreten, die sich selbst über das unwürdige Gebühren ihrer Glaubensgenossen beklagen. Es gereicht der Fortschrittspartei zum Schaden, daß ihr fast alle Jtlden angehören; denn dadurch wird sie zur Verteidigung des Judenthums veranlaßt und vergißt dabei, was sie ihrer Kirche schuldig ist. Wir unsererseits hätten nichts dagegen, daß sich die Juden, wenn sie unsere Gesinnung theilen, unserer Partei anschließen. Abg. Richter: Unsere Stellung zum Versammlungsrecht in Berlin hat der Vorredner mißverstanden: wir halten die polizeiliche Ueberwachung für unnöthig, soweit wir selbst im Stande sind, nufer Haus recht zu wahren. Mein Freund Virchow hat gar keine Vorliebe für militärisches Einschreiten, wie der Herr Minister;u glauben scheint, er hat nur verlangt, daß man Ercessen mit aller Energie entgegentrete; wie das geschehen soll, das mag die Verwaltungsbehörde benrtheilen. Was die behauptete Verbindung der Fortschrittspartei anlangt, so verhalten sich die Juden nicht anders wie andere Klassen der Bevölkerung. Die aufstrebenden Elemente unter ihnen, die naturgemäß die Hindernisse der Gesetzgebung am schärfsten empfinden, sind aus unserer Seite; die gesättigten Eristenzen aber sind vielmehr geneigt, sich den Koniervativen anzuschließen. Gehört etwa der Jude, den man iit Berlin für den einflußreichsten hält, zu der Fortschrittspartei? Daß die Juden sich jetzt zu den Konservativen sollen hingezogen fühlen, von deren Redner sie in unerhörter Weise angefeindet werden, das heißt doch zu viel verlangt. Wir vertreten heute noch denselben Standpunkt in dieser Frage, den wir 1867 mit allen Konservativen, die mecklenburgischen Junker ausgenommen, vertreten haben, als es sich um die völlige Durchführung der Gleichberechtigung der Juden handelte. Wos Herrn Dietze betrisst, so sehe ich aus dem Urtheil des Gerichls, daß er der gröbsten Verläumdungen gegen den Abg. Bamberger überführt ist; ich überlasse es gern Herrn Stöcker, ob er auf diesen seinen Freund deßhalb so stolz" sein will, weil er sich unglaublicher Gemeinheiten oder weil er sich der gröbsten Verleumdungen schuldig gemacht hat. Ich weiß nicht, was von* beiden schlimmer ist. Run hat Stöcker eine Parallele gezogen zwischen mir und Dietze, was ich aber zurückweise. Stöcker pflegt in der Weise zu zitiren, daß er Worte und Sätze herausklaubt aus dem Zusammenhänge und zur Grundlage von Angriffen macht. Ich habe hier im November 1880 in der sog. Jndendebatte gesagt: was gehört denn viel Muth dazu, um diese Judenhetze zu betreiben? Nach oben und nach unten? Der Berliner Mob amüsirt sich über Judenhctzen." Was macht Herr Stöcker daraus? Er sagt im Reichstage, was wir Alles von der Fortschrittspartei hier erleben müssen, von der sogar eine Partei, die sich christlich nennt, Mob genannt wird. Wir unterscheiden uns von Ihnen darin, daß wir die schlechten Menschen angreifen, wo wir sie finden. Sie benutzen einzelne Fälle des Wuchers von Juden, um diese Anklage gegen die Juden überhaupt zu erheben. Was würde man sagen, wenn man in gleicher Weise gegen den Adel verführe? In Oberschlesien gibt es nicht blos Juden in großer Anzahl, die Wucher treiben, sondern auch eine Menge Katholiken, die dem Trunk ergeben sind. (Unruhe, sehr richtig.) Wäre es recht, daraus irgend eine Schlußfolgerung gegen den Katholizismus zu ziehen! Was die angebliche Schuld der Juden an dem Börsenschwindel und der Jobberei betrifft, so blicken Sie doch auf Frankreich, wo gerade die wenigsten Juden sind. Trotzdem haben wir dort gerade den denkbar größten Börsenschwindel erlebt, als dessen Teilnehmer gerade solche citirt werden, die für sehr kirchlich und christlich gehalten werden. Ich soll über die christlichen Heiligthümer und die christlichen Prediger gespottet haben? Wo denn? Von Herrn Stöcker als Prediger habe ich nie gesprochen. Ich habe mich immer nur gegen den Agitator gewandt. Herr Stöcker sagt: Wogegen ich nicht alles Hetzreden gehalten hatte! Habe ich jemals emen Vortrag angekundigt über die verderbliche Wirkung der Hofprediger? (Oho! Heiterkeit.) Oder einen Vortrag über die Heuchelei der Geistlichen und dann von einem Beispiel auf die ganze Klasse eremplificirt, wie es D-err Stöcker in Bezug auf die Juden thut? Auf religiösem Gebiet öffentlich in den Vordergrund zu treten, vermeide ich als Politiker. Wollen Sie aber wissen, wie ich über die Bewegung in der evangelischen Kirche denke? Dann sage ich, ich stehe genau auf dem Boden des Regierungsprogramms des Prinzregenten vom Jahre 1858, wo es heißt: „Ich habe die Ansicht, in der evangelischen Kirche ist eine Orthodoxie eingekehrt, die mit ihren Grundanschauungen nicht verträglich ist und die sofort in ihrem Gefolge die Heuchelei hat." (Sehr richtig! links. Ruf: weiter lesen!) Das ist der Satz; haben Sie etwas, was ich weiterlesen soll? (Große Heiterkeit rechts. Rufe: Weiter lesen!) Die wahre Religiosität zeigt sich in dem ganzen Verhalten des Menschen und dies ist immer ins Auge zu fassen und von den äußeren Gährungen und Ausstellungen zu unterscheiden. (Hört! hört! Heiterkeit links.) Man sucht jetzt die conservative Bewegung durch eine angebliche Bewegung mit der Judenhetze zu verfälschen, weil Stöcker und Genossen daran verzweifeln, auf andere Weise die konservative Partei irgendwie erheblich stark in Berlin zu machen. An den Litfaßsäulen stehen Vorträge von Henrici und Stöcker gegen das Judenthum; letzterer kündigt in seinem christlich-konservativen Korrespondenz-Blatt eine Rede so an: Da alle Zuhörer nicht hätten Eintritt in die Tonhalle finden können bei dieser Rede, werde er sie nochmals halten. (Redner verliest Stellen aus dieser Rede.) Solche Rede reizt die Zuhörer auf's Aeußerste, entflammt sie nach jeder Richtung. Dann kommen die anderen Herren Pastoren der gleichen Richtung. Der Eine freut sich der fortdauernden Milde und Hossnungssreudigkeit des Herrn Hospredigers, der Andere überbietet ihn in seinen Ausdrücken. Ein Anderer kommt dann, der wieder einen milden Ton anschlägt, und zum Schluß spricht Herr Stöcker die Mahnung zur Liebe aus, wie wir auch hier gehört haben. (Heiterkeit links.) Wenn man in dieser Weise an das Höchste appellirt, was einem Deutschen in der Brust lebt, dann halte ich das für um so verderblicher, als schließlich der Zweck, zu dem man solche Reden hält, unmittelbar mit dieser Aufregung in keinem Zusammenhänge steht. Stöcker sagt, er will die Emanzipation ja gar nicht rückgängig machen, und führt dann als praktisches Ziel an. daß die Richter und Lehrer in den christlichen Schulen nicht jüdisch sein sollen. Aber das könnte ja auch auf dem Verwaltungswege geschehen! Also auf dem Venvaltungswege das herbeizuführen, deßhalb diese Aufreizung in weiten Kreisen. Der Zusammenhang dieser Reden mit den Ausschreitungen, von denen hier gesprochen ist, läßt sich durchaus nicht bestreiten. Warnm hörte man in früheren Jahren, vordem Herr Stöcker hier auftrat, nichts von dergleichen? Alle jene Ercesse datiren erst fett seinem Auftreten. Die Regierung verfuhr vollkommen korrekt in jenem Reskript, welches sie im August vorigen Jahres erlassen hat; aber wir machen ihr den Vorwurf, daß sie es nicht früher erlassen hat. Den Landräthen, Regierungspräsidenten ist ja gesagt worden, daß sie die Vertreter der politischen Richtung des Ministerium sein müßten. Wie nun, wenn die Behörden irre werden, wenn sie glaubten, daß dies in einem gewissen Einverständniß mit der Regierung geschehe, daß sie eine gewisse Neutralität wolle? Den Eindruck haben allerdings bis zu jeuem Reskripte viele Behörden gehabt, daß sie nicht wußten, ob sie kräftig zugreifen sollten oder ob sie sich nicht still zu verhalten hätten. In jenem Reskripte hat der Minister vor Brandreden gewarnt und damit insbesondere auch Herrn Henrici gemeint. Derselbe Henrici hat aber durch die Brandrede in den Reichshallen die antisemitische Bewegung in weitere Kreise getragen. Jetzt hat der Minister uns gesagt: wenn Unruhe, Tumult entsteht, dann muß die Polizeibehörde sofort auflösen. Als der nun seine Brandrede hielt, war der größte Tumult. Es ist nicht aufgelöst worden, und als die Sache vor Gericht kam, sagte der Polizeibeamte: „Und wenn der Tisch umgeworfen wird, an dem ich sitze, in Folge des Tumultes, so bin ich nicht verpflichtet, eine Auflösung vorzunehmen." Wir wissen, daß dem Synagogenbrande in Neustettin eine von den Brandreden von Henrici in Neustettin vorhergegangen ist und derselbe Henrici hat für diese Brandrede vom Fürsten Bismarck ein Danktelegramm erhalten. (Hört! hört! links.) Solche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.