Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1882)
- Date
- 1882-02-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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179 fach die: Alle Handwerke, absolut alle! Ein Theil der Handwerke wird von der christlichen Bevölkerung gar nicht und der andere Theil nur in sehr geringfügigem Maße betrieben. Die jüdischen Handwerker sind nicht nur qualitativ die besten und fleißigsten, sie sind auch der Zahl nach in solch überwiegendem Maße vorhanden, daß die christlichen neben ihnen gar nicht in Betracht kommen. Alles, was der Wilnacr Bürger, sei er nun arm oder reich, vornehm oder gering, an Kleidung, Nahrung und Wohnung bedarf, sei es nun in den Qualitäten des Notwendigen, des Nützlichen, des Schönen und Angenehmen befaßt — das Alles wird von Juden gefertigt. Vorzugsweise jedoch — wir legen einen ganz besonderen Nachdruck auf dieses Wort — sind alle Baugewerke in den Händen der Juden. Nur hie und da trifft man einmal auf einen christlichen Bauhandwerker. An allen den Synagogen- und Anstaltsbauten mit ihrer reichen Ausstattung hat sicher kaum ein nichtjüdischer Handwerker noch Arbeiter theilgenommen. Aber auch an den neuesten Kirchenbauten haben die Juden mitgeholfen. Eine wahre Geschicklichkeit bekunden die Juden in dem äußeren Ansschmuck und Aufputz der Häuser und vorzugsweise der Läden. Ich habe nie in einer Stadt so viel bunte Schilder und Aufschriften wahrgenommen, wie in den russisch-jüdischen Städten. Kein Laden und kein Lädchen ohne ein nach Form und Farbe corrcct gemaltes Schild, worauf alle die Embleme sich befinden, die den Geschäftsbetrieb anzeigen. Die bunten Buchstaben sind theilweise von zierlich verschlungenen Arabesken umgeben, theilweise scheinen sie wie dorthin gelegt und so voller Plastik und Leben, als ob sie aus der Schrifttafel heraustreten wollten. Dabei kommt dem Maler freilich auch die Form des russischen Alphabets sehr zu statten. Hier könnte die Schildmalerei ihre Studien machen. Diese Schilder und Firmenausschristen bilden eine ganz besondere Zierde der Stadt und verbreiten über das Straßengewoge und den Geschäftsbetrieb das lebhafteste Colorit. „Auch zu den Dacharbeiten — das habe ich mit meinen eigenen Augen zu sehen Gelegenheit gehabt — werden vorzugsweise die Juden herangezogen. Wenn die Kirchenkuppel mit Zink au überziehen und mit lebhaft blauer oder grüner Oelfarbe zu bemalen, wenn der Goldglanz des gewaltigen Knopfes wieder aufzufrischen ist, so muß immer ein Jude da hinauf, welcher das Wagestück übernimmt und ausführt. Hier in Wilna habe ich von der Arbeit der Juden Respect erlernt, schon indem ich zu sehen Gelegenheit genommen und bekommen, wie der einfache, nicht zünftige Straßenarbeiter sich anstrengt. Diese Menschen arbeiten mit Ueberanstrengung beim Holzhauen, beim Lasttragen, beim Straßenreinigen u. s. w. In Rudeln stehen sie mit stricken um den Leib an den Straßenecken, bis sie zur Arbeit verlangt werden. Alle diese Arbeiter sind sammt den Straßenpflasterern, welche zünftig sind, nur Juden. Unter ihnen trifft man auch nicht einen einzigen Christen. Auch eine übermäßige Concurrenz dulden diese nicht. Wenn ein neuer Lastträger — das ist ihre offizielle Bezeichnung — der ihnen nicht gefällt, sich in ihre Beschäftigungsweise eindrängen will, so darf er sich auf eine Zurückweisung gefaßt machen, welche ihm einen jeden weiteren Versuch auf immer verleiden wird. Wenn dagegen einer ihrer vielen alten und schwachen Mitarbeiter eine Einzelarbeit zu verrichten übernommen hat, die seine Kräfte übersteigt, so ist sofort ein jeder von ihnen bereit, ihm unentgeltlich beizustehen. Wird einer krank, so vollenden ihm die anderen die angefangene Arbeit, treten für ihn ein zu jeder regelmäßigen Dienstleistung, die in Accord genommen, lassen ihm die Bezahlung zukommen und halten ihm die Stellung bis zu seiner Wiedergenesung offen, unterstützen auch die Seinigen von ihrem sauerverdienten Lohn." Dem Verfasser ist es gelungen, ein farbenreiches und ansprechendes Culturbild von einem Theile der russischen Juden zu entwerfen Wir glauben, daß dieses warm geschriebene Büchlein dazu beitragen wird, das Interesse für unsere jetzt so schwer geprüften russischen Glaubensgenossen zu heben und zur thätigen Mithilfe anzueifern. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Hadamar, 15. Febr. 1882. Infolge Ihres Artikels in Nr. 6 des Israelit: „Unsere Glaubensgenossen in Rußland" hat sich in hiesiger Gemeinde ein Verein zur Unterstützung der bedrängten Brüder in Rußland gebildet. Die Mitglieder zahlen einen wöchentlichen Beitrag (Jsch kematnat Jodo) und werden diese Gelder monatlich an eine größere Sammelstelle gesendet. Hoffentlich werden andere Gemeinden ein Gleiches thun, da nur bei vereinten Kräften, wenn Jeder sein Scherflein beiträgt, es möglich wird, den armen, schwer Heimgesuchten etwas Linderung zu verschaffen. Frankreich. Paris. (Monatsbericht sDezemberj der „All. Jll. Itnto."). (Die Israeliten von Rußland). Wie wir im