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Der Israelit · 1882-03-01 · Heft 9 (1.3.1882) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 9 (1.3.1882)
Date
1882-03-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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228 Telegramme machen viele Behörden irre. Ich habe gestern das Wirren der Sprengkotonne geschildert; heute hat man aber dariiber geschwiegen. Ist kein Zusammenhang dazwischen? Herr Strosser will die Trennung der Schulen: aber trennen Sie die Kinder in der Schule, so werden Sie das friedliche Nebeneinanderleben gefährden. (Sehr richtig links, Lachen rechts.) Herr Stöcker sagt: Ich verwerfe es, daß man bei Juden nicht kaufen will. Die Sache hat zwei Seiten. Was würde man aus der anderen Seite sagen, wenn man auch das Berkaufen unter dieselbe Regel stellte? Aber verkaufen wollen sie alle gern an die Juden, da kommt es darauf an, wer am höchsten bezahlt. Wie diese Scheidung in das gewöhnliche geschäftliche Leben eingreist, das zeigen die Inserate der christlich-sozialen Blätter, in denen durchweg die Parteistellung bezeichnet ist. llnd da will man noch leugnen, daß diese Agitation die schärfste Scheidung in unserem gesummten Leben hervorbringt. Ich selbst empfange täglich Quittungen über die demoralisirende Wirkung der Stöckerschen Agitation; fast täglich erhalte ich die gemeinsten Schmäh- und Drohbriefe, deren Stil und Schrift leider zeigen, daß sogenannte gebildete Männer sie abfassen. Erst heute geht mir ein Brief des Inhalts zu: „Sie und alle Ihre Parteigenossen sind reif zum Galgen zum Segen der Nation. Ein treuer Verehrer Sr. Majestät des Kaisers, des Fürsten Bismarck und des Hofprediger Stöcker." (Große Heiterkeit.) Um unsere Stellung zur Judenfrage klar zu legen, kann ich nichts Besseres thun, als das verlesen, was Fürst Bismarck in Varzin ju einem jüdischen Geschäftsfreunde geäußert hat und was durchaus zutreffend ist, wenn er auch leider durch spätere Dank-Telegramme an die Haupthetzer das Verdienst dieser Erklärung wieder verwischt hat. Fürst Bismarck sagte damals auf die sich selbst gestellte Frage, ob er mit der antisemitischen Bewegung einverstanden sei: „Nichts kann unrichtiger sein! Ich mißbillige ganz entschieden diesen Kampf gegen die Juden, sei es, daß er auf religiöser Grundlage oder gar aus der der Abstammung sich bewege. Mit gleichem Rechte könnte man eines Tages über Deutsche von polmscher oder französischer Abstammung herfallen und sagen, es seien keine Deutsche. Daß die Juden mit Vorliebe mit Handelsgeschäften sich befassen, das ist Geschmackssache. Durch ihre frühere Ausschließung von anderen Beschäftigungen mag es begründet sein, aber sicherlich berechtigt ist es nicht, über ihre größere Wohlhabenheit solche aufreizende Aeußerungen zu thun, dre ich verwerflich finde, weil sie Neid und Mißgunst in der Menge anregen. Ich werde niemals darauf eingehen, daß den Juden ihre verfassungsmäßigen Rechte in irgend einer Weise verkümmert werden. Ihre geistige Organisation macht sie zur Kritik geneigt, und so findet man sie vorzugsweise in der Opposition. Aber ich mache, keinen Unterschied zwischen christlichen und jüdischen Gegnern der Wirthschaftspolitik, die ich nach meiner Meinung als ersprießlich für das Land verfechte. Die große Versammlung aller Berliner Wahlmänner in den „Reichshallen" hat einstimmig diese Bewegung als eine Gefahr für den bürgerlichen Frieden und eine Schmach des deutschen Namens verurtheilt hat. (Lebhafter Beifall links.) Minister v. Puttkammer: Ich muß nochmals dagegen Verwahrung einlegen, als hätten die westpreußischen und pommerschen Behörden irgendwie eine schwankende oder Nnzuverlässige Haltungen bei jenen Tumulten gezeigt. Bitte, geben Sie mir die Details, auf welche eine solche Behauptung gestützt werden kann. Die Behörden haben in vollem Maße ihre Schuldigkeit gethan. Was die Neustettiner Ereignisse betrifft, so gebt aus einem amtlichen mir vorliegenden Bericht hervor, daß die Beschuldigung der Juden, die Antisemiten hätten nach der Henrici'schen Rede absichtlich die Synagoge in Brand gesteckt, im Lause der Untersuchung widerlegt worden ist. Jene Beschuldidung hätte die Gemüther aufs Neue erbittert und diese Erbitterung hätte dann allerdings durch eine zweite Henrici'sche Rede I frische Nahrung erhalten. Abg. Bremer: Es ist mir weder erwünscht noch angenehm, das Wort