Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1882)
- Date
- 1882-02-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447906--18510-2474555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 vor langen Jahren einmal schwarz gewesen, jetzt aber höchst bedenklich in's Gelbliche schillerte. Da er in der Nähe des stark geheizten Ofens saß, war er hemdärmelig, die geblümte seidene Weste, dieselbe welche er unter der Chuppe2) bei seiner Vermählung mit feiner ersten Frau getragen, und die schon stark zerfasert war, konnte nach unseren neumodischen Begriffen über das Volumen dieses Kleidungsstückes, eher als ein Kamisol gelten, die schwarzseidene Beinkleider waren noch gut erhalten, die Schuhe, welche die Strümpfe frei ließen, entbehrten des ihnen in der Regel Ankommenden Schmuckes, der silbernen Schnallen. — Rechts neben ihm saß seine zweite Frau Elke, etwa fünf bis sechs und dreißig Jahre alt, ihre energischen Zügen ließen es begreiflich erscheinen, daß die schöne Frau leicht einen altern Mann, mit nur mäßigen Geistesgaben^ beherrschen könne. Sie trug eine schwarze Unterhaube von dichtem Stoff, die weit in die^Stirne reichend, jedes Haar verhüllte, über dieser eine so genannte reiche Haube. Diese Kopfbedeckung der Frauen, welche sich in Prag bei Einzelnen bis etwa noch vor einem halben Jahrhundert erhalten hatte, bestand in einem runden Stück Goldbrokat, das bei den Reichen echt und zuweilen namentlich bei Jomtow') Hauben mit Perlen und Edelsteinen geschmückt, bei Unbemittelten, bei Elke Ulschitz z.B. nur Imitation, — und immer mit breiten Spitzen besetzt war. Die Kostbarkeit der Spitzen war selbstredend nach dem Range und Vermögen der Trägerinnen verschieden, von dem kostbaren Brüsseler Gewebe bis zu der ordinärsten Tüllsorte herab. Ueber das Kattunkleid hatte Elke ein abgeblaßtes Busentuch gebunden. Links vom Vater saß seine Tochter, erster Ehe. Ester, die wir schon kennen, neben ihr saß Mosche, ihr kleiner Stiefbruder, der sich heute etwas wohler fühlte und auf sein dringendes Bitten, angekleidet zum Tische gesetzt wurde. Die Mutter wollte ihn ursprünglich neben sich haben, aber Mosche weinte und wollte neben „Esterleben" sitzen und da er eben kein angenehmer Tischnachbar war — dem kleinen, ungeschickten von Ester verwöhnten Jungen mußten die Speisen vorgeschnitten werden, es mußte darauf gesehen werden, daß er sich nicht mit dem sogenannten Frischbier — eine Art Dünnbier, das sehr billig, aber noch viel schlechter als billig war — die Sabbatkleider eingieße — spielte Elke die Nachgiebige und gestattete großmüthig, daß ihr Sprosse an der Seite seiner Schwester bleibe und diese so belästige, daß sie kaum einen Bissen ungestört essen konnte. Man hatte schon das Tischgebet verrichtet, Ester hatte die Teller, einige Speisenreste, die zur Szude 2) Dem Tranhimmel. 3) Feiertags. schlischiß*) aufbewahrt wurden, abgeräumt, und frug den Vater, ob er gestatte, daß sie einer Freundin einen Besuch abstatte. „Ich habe etwas sehr Wichtiges mit Dir zu reden", begann Ulschitz, „ich Hab' Dir etwas zu sagen, was Dir große Freude machen wird ..... Leg' zuerst Mosche in sein Bett, das Kind soll nach Tisch wieder e bisl schlafen, dann komm herein und setz' Dich zu mir her!" Ester befolgte pünktlich den ihr gewordenen Auftrag, ein leichtes Zittern durchflog ihre schlanke Gestalt, sie schien die Art der Mittheilung, der sie entgegensah, zu errathen, und von dieser nicht erfreut. Elke war Vormittag nicht zu Hause, sie war von der Synagoge aus zu einer Wöchnerin, die einen „Aufstand"^) hatte, in Besuch gegangen, hatte dort einen Kreis Gesinnungs- und Neigungsgenossinnen gefunden und sich die Zeit, bis sie das Mittagsmahl nach Hause rief, durch Erzählen und Anhören der ausgesuchtesten Klatschgeschichten in fürste angenehmster Weise vertrieben, so daß sie nicht wissen konnte, daß der vornehme Schadchen4 5 6 7 8 9) Reb Gerschom Wilmarschitz, der sonst nur reiche, vornehme Leute mit seinem Besuche zu beehren pflegte, bei ihrem Gatten gewesen und mit diesem eine lange Besprechung gehabt hatte; — das neugierige, neidische Weib zitterte vor Aufregung und schrie ungeduldig: „Also, was willst Du sagend Mach' doch keine solche lange Mamschoches!" *) Sabel Ulschitz war ein Mann von höchst geringer Rednergabe und nichts war ihm unangenehmer, als wenn ihn feine ungeduldige Frau gewaltsam dazu drängen wollte, seine Gedanken rasch zum Ausdruck zu bringen; er machte ein verlegenes Gesicht, schob mit einer hastigen Bewegung das Käppchen zurück, so daß dieses nur leicht am Hinterhaupt schwebte, räusperte sich nochmals und begann endlich: „Heut' Vormittag, wie ich aus Schul' geh .... ich bin doch Schammes und daher der Letzte in Schul." „Der Letzte in Schul' und der Letzte an Chochmo und Bino!"°) schrie Elke erbittert, „das weiß ich leider am Besten, ich armes Weib! was die besten Partien von der ganzen Welt hätt' machen können und in einer meschugenen Schoho^ den Maiße Ve- 4) Dritte Mahlzeit. Nach der rabbinischen Borschrift sollen am Sabbate drei Mahlzeiten abgehalten werden. 5) Der Sabbat, an dem eine Wöchnerin wieder das Gotteshaus besucht uud deren Gatte zur Thora gerufen und dem Kinde, wenn dies ein Mädchen ist, den Namen beilegt, wird in Prag „Aufstand" genannt. 6) Ehevermittler. 7) Verzögerungen, Weiterungen. 8) Klugheit und Verstand. 9) Stunde des Wahnsinns.