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Der Israelit · 1882-02-15 · Heft 7 (15.2.1882) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 7 (15.2.1882)
Date
1882-02-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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162 die geistig entwickelteren Nationen der physischen und gewiß wie auch der eifrigste Bekenner der Entwickelungstheorie zugestehen wird, auf der Entwickelungsstufe tiefer stehenden Kraft unterliegen, wie das an Hunderten von Beispielen zu erhärten ist. Denken wir nur an Griechenland und Rom im Verhältniß zu den andern Nationen der damaligen Zeit; g e i st i g und physisch hoch entwickelt imb doch wurden sie, man darf sagen, vernichtet von Völkern, die tief unter ihnen standen. Wenn solche Rückschläge in der Entwickelung der Menschheit eintrcten können, so beweist das, daß das Entwickelungsgesetz dem Zufalle unterworfen ist nnd ebensogut die rohe Kraft siegen läßt. Man wird aber triumphirend auf die heutigen Culturvölker Hinweisen und behaupten, daß schließlich doch die geistig entwickelteren Nationen die Herrschaft über die rohe Kraft erlangen werden, daß vielleicht nicht ganz nach Millionen Jahren, sondern in viel kürzerer Zeit die geistige Entwickelung allgemein auf Erden sein werde und in Friede und Eintracht die Völker nur noch einen friedlichen Weltstaat auf geistigem Gebiete führen werden. Das wäre gewiß sehr schön und wünschenswerth. Denn der „Kampf ums Dasein" würde dann wahrscheinlich ein viel gemüthlicherer werden, als er bis heute noch, wo wir doch auch schon ein gut Theil geistig entwickelt sind, sich zeigt und die Entwickelung, die dann bis zu dem unbestrittenen Sieg des Geistes gelangt sein wird, hätte dann doch einen Abschluß und eine Grenze gefunden, daß man recht befriedigt damit sein dürfte. Die Entwickelungstheorie selbst würde so recht ruhig zu Ende geführt werden. Vorläufig kämpfen noch die am besten geistig entwickelten Nationen Europa's einen frischen, fröhlichen, wenn auch oft blutigen -lampf um's Dasein. Eine jede dieser geistig ent'.'.-:.selten Nationen hält sich entwickelter, als die and.ec und — sucht daher mit dem Rechte des Stärkeren und aus der Nothwendigkeit für die eigene Existenz zu sorgen, die andere zu bekämpfen. Nach den neuesten Erfolgen in diesem Kampf um's Dasein, müßte das deutsche Volk das geistig entwickelste sein und hätte Aussicht einst das allein herrschende zu werden, vorausgesetzt, daß nicht ein anderes Volk im Laufe der Zeit das deutsche besiegt und die Weltführerrolle übernimmt. Darwin wird jedenfalls für das eng* lische, Häcke l aber für das deutsche Volk diese Führerrolle in Anspruch nehmen, so daß die beiden Hauptvertreter der Eutwickelungstheorie uns „den Kampf um's Dasein" so recht all oculos vorführen dürften. Würde die gebildete Welt von heute sich nicht durch die Macht der Waffengewalt, also durch physische Kraft, zu schützen wissen, sie würde zweifellos sehr bald von der rein physischen Kraft unterdrückt werden. Nicht in der durch die Entwickelung g est e i g e r t e n Kraft und in der Schwäche der physischen Macht ist die Ursache zu finden, daß heute nicht die rohe Kraft herrscht, sondern weil andere Gesetze, als der Kampf ums Dasein in unserer Welt vorherrschen. Noch schroffer erweisen sich die Folgerungen dieses Kampfes ums Dasein bei den einzelnen Individuen. Gezwungen durch einen uns von Natur aus innewohnenden Trieb, für unsere Existenz zu kämpfen, um so mehr, da wir kein höheres Ziel kennen und kein anderes Loos zu erwarten haben sollen, als alle anderen Thiere, könnte und müßte für uns der Begriff der Moral fortfallen. Was die Menschen zum Schutz der Gesellschaft wie des Einzelnen als Nothwendigkeit