Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1882)
- Date
- 1882-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Kinder und die vorhandenen Fonds für Armenunterstützung rc. können ihrer Bestimmung nicht zugeführt werden. Dabei sind in solchen Ortschasten geräumige Wohnungen für geringen Preis zu miethen und können sich anspruchslose Familien mit Leichtigkeit daselbst ernähren. Solche Ortschasten sind gewiß geeignet, russische Emigranten aufzunehmen. Man könnte diesen das Geld, welches die Ueberfahrt nach Amerika kosten würde, in die Hände geben, was ihnen für den Anfang genügendes Betriebskapital gewähren würde. Wir erlauben uns, die Herren Rabbiner, Vorsteher, Lehrer und sonstige einflußreiche Persönlichkeiten auf diesen unfern Vorschlag aufmerksam zu machen und ersuchen sie, sich mit derartigen kleinen Gemeinden in Verbindung zu setzen und sie zu veranlassen, einen Theil der russischen Emigranten bei sich aufzunehmen und ihnen bei der Ansiedelung behilflich zu sein. Wir sind gern bereit, alle diesbezüglichen Vorschläge entgegenzunehmen und alles Weitere zu veranlassen. Vielleicht gelingt es auf diese Weise, einer großen Anzahl bedrohter Glaubensgenossen eine neue Heimath zu schaffen. Wir legen nochmals allen edlen Glaubensgenossen die heilige Pflicht an's Herz, hier thätig mitzuwirken und schließen mit dem Ausspruche unserer Weisen: «OD O^J/ rnN t£'2J D”pon Pd Literarischer Jericht. Drei Tage in Jüdisch - Rußland. Ein Eultur- und Sittenbild, entworfen von Dr. I. Rülf, Frankfurt am Main. Verlag von I. Kauffmann 1882. Der Verfasser begab sich zunächst nach Wilna. Diese Stadt hat mehr als 120,000 Einwohner, wovon die Mehrzahl, der Kern der Bevölkerung, Juden sind. Wilna besitzt etliche und achtzig verschiedene Gotteshäuser und ebensoviele Minjanim, Privatkokale, woselbst man sich Tag für Tag zu den bestimmten Zeiten ßum Gottesdienste versammelt. Alle diese Gotteshäuser, theils zu ebener Erde, theils eine oder mehrere Stiegen hoch gelegen, sind kleinere odergrößere Räume mit einer Bima zum Vorlesen der Thora in der Mitte, theils ganz schmucklos, theils mit allen möglichen Zierrathen ausgestattet und dienen nicht allein zum Beten, sondern auch zum „Lernen" (Studium der Religionsurkunden). Die Namen „Schul", „Beth-Hamidrasch", „Klaus" unterscheiden sich in ihrem Gebrauche nicht wesentlich. Die Schul soll nur zum Gottesdienste dienen, das schließt jedoch nicht aus, daß darin auch recht fleißig gelernt wird. Das B .-Hamidrasch ist vorzugsweise Lehrhaus, allein audf die regelmäßigen Gottesdienste an Wochentagen, Sabbaten und Feiertagen finden dort statt. An vielen Stellen, wo die Schul zum Lernen nicht geeignet ist, befindet sich neben oer Schul gleich ihr Beth-Hamidrasch zum Studium der Religionsschriften. Die Klausen sind entweder alte Stiftungen mit oder ohne Fonds zu ihrer Unterhaltung, oder sie sind das Ekgenthum gewisser Chewros (Vereine), welche dort ihr Lehr- und Bethaus aufgeschlagen haben. Wilna besitzt mehr als zwanzig Chewros-poalim (Handwerker-Vereine) mit ihren Bet- und Lehrhäusern. Manche Gewerke, wie die Fleischer, die Kürschner, die Schneider, die Schuhmacher, haben sogar zwei bis drei solcher Klausen, selbst die Schornsteinfeger haben in Wilna ihre eigene Klaus. Die Fleischer unterhalten mit ihrer Klaus eine Jeschiwa (hohe Schule der talmudischen Wissenschaft) und über 80 Bochurim (Talmudjünger). Nachdem der Verfasser geschildert, wie fleißig das Thorastudium in Wilna betrieben wird, beschreibt er einen Gang durch die Straßen der Stadt. Herr Dr. Rülf erzählt: „Wir traten hinaus auf die volksbelebten Straßen, nichts als Juden begegnen uns. Wir kommen an dem Wochenmarkt vorüber, wo auf weitem und breitem Raum Kopf an Kopf sich drängte. Käuferinnen und Verkäuferinnen — nichts als Jüdinnen; denn auch für die Haushaltungen der christlichen Herrschaften bis hinauf zum General- Gouverneur besorgen Jüdinnen die Einkäufe. Wir sehen uns um in den Werkstätten der Handwerker, welche bei offenen Fenstern in den tiefen Erdgeschossen, wie mitten ans der Straße, arbeiteten. — Meister, Gesellen und Lehrburschen, nichts als Juden. Unzählige Wagen durchkreuzten unfern Weg, Droschken, Arbeits- und Staatswagen — die Kutscher und Fuhrleute waren zum wenigsten meistentheils Juden. Wir kamen an zahlreichen Baustellen vorüber — alle daselbst beschäftigten Handwerker und Arbeiter waren absolut nur Juden. Aus einem weitausgedehnten Arbeitsplätze für Bauhandwerker, auf welchem das regste Arbeitsleben sich kundgab, habe ich — das kann ich versichern — nur Juden bemerkt." Wahrhaft herzerhebend ist, was der Verfasser über die Wohlthätigkeitsanstalten und über die Wohlthätigkeit der Israeliten überhaupt erzählt.! Wir müssen es den geehrten Lesern überlassen, die- | sen imposanten Abschnitt in dem Buche selbst nachi zulesen. Wir können uns jedoch nicht versagen, dasjenige wiederzugeben, was der Verfasser über die jüdischen Handwerker in Wilna berichtet: „Welche Arten von Handwerken werden von den Juden betrieben? Die Antwort hieraus ist ein-