Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1882)
- Date
- 1882-02-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447906--18503-2474548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
181 tfi in Brody zur Vertheilung dieser Summen gebildet, den Flüchtlingen aber keine Angabe gemacht worden in Betreff der Richtung, die sie verfolgen, oder des Landes und der Stadt, wohin sie sich am besten begeben könnten. Das C.-Eomittz hat in dieser Beziehung keinerlei Verantwortlichkeit übernehmen wollen und dieselben ihren eigenen Eingebungen überlassen zu müssen geglaubt. Das Hilfswerk der Alliance an der russischen Grenze kann also als beendet erachtet werden; die Alliance hat also unter dem Druck der öffentlichen Meinung und der Leiden der Flüchtlinge von Brodh ihr Möglichstes gethan, um diesen Flüchtlingen beizustehen und ihnen die Hilfsmittel zu bringen, welche die Barmherzigkeit der Israeliten unserer Länder ihnen darbot; nachdem jedoch diese Pflicht erfüllt ist, muß sie uothwendig einhalten. Es ist aus den eben auscinandergesetztm Gründen dem C.-Comite bis auf Weiteres unmöglich, sich bei irgend einer Expedition der Emigranten nach Amerika zu betheiligen; cs hat sich obencin gegen den Board von New-Aork formell verpflichtet, es nicht zu thun. Die Züge aus Brody, welche nach der Abreise des H. Netter gekommen sind, haben sich von selbst gebildet ohne Mitwirkung des C.-Comite ohne sein Wissen und gegen seinen Willen; das provisorische Comite von Brody soll daran nicht mehr theilnehmen; denn cs hat nur die einzige Aufgabe, den eben genannten 1256 Personen die bezeichn ueten Hilfsgelder auszuzahlen und außerdem für einige Kinder, von denen wir bald sprechen werden, Sorge zu tragen. Ohne Zweifel wird das Central- Comitö bemüht bleiben, noch einige Unterstützungen den gegenwärtig in Brody sich aufhaltenden Flüchtlingen zu bieten, denen beizustehen eine Pflicht der Menschlichkeit zwingt, aber die Lasten, die es hat, sind schon jetzt so beträchtlich, daß es zu diesem Zwecke nur eine sehr geringe Summe ausbieten kann. Abgesehen von den Expeditionskostcn, die es für die 1600 nach Amerika geschickten Personen ausgegeben hat, hat es außerdem einen sehr bedeutenden Beitrag an den Board von New-Aork und Subventionen an verschiedene andere Comit5's bewilligt. Es sind ferner 28 russische Knaben auf Rechnung der russischen Subscription in der Ackerbauschule von Jaffa untergebracht worden, wo sie eine Profession erlernen und zur Begründung einer selbstständigen Existenz vorbereitet werden sollen; 25 andere Knaben sind augenblicklich noch unter Aufsicht des Comit^'s von B.ody, werden aber gleichfalls sobald als möglich in Jaffa untergebracht werden. Vor Allem aber ist ein Reservefond nöthig zur Unterhaltung dieser Kinder, von denen einige noch sehr jung sind, ferner zu weiterer Unterstützung der amerikanischen Comit^'s und endlich zur späteren Expedition derjenigen Frauen und Kinder nach Amerika, welche von ihren Männern, resp. Vätern einstweilen in Europa zurückgelaffen worden sind. Die Mittel fehlen uns also, um neue Subventionen von Bedeutung bewilligen zu können. Uebrigens scheinen die gegenwärtig in Brody sich noch aufhaltenden Flüchtlinge meistens nicht aus Rußland, sondern aus Polen und Galizien zu sein; wenn das C.-Comittz oder die Hilfscomitü's diese Leute weiter unterstützen oder nach Amerika schicken wollten, so würde der Zufluß von Flüchtlingen nach Brody ohne Aufhören sortdauern und kein Ende nehmen; Tausende von armen Leuten aus Polen unb Galizien oder anderen Gegenden, wo nicht die geringsten Verfolgungen stattgefunden, würden weiter nach Brody kommen und unsere Hilfe anrufen. Man muß absolut diese Bewegung, die sehr gefährlich werden und den Gemeinden unserer Gegenden die ernstesten Schwierigkeiten bereiten kann, bei ihrem Beginn aufhalten. Dagegen sind unsere Gemeinden, wir zweifeln nicht daran, bereit, den wirklich aus Rußland kommenden Israeliten beizustehen, welche die Verfolgung aus ihrem Heimathslande vertrieben hat. Sowie diese schrecklichen Excesse in Rußland begannen, mußte man auf eine nach unseren Ländern gerichtete Auswanderungsströmung gefaßt sein. Die Israeliten Rußlands kennen seit Langem den Weg ins Ausland und sogar nach Amerika. Die Navigations- Compagnien wissen, daß in den letzten Jahren Tausende derselben nach Ainerika gereist sind, und der Board von New-Iork weiß, wie viel Tausende nach den Vereinigten Staaten gekommen sind, ehe es Verfolgungen in Rußland gab. Es war unmöglich, daß die Leiden 'Und Schrecknisse des Jahres 1881 nicht eine große Menge der Verfolgten nach unseren Gegenden, vor Allem nach Deutschland und Oesterreich, sodann nach Frankreich und England getrieben hätten; sie kamen überall hin, nach Paris und London, wie nach Berlin, Hamburg und Wien; das Wohlthätigkeits-Comitv der israelitischen Gemeinde von Paris sah in diesem Winter die Zahl seiner Pfleglinge sich verdoppeln und es beklagt sich nicht hierüber; denn es weiß, daß es eine Pflicht der Menschlichkeit und der brüderlichen Liebe zu erfüllen hat. Hier hört die Action der Alliance auf und beginnt die der Gemeinden und Wohlthätigkeits- Comitö's. Wenn auch anfänglich gewisse Gemeinden angesichts der Schwierigkeiten, die ihnen die Emigranten brachten, zweifeln konnten, was sie zu thun hätten, so haben sie, seitdem diese Emigration unvermeidlich geworden, sicher erkannt, daß es kein Mittel gab, ihr zu begegnen und sie zu verhindern, und konnte man es, wer hätte es gewagt, diese Unglücklichen in das Joch der Verfolgung zurückzustoßen? Angesichts einer solch' großen Calamität ist die