Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1882)
- Date
- 1882-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXIII. Jahrgang. Erste Anlage zn tlr. 8 des Israelit. Leitender Artikel. cLntwickluugs-Iheorie und Schöpfungs- Lehre. Von vr. H. Sänger. (Fortsetzung.) Ein anderes Beispiel! Da müht sich Jemand sein Leben lang, brav, rechtschaffen und ehrlich zu sein. Er darbt lieber und hungert, als sich im Kampf um's Dasein sogen, unerlaubter Mittel zu bedienen, um sich des Lebens allernothwendigste Bedürfnisse zu verschaffen. Der ehrliche Narr stirbt frühzeitig aus Mangel und Entbehrung. Die Menschen aber wissen nicht einmal von diesem Kampf des braven Mannes, kümmern sich auch weiter nicht darum. Und was hat die Welt davon? Und hat er sich dadurch weiter entwickelt, oder hat die Welt sich durch ihn entwickelt? Wo ist die Natur, wo das Naturgesetz, wo die Notwendigkeit, zu hungern, um nur ganz ehrlich, ganz rein und makellos zu — sterben? Der Kampf um's Dasein sollte im Gegentheil ihn, gleich den übrigen Thieren, zuerst auf dasAllernothwendigste, auf die Selbsterhaltung Hinweisen, zu kämpfen um seine Existenz. Ein drittes Beispiel! Da siecht Jemand langsam dahin. Tag für Tag sieht er mit vollster Gewißheit sein Ende herannahen. Er hat die Lust am Leben verloren; nichts kann ihm mehr Genuß gewähren, nur das Gefühl des Schmerzes führt ihm die Gebrechlichkeit seines Körpers vor. Warum wohl sollten derartig leidende, unheilbare Menschen nicht ihren Leiden ein Ende machen? Was sollte sie zurückhalten? Wäre es nicht vernunftgemäß? Die Darwinisten werden es aber wohl nicht wagen, derartige logische Consequenzen ihrer Kampsum'sdasein - Theorie zuzugestehen, werden entrüstet thun, wenn man darauf, als auf die unerbittliche Logik dieser Theorie, hinweist; aber — Thatsachen lassen sich mit aller Entrüstung nicht wegdemonstriren. Solche Moral herrscht heute vielfach als Folge der darwinistischen und verwandter Anschauungen. Es ergibt sich schon daraus, daß der Kampf um's Dasein nicht entwickelt, nicht fördert, nicht vervollkommnet, sondern.entartet und vernichtet. Wenn trotzdem die Welt heute im Großen und Ganzen nicht so entartet ist und hieraus der Beweis I erbracht werden soll, daß die Moral der Entwicklungs-Theorie nicht auf die oben angedeutete Bahn sich verirrt, so ist dieser Beweis dennoch grundfalsch. Daß die Menschheit nicht so weit abgeirrt, haben wir wohl nur der Schöpfungslehre zu verdanken, aus der seit Jahrtausenden die Welt ihre Moral geschöpft hat. Doch angenommen, der Darwinist erkenne das, was wir gewöhnliche Menschen als Moral bezeichnen, auch von seinem Standpunkte aus an, obwohl wir ihn dann einer Inkonsequenz zeihen müßten, dafür in seiner Weltauffassung keine Berechtigung finden könnten; dann wäre aber sicherlich die Frage gestattet: Aus welchem Grunde er denn die Moral fördere? Ein edleres Motiv könnte man hiefür doch nicht angeben. Entweder sie wäre eine instinctive, von der Natur in uns hineingelegt, wie sie auch bei den Thieren sich vorfindet, so daß Thiere derselben Gattung unter sich in Frieden leben und nur Thiere anderer Gattung als Feinde und als Objecte, sich ihrer zu ihrer Ernährung zu bemächtigen, betrachten; oder sie wäre aus der Nothwendigkeit entstanden. Das wäre aber ein Beweis gegen die Theorie des Kampfes um's Dasein. Sobald man also eine Moral für nothwendig erklärt, kann man nicht mehr aufrichtiger Darwinist sein, da er sich in Widerspruch mit der eigenen Haupt-Theorie setzt. Man könnte nun einwenden: was liegt auch daran, ob die Moral aus höheren, edleren Motiven, oder n'ur aus instinctiver, gleichsam unbewußter Ursache in uns vorhanden ist, wenn nur dasselbe Resultat erzielt wird? Ist es aber so ausgemacht, daß es auch unbewußte Moral geben kann? Wir glauben, daß es nur eine bewußte Moral gibt. Daß Moral auch von den Menschen geübt und empfohlen wird, welche die Natur als Quell alles Seins betrachten und das Individuum mit seinem Tode in die Arme der Natur zurückführen lassen, das ist noch kein Beweis für ihre Anschauung, sondern es ist das Seelische im Menschen, das unbewußt hierbei zum Ausdruck kommt und einer tiefer liegenden Ursache zu verdanken ist. Die Moral findet ihre Berechtigung und Entwicklung nur in dem Geistigen in uns. Was unter Moral verstanden wird, beruhtauf dem Unterschiede zwischen dem absolut Guten und dem absolut Bösen. Wenn ich aber behaupte, daß wir nur einem Z u f a l l e unsre Existenz verdanken,