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Der Israelit · 1882-03-01 · Heft 9 (1.3.1882) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 9 (1.3.1882)
Date
1882-03-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXIIL Jahrgang. Erste Leilage z« Wr. 9 -es Israelit. L eilender Artikel. Lntwicklungs-Thesrie und Schöpfungs- Lehre. Von Dr. H. Sänger. (Fortsetzung.) Das Sittlichkeitsgesetz steht auf sehr schwachen Füßen, wenn es nur aus den Anforderungen der Gesellschaft entspringen sollte, weil die Natur gerade nicht zur Sittlichkeit, im gewöhnlichen Wortsinne, hinführt, sondern das gerade Gegentheil bewirkt. Wie oft zeigt uns die Weltgeschichte, daß die Ge ellschaft es nicht allzustrenge mit der Sittlichkeit nahm. Selbst die Vernunft wird nur rathen, nicht mehr zu genießen, als der Gesundheit zuträglich ist. Was soll nun den Menschen im Zaume halten, wenn er über sein Ziel und feinen Menschenzweck nicht im Klaren ist, wenn er sich sagt, daß mit dem Tode „Alles vorbei" ift? Weist ihn doch seine Natur auf den Genuß hin! Wo die Gesellschaft ihm keinen Zwang, keine Rücksichtnahme auferlegt, hat er sich ja nicht zu geniren; Vorwürfe und Gewissensbisse hat er sich auch nicht zu machen. Kann nun derjenige, welcher die Moral aus der Gesellschaft heraus erstehen läßt, irgend etwas Unmoralisches darin erblicken, wenn ein Geschlecht freiere Ansichten über diesen Punkt gehabt hat oder noch hat? Und doch ist es unmoralisch, nicht deshalb weil wir vielleicht heute strengere Anforderungen hierin stellen, sondern weil es an sich unmoralisch ift. Nach der Entwicklungstheorie könnte aber etwas an sich weder gut noch bös sein. Und das ift die ganze Moral der Natur. Halten wir diesen Wahrheiten und dieser Moral der Entwicklungstheorie, Wahrheit und Moral der Schöpsungslehre gegenüber. Die erste Wahrheit, die wir der Schöpfungslehre entnehmen, ist die, daß sie der menschlichen Vernunft die Grenze angibt, innerhalb deren es ihr möglich wird, zu erkennen und zu begreifen. Nur dann, wenn wir das Seiende als Schöpfung betrachten, kann der Mensch klar und vernünftig denken. Erkennt er aber keine Schöpfung an, dann wird die Vernunft verwirrt und getrübt durch die ewigen Zweifel, durch die ewige Ungewißheit über das „ewig Daseiende", das ja keines Menschen Vernunft sich zu erklären vermag. Während die Leugnung einer Schöpfung also niemals Gewißheit, also niemals die oberste Wahrheit ermöglicht, legt die Schöpsungslehre das Erkennen und Begreifen dieser Wahrheit in den Bereich der Möglichkeit. Der Anfang ist wohl für uns unbegreiflich; ein Urstosf von „ewig her" aber geradezu widersinnig. Gestehen wir also die Grenze der menschlichen Vernunft zu, und beschäftigen uns mit dem seienden, mit der Schöpfung. Als Schöpfung ist uns das Seiende als die gewollte Wirkung des Schöpferwillens. Es gibt keinen Zufall, keine Laune, keinen Jrrthum, sondern einen bestimmten Zweck für Alles. — Es gibt kein Recht des Stärkeren, keinen Kampf um's Dasein, der eine Unterdrückung und Vernichtung des Vorangegangenen, minder Entwickelten als Zweck hinstellt und erlaubt, sondern gleiche Berechtigung allem Geschaffenen. Nur der Schöpfer kann und darf schaffen und vernichten, die Geschöpfe sollen und müssen erhalten und wirken. Die Schöpsungslehre hebt den Menschen über die Thierwelt hoch hinweg, weist ihm neben seiner Beschäftigung noch eine höhere geistige Aufgabe an. Die Entwicklungstheorie kennt nur eine NothWendigkeit, den Erhaltungstrieb, der allen Wesen gemeinsam, weist also dem Menschen seine Stellung inmitten der Thierwelt an. Ja, der Darwinismus sieht es fast als eine Beleidigung an, daß man die Menschen für bessere, bevorzugtere und höher gestellte Wesen erklären will. Er steht es lieber, daß der Mensch im Kampf um's Dasein, aus purer Notwendigkeit die Pflanzen - und Thierwelt sich unterwirft und sie zu seiner Ernährung sich erkämpft, als daß er vermöge seiner höheren Stellung mit Maß und Ziel weise sie benutzt und sich dienstbar macht, aber in ihnen nicht fcitic Existenz bedrohende und gefährdende Objecte sieht, wofern er sie sich nicht unterwirft. Mit klaren Worten: der Darwinismus will lieber durch Kampf zum Siege und zur Herrschaft gelangen, mit dem Recht und der Gewalt des Siegers die Besiegten zu unterdrücken, während die Schöpfungslehre in der Thierwelt zwar dem Menschen untergeordnete Wesen erblickt, aber nicht als dem Besieger derselben, sondern als dem angeborenen Herrn, der sich ihrer weise bedienen darf.

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