Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1882)
- Date
- 1882-03-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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213 Feuilleton. Löb Munitz. KulturWorischesZeMld aus dem erstenDrittel des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel*.) (Fortsetzung.) Ester war von der unerwarteten Nachricht überrascht, Purpurgluth und Leichenblässe wechselten rasch in ihren lieblichen Zügen, sie sprach längere Zeit kein Wort. Auf Elke hatte die Mittheilung ihres Mannes eine Menge rasch aufeinanderfolgende, wechselnder, bald unangenehmer, bald angenehmer Gefühle hervorgerufen, die sich endlich zu einer Masse verschmolzen, die das selbstsüchtige, herzlose Weib nicht u analysiren, nicht in ihre Grundelemente zu zeregen vermochte. Die erste ihrer Empfindungen war brennender Neid gewesen! Ihre Stieftochter, welche von ihr ganz ohne Grund und Ursache, ja trotz, daß sie ihr Dank und Verpflichtungen schuldete, giftig gehaßt wurde, sollte die reichste, vornehmste Frau im Ghetto werden! — Im zweiten Momente, daß der Bewerber um ihre Stieftochter ihrem Manne für den Fall als er sein Schwiegersohn würde, ein, für jene Zeit großes Vermögen angeboten, daß sie selbst nun, gut essen und trinken, schöne Kleider und Schmuck tragen, ihren bisherigen Umgang mit den armen Weibern des Ghettos aufgeben, dagegen reiche Frauen zu Kaffee, Schmausereien und Kartenspiel würde einladen können — die Aussicht das Glück ihres Kindes, das sie in der That liebte, wenn auch diese Liebe nicht so stark war, sich Opfer aufzuerlegen, befördern zu können, die Furcht. Ester würde all das Glück das sie — Elke Ulschitz — erhoffte durch ihre Weigerung zu Nichte machen, endlich auch das demüthigende bittere Gefühl im günstigsten Falle Alles ihrer gehaßten Stieftochter danken zu müssen, und sie gab diesen Empfindungen rasch nacheinander in unzusammenhängenden Sätzen Ausdruck. „Ah!" schrie sie, „Zodok Apotschna, der reichste Jung in der Kehilla verliebt sich in der Mad! Hast e Mas'l'), was Ester hat. Was is denn eigentlich Schönes an ihr? E große Mad mit schwarze Augen, groß wie von e Kalb! — Mein Gusto hat er nit! Aber, wenn sie ihm recht is, mir kann es recht sein, was geht die Sach' eigentlich mich an? nix! Ester is Gott Lob nit meine Tochter; das einzige Gute wird sün, ich werd' sie poter2) werden und alles Geschrei und Gezänk im Haus wird aufhören! Ich möcht' nur wissen, was dem Zodok Apotschna an Ester gefällt? — Freilich e reich Mädel wird ihn nit nehmen wollen, wenn er auch noch zehnmal so reich wär' — wenn er bis über seine schiefe Schulter in Geld stecken möcht! Er hat ja das Ponim2) ganz von Pockennarben zerrMn, und brennend rothes Haar hat er auch — und kränklich muß er auch sein; Mariem Wampenwascherin ^), die früher bei Apotschna manchmal bei den Hausarbeiten mitgeholfen hat, hat erzählt, daß Zodok schon als Kind unbetamt2) und immer kränklich gewesen ist. Erst zu drei Jahren hat er zu reden, zu vier Jahre erst zu gehen angefangen; — und man hat e stark Dienstmadel ganz allein für ihn halten müssen, die ihn den ganzen Tag herumgetragen hat — einmal hat ihn so nixnutzige Person fallen lassen, von der Zeit her kommt ihm auch das Schlemassel mit der schiefen Schulter.Freilich Ester wird mit beiden Händen nach ihm greifen, sie ist ja ein blutarmes Madel! Du wirst ihr aß oßer2 4 5 * *) keine Nedan geben. Du hast nix und hast — nebbig?) — e kleines krankes Kind und eine junge Frau! Du sollst noch hundert Jahre leben; — aber wenn Dir — Gott behüte etwas geschieht, bleib' ich ganz arm mit einem Joßom 8) zurück . . . ." Elke machte eine Pause und bedachte es, ob es nicht zweckmäßig wäre, in ein klägliches Geheul auszubrechen; — aber sie hatte zu dieser kleinen Vergnüglichkeit, die sie sich zu ihres Mannes großem Verdruffe oft genug zu gestatten pflegte, heute doch keine rechte Zeit und fuhr in einem Zuge fort: „freilich Ester wär' nit verlassen, die hat einen reichen Deden und Vettern2), die könnten ihr schon eine schöne Nedan geben; aber sie haben Herzen wie die Kieselsteine; weil Dein erst Weib Dich geheirathet - besser für Dich wär's gewesen, sie hätt's nit gethan — sind sie mit Dir broges") und weil Ester doch wenigstens so viel Szechel") hat, daß sie nit aus ihres Vaters Haus läuft, bloß weil der ein blutarmer Mensch is, wollen sie sich nit um sie kümmern, die hartherzigen Leut!" „Red nichts Uebles auf Großvater und Ohm!" rief Ester in hellauflohendem gerechten Zorne, „ich will das nit anhören! Der Vater hat jetzt mit mir zu sprechen und nit mit Dir!" und sich an diesen wendend, fuhr sie hocherregt fort: „Was hast Du dem Schadchen geantwortet?" Ulschitz blickte erstaunt auf; er glaubte wohl, daß es auf eine solche Frage wohl nur eine einzige 3) Gesicht. 4) Wammen- oder Kuttetfleckwäscherin, eine wenig einträgliche und ehrenvolle Beschäftigung, der sich nur die ärmsten Frauen hingeben. 5) unliebenswürdig unangenehm 6) wahrhaftig. 7) leider. 8) Waisenkinde. 9) Oheim. 10) böse, in Unfrieden. 11) Verstand, Einsicht. I) Glück. 2) los.