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Der Israelit · 1882-02-15 · Heft 7 (15.2.1882) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 7 (15.2.1882)
Date
1882-02-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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164 zu Felde zog. Ihm folgte Kanonikus Farrar, welcher die Agitation zu Gunsten der russischen Juden rechtfertigte und bemerkte, daß die Berichte der „Times" über die Judenverfolgung in Rußland durchaus nicht übertrieben seien, wie von verschiedenen Seiten behauptet werde. Die einstimmig angenommenen Resolutionen lauten wie folgt: 1. daß in der Meinung dieser Versammlung die Verfolgungen und Ausschreitungen, denen die Juden in vielen Theilen des russischen Reiches seit mehreren Monaten ein tief zu bedauerndes Vergehen gegen die Civilisation sind. 2. Daß diese Versammlung, während sie irgend ein Recht oder einen Wunsch, sich in innere Angelegenheiten eines anderen Landes zu mischen, in Abrede stellt, und begehrt, daß die freundschaftlichen Beziehungen zwischen England und Rußland aufrecht erhalten werden, es für eine Pflicht erachtet, ihre Meinung auszudrücken, daß die Gesetze Rußlands in Bezug auf die Juden dazu dienen, dieselben in den Augen der christlichen Bevölkerung zu entehren und jüdische Unterthanen den Ausbrüchen fanatischer Unwissenheit auszusetzen. 3. Daß der Lordmayor ersucht werde, eine Abschrift dieser Resolutionen dem sehr ehrenwerthen W. E. Gladstone und dem sehr ehrenwerthen Earl Granville zu überreichen, in der Hoffnung, daß die Regierung im Stande sein dürfte, bei geeigneter Gelegenheit einen freundlichen Einfluß auf die russische Regierung in Uebereinftimmung mit dem Geiste der vorstehenden Resolutionen auszuüben. 4. Daß im Mansion- House ein Unterstützungsfond für die durch die jüngsten Ausschreitungen geschädigten russischen Juden, und Verbesserung ihrer Lage durch Auswanderung oder in sonstiger Weise zusammengebracht werde. Das Comite soll aus dem Lordmayor, dem Erzbischof von Canterbury, Cardinal Mannig, dem Bischof von London, Sir Nathaniel de Rothschild und Anderen bestehen. Feuilleton. Löb Wunitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem erstenDrittel des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) Es war eben Freitag Vormittag und vor dem Fleischerladen RebNochum's stand ein großer Haufen Menschen, in dem die Frauen die weit überragende Majorität bildeten. Reb Nochum war ein großer, dicker, starker Mann im Anfang der vierziger Jahre, mit einem runden, rothen, lustigen Gesichte und einem glänzenden, breiten, schwarzen Barte, der ihm weit auf die Brust niederhing. Reb Nochum war ein gutherziger Mann von heiterer Gemüthsart, der Witz besaß und eben so gerne über seine eigenen, zuweilen allerdings etwas derben Spässe lachte, als auch für die guten Einfälle Anderer ein dankbares Publikum abgab, — und wenn er in ein donnerähnliches Lachen ausbrach, auch den schwärzesten Melancholiker mitzureißen vermochte. Nur reizen durfte man den eben so gutherzigen als jähzornigen Mann nicht; wenn er in Zorn gerieth, wandte er aller guten Lebensart in auffälligster Weise den Rücken und begnügte sich nicht immer mit Verbalinjurien. Vor Kurzem erst war er mit genauer Noth — nur in Berücksichtigung seiner anderweitigen schätzbaren Eigenschaften — dem traurigen Schicksale, acht Tage im Gemeindekarzer brummen zu müssen, entgangen, ja, seine Gegner — welcher Mensch hätte deren nicht? — pflegten mit besonderer Vorliebe eine vor zwei Jahren vorgefallene Begebenheit durch lebhaft schildernde Wiedergabe in der Erinnerung aufzufrischen, wo Reb Nochum in der Poliße *) um eines unbedeutenden Wortstreites willen dem Baß1 2) eine so wuchtige Ohrfeige ertheilte, daß dieser den Verlust zweier kerngesunder Zähne zu betrauern hatte. Damals hatte ein vernichtendes Damoklesschwert über Reb Nochums Haupt geschwebt. Der Gemeindevorstand hatte im Einvernehmen mit dem Rabbinate den Jnculpaten zu einer strengen Strafe verurtheilt, er sollte für volle zwei Monate den Chower3) verlieren, und nur dadurch, daß der eher geizige als ehrgeizige Kläger sich mit Vergnügen bereit erklärte, die Ehrenstrafe in eine Geldstrafe, eine Entschädigung für ihn verwandeln zu lassen, war der vor Angst ganz melancholisch und fast mager gewordene Reb Nochum seinem traurigen Schicksale entgangen. Jetzt stand er in einer weiten Jacke und einer vom Halse bis zu den Füßen niederreichenden ursprünglich weißen, jetzt mit Blut besudelten Schürze vor seinem Laden und theilte den Leuten Fleischstücke aus. „Reb Elije!" rief er einem blassen, engbrüstigen Männchen, einem braven Melamed4 5) zu, der an Stelle seiner schwer kranken Frau erschienen und sich bescheiden nnd verschämt im Hintergründe hielt, „kommt Ihr her, Ihr habt awodas hakodesch"), auf Euch 1) Synagogenvorhalle. 2) Bassist, Baßsänger, eine Hauptperson bei dem Chor, welcher die Vorbeter bei ihrem Gesänge unterstützte. 3) ein vom Rabbinate ertheiltes Diplom, das dem Besitzer den Titel „Reb" verleiht. 4) Kinderlehrer. 5) heilige Verrichtung. 0

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