zu ergreifen; denn meine Position ist keineswegs eine erfreuliche. Ich bin aber auf meinem Posten geblieben, weil ich das für meine Pflicht halte. Man bemüht sich, diese Wahlbewegung als ein Produkt von Niedertracht und Eigennutz darzustellen. Bildet sich Herr Richter ein, eine einzige Brandrede eines Dr. Henrici, den bis dahin kein Mensch gekannt, wäre im Stande gewesen, eine solche Bewegung zu erzeugen? Nein, der Boden und Keim war da und es bedurfte nur einer einzigen Befruchtung, um die Saat in die Halme schießen zu lassen. Mir hat man es gerade zum Vorwurfe gemacht, daß ich die Judenfrage nicht in Angriff nahm, und der Professor Wagner wurde längere Zeit von seinen Wählern deshalb nicht goutirt weil er zu dieser Frage eine zu mäßige Stellung einnahm. Wir verschließen Ihnen unsere Versammlungen nicht; kommen Sie, ich will Sie hineinführen. Sie aber schließen Jeden aus, der einigermaßen deutsch anssieht (Heiterkeit) und Jeder, der das Glück hat, einen orientalischen Typus zu tragen, wird zugelassen. Als ich in die Bewegung eintrat, lagen die sämmtlichen Elemente vor, und wir brauchten sie blos zu organisiren. Wir wollen weiter nichts als gegen den aus dieser Stadt lastenden Fortschrittsring Front machen; einen großen konservativen Mischmasch wollten wir nicht bilden. Ich bin von nreinem Eentrumsstandpunkte nicht einen Augenblick zurückgegangen und auch die verschiedenen Parteigruppen sind aus demselben Standpunkt geblieben; alle waren wir nur einig in dem Gedanken: Fort mit der Fortschrittspartei! Daß wir im Anfänge nicht mehr Resultate erzielten und daß wir das selbstgefällige Lächeln des Abg. Richter noch immer bewundern können, ist uns nicht auffallend: aber die Bewegung wird fortgesetzt werden in der Weise wie bisher. (Hört! hört! links.) Ja wohl 'hört! hört! Merken Sie fich's. (Heiterkeit) Ihr Vorwurf, wir wollten yur hetzen, wäre gerechtfertigt, wenn wir jetzt aufhörten. Ich biete nicht die Hand zum Frieden, sondern sage: Auf zum frischen, fröhlichem Wahlkampf im Herbst! Abg. Schröder (Lippstadt) will nur erklären, warum seine Partei der Judenfrage, die jetzt von Woche zu Woche mit phrasenhafter Breite behandelt wird. mit .Kaltblütigkeit gegenübersteht. Das kommt daher, weil die Legitimation der Fortschrittspartei, sich in dieser Frage als Vernichterin jeder Brutalität aufzuwerfen, in unseren Augen abgeschwächt ist durch ihr Verhalten uns gegenüber. Früher hörten wir wohl von Ihnen (links), daß die Trennung von Kirche und Staat das einzige Mittel sei, um einen friedlichen Zustand herbeizuführen; aber als dann der Kulturkampf kam mir seiner argen Verquickung von Staat und Kirche, und wir, unfähig, die Drangsale weiter zu ertragen, Ihnen zuriefen: So gebt uns doch, wie Ihr verheißen, die Trennung von Staat und Kirche; da verschwand dieselbe von ihrem Parteiprogramm, auf dem sie bis dahin figurirt. An Stelle des kurzen Satzes trat eine langathmige Phrase, und Ihre Antwort auf unseren Nothrus war das Klostergesetz, die Aufhebung der Ordensgesellschaften. Dann veranlaßt uns aber die ganze Art, in der dieser neue Kampf geführt wird, zurückzuzahlen. Auf einen heftigen Angriff folgt eine noch heftigere Abwehr. Es ist, als ob ein elektrischer Schlag die Linke träfe, wenn hier die Judenfrage erörtert wird. Das macht oft den Eindruck, als ob bei Ihnen die Absicht vorwalte, eine sachliche Diskussion dieser Frage unmöglich zu machen. Die Diskussion wird hierauf geschlossen, es folgt eine Reihe persönlicher Bemerkungen. Abg. Richter: Wenn ich erwähnt, daß der Fürst Bismarck dem Dr. Henrici ein Dankschreiben zugeschickt, so habe ich ihn damit nicht in den Sand gezogen. Er selbst aber ist von seiner Höhe bedeutend herabgestiegen, indem er sich mit derartigen Leuten überhaupt einließ. Der Abg. Cremer hat seinem Unwillen mir gegenüber Luft gemacht, weil er bei der Reichstagswahl gegen mich unterlegen ist. Er hat durch seine heutige Rede nur gezeigt, mit was für Elementen wir hier zu kämpfen haben. (Sehr richtig! links.) Auf jede fernere Auseinandersetzung mit ihm verzichte ich, nachdem er hier im Hause verblieben ist, trotzdem seine Wähler einstimmig erklärt, daß er ihr Vertrauen verloren habe Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deS „JSraelit" große Bleiche 45. I. GottSieben'- Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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