Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1882)
- Date
- 1882-02-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447906--18505-2474550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
183 thum und Ehrenstellen. Als Anastasius starb, verdrängte der Emporkömmling die Neffen des Kaisers und bewirkte durch Hinterlist und Bestechung seine eigene Erhebung. Da er alt und kinderlos war, so nahm er seinen Neffen Justinian, den Sohn eines dardanischen Ziegenhirten, zum Gehilfen in den Regierungsgeschäften an. Nach dem Tode seines Oheims wurde Justinian Alleinherrscher des großen oströmischen Reiches. Er vermählte sich nun mit Theodora, einer ehemaligen, durch Sittenlosigkeit berüchtigten Schauspielerin von der Insel Cypern, die Geist und Klugheit mit Schönheit und Herrschsucht verband und ihr früheres, schamloses Leben durch äußere Frömmigkeit und kirchliche Rechtgläubigkeit in Vergessenheit zu bringen bemüht war; auf ihren Gemahl, der sie nicht nur als Kaiserin krönen und in öffentlichen Erlassen als seine „Hochehrwürdige, von Gott verliehene Gemahlin" proclamiren ließ, sondern sie sogar zur Mitregentin erhob, übte sie stets einen großen Einfluß, so daß sie auf den Gang der Regierung und die Leitung der Staatsgeschäfte bestimmend einwirkte. Die wichtigsten Entscheidungn gingen von ihr aus; die ehemalige Buhldirne bestimmte die Formen und Gesetze der Rechtglänbigkeit und nöthigte die Mitglieder des Senats und' die großen Feldherren, die Besieger und Zerstörer von Königreichen, bei öffentlichen, feierlichen Sitzungen sich vor ihr niederzuwerfen und ihre Fußspitzen mit den Lippen zu berühren. Furchtbar war ihre Rache und ihre Ungnade. Nicht selten ließ sie Diejenigen, die ihren Haß auf sich gezogen oder die ehemals ihre Gunst genossen, in den unterirdischen, grabesfinsteren Kerkern des Palastes plötzlich verschwinden und langsam verschmachten. — Die Herrschsucht, der Stolz, und der Ehrgeiz Justinians waren unbegrenzt: Ein Staat, eine Kirche, ein Gesetz sollten die Welt beherrschen. Man kann sich denken, daß diesem Kaiser der Brief Amalasuntas, welcher seine Hilfe und seinen Beistand erflehte, einen willkommenen Anlaß bot, Rom und Italien wieder zu gewinnen und das alte einheitliche, römische Reich wiederherzustellen. In einem der schmalen Gemächer des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze Zeit nach dem Feste der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher Gestalt, in sorgenschweres Sinnen versunken. Es war still und einsam rings um ihn. Obwohl es draußen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, welches nach dem Hofraume des weitläufigen Gebäudes führte, mit schweren, golddurchwirkten Teppichen dicht verhangen; gleich köstliche Stoffe deckten den Mosaikboden des Zimmers, so daß kein Geräusch die Schritte des langsam auf und ab Wandelnden begleitete. Gedämpftes, mattes Licht füllte den Raum. Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, welche den Orbis romanus darstellend, auf purpurgesäumtem Pergament, eine der Wände bedeckte. Nach langem, prüfendem Blicke seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten Gesicht und Augen. Es waren keine schöne Augen, es war kein edles Gesicht; aber Wachsamkeit, Mißtrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blicke der tiefliegenden Augen; schwere Falten der Sorge mehr als des Alters, furchten die vorspringende Stirn und die mageren Wangen. „Wer den Ausgang wüßte!" seufzte er noch einmal, die knochigen Hände reibend. „Es treibt mich unablässig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren und mahnt und mahnt." Und wieder schritt er unschlüssig auf und nieder, wer weiß, wie lange noch, wäre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden. Ein goldschimmernder Diener warf sich vor dem kleinen Manne zur Erde mit auf der Brust gekreuzten Armen. „Imperator", sagte er, „Alezandros, Dein Gesandter, ist aus Italien zurückgekehrt und bittet um die Gnade, vor Dir erscheinen zu dürfen." „„Geduld"", sagte der Kaiser, sich auf einem Ruhebett mit dem Gestell von Gold und Elfenbein niederlassend, „„rasch die Silberschuhe und die Chlamys." " Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen Absätzen an, welche die Gestalt um ein Paar Zoll erhöhten, und warf ihm den faltenreichen mit Goldsternen übersäten Mantel um die Schulter, jedes Stück der Gewandung küstend, wie er es berührte, nach einer Wiederholung der fußfälligen Niederwerfung, welche in dieser orientalischen Unterwürfigkeit erst neulich verschärft worden war. Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochene Porphyrsäule aus dem Tempel von Jerusalem gestützt, welche zu diesem Behufe nach seiner Größe zürechtgeMt war, in seiner Audienzattitude dem Eingänge gegenüber. Der Vorhang ging zurück, und der Gesandte, ein schöner, junger Mann betrat das Gemach mit der gleichen Begrüßungsform wie jener Sklave. Ungeduldig winkte der Kaiser dem Gesandten, sich vom Boden zu erheben. „Nun, Alexandros", fragte er, „wie verließest Du das Gothenreich?" „„In großer Verwirrung. Hier, der Brief der Königin wird Dir näheren Aufschluß geben."" Bei diesen Worten ließ er sich wieder zur Erde nieder und überreichte dem Kaiser eine Wachstafel. Dieser nahm dieselbe, zerschnitt die sie umhüllende Pupurschnüre und las: