Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1882)
- Date
- 1882-02-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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165 wartet unbeschrien ein Cheder 6) voll Kinder, und darunter sind mehr Kinder von armen Leuten, als Kinder von Kezinim'), die Euch zahlen, Euch laß ich auf ka Fall warten!" und als sich der große Haufen öffnete, um dem Melamed den Weg frei zu machen, fuhr Reb Nochum, um die Anwesenden zu täuschen, mit listigem Augenzwinkern zu Reb Elfte gewendet fort. „Um das Geld wertr ich Sonntag den Gesellen zu Euch schicken, da Hab'ich gar keine Dagos 8), Ihr seid kein Oschir8), aber ein braver, ehrlicher Mann!" Nun drängte sich ungestüm, alle Andern mit ihren spitzen Ellenbogen bei Seite stotzend, die Schuhflickerin Veile, eine im Ghetto nicht sehr beliebte Persönlichkeit, vor; als sie des ihr bestimmten Fleischstückes ansichtig wurde, schrie sie: „Reb Nochum leben!'8) seid gesund und stark, gebt mir die Hälfte Rothfleisch, ich will für die Kinder e Fleischkaul") backen." Der Metzger kam diesem Wunsche nach und reichte ihr zwei Stücke verschiedener Sorte, aber Veile betrachtete das Rothfleisch mit prüfenden Blicken, wollte sich eine abfällige Kritik desselben gestatten und dasselbe zurückschieben. An des Fleischhauers Stirne begann sich schon die Zornesader zu zeigen; aber zu Veile's Glück siegte noch rechtzeitig der Humor über seine Heftigkeit, mit einem donnernden Gelächter rief er: „Mach' Sie mich nit meschuge^), Veile! e geschenkter Gaul, sieht man nit in'sMaul!" welche gelungene Travestie eines schon damals bekannten deutschen Sprüchwortes unter den Anwesenden stürmische Heiterkeit erregte, und laute Beifallsbezeugungen, namentlich beim krummen Jtzig (nach seiner ehemaligen Profession, die er aber später mit dem Schnorrerhandwerk vertauschte, auch Jtzig Schneider genannt) hervorrief. Kaum hatte Veile Schuhflickerin ihren Platz an der Fleischbank verlassen, als sich eine lang aufgeschossene, entsetzlich magere Person — von welcher der boshafte krumme Jtzig behauptete, sie wäre einmal durch sein Nadelöhr gefallen — vordrängte. Ohne sich von der schmählichen Niederlage, die ihre unmittelbare Vorgängerin erlitten, abschrecken zu lassen, erhob auch sie gegen das ihr gereichte Fleischstück Einwendungen. „Reb Nochum leben!" kreischte sie im höchsten 6) Zimmer, hier so viel als Schulzimmer, Lehrzimmer. 7) reichen Leuten. 8) Sorgen. 9) reicher Mann. 10) Lieber Reb Nochum. 11) Gehacktes Fleisch mit Fett und Eiern, das in Kegelsorm gebacken wird. Im Prager Ghettojargon wurde aus nns unerfindlichen Gründen eine Kugel in „Kaul" verderbt. 12) toll. Diskant, „was gebt Ihr mir da für e Portton, das sind ja lauter Beine!" Der krumme Jtzig, der in der Regel zuletzt an die Reihe kam und ganz rückwärts stand, ein witziger, aber verbitterter und boshafter Mensch, schrie jetzt plötzlich: „Nehmen Sie's nur, sonst chappts l3) der Hund!" und als sich alle Köpfe nun umwandten, bemerkte der Haufe, daß LöbMunitz, aus der Rabbinergasse kommend, sich durch die Fleischbank nach der Zigeunergasse") wenden wollte. „Jtzig hat recht!" ließen sich viele Stimmen vernehmen, „e Hund is da, e Hund is ba!" Munitz blieb einen Moment betroffen stehen, eine flüchtige Rothe überzog sein Gesicht, im ersten Augenblicke schien es, als wolle er auffahren, im zweiten, als wolle er dem Pöbelhaufen ausweichen und einen andern Weg einschlagen, — im dritten lächelte er unmerklich und setzte seinen Weg, ohne seinen Schritt zu beschleunigen oder Zorn zu verrathen, an dem verhöhnenden Pöbelhaufen ruhig fort. Nach und nach waren die Meisten schon betheilt und es mochten nur noch etwa acht oder neun Menschen anwesend sein, als wieder eine neue Person die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Reb Kalmen Opotschna, einen mächtigen Rohrstock mit Silberknopf in der Hand, schritt nach der Sitte jener Zeit, von einem Meschores^) gefolgt, gravitätisch über die Straße. Die Leute traten ehrerbietig bei Seite, grüßten ihn unterwürfig, was er nur mit einem unmerklichen Kopfnicken erwiderte, plötzlich blieb er mitten in der Straße stehen und sprach zu seinem Diener: „Sagt dem Katzow^), er soll mir noch fünf Pfund Fleisch auf Schabbos schicken, ich habe da den polnischen Chassan"), der heute Nacht bei uns orenw) wird, getroffen und Hab' ihn mit seinen Meschorerim 19) auf Schabbos eingeladen." Der Diener richtete den ihm gewordenen Auftrag an Reb Nochum aus und Reb Kalmen setzte stolzen Gangs und erhobenen Hauptes seinen Weg fort. „Hast e . feiner choswewer-") Mensch!" schrie Peffel Fischbackerin ihrer Nachbarin Riwke, der Federrupferin, mit der offenbaren Absicht zu, ihre Worte mögen zu dem stolzen Wohlthäter dringen und Riwke antwortete rasch: „Ob er e Choschew is! — Schwören wollt' ich darauf, kein Anderer als Reb Kalmen Opotschna gibt uns jeden Freitag das viele Fleisch; gesund und stark 13) schnappt's. 14) Diese Straße in der Prager Judenstadt führt den Namen von der Synagoge in derselben, welche von Lob Zigeuner, der in Wien begraben liegt, erbaut wurde. 15) Diener. 16) Metzger, Fleischer. 17) Vorbeter. 18) vorbeten, aus dem lateinischen orare verderbt. 19) Sängern, Chorpersonale. 20) würdiger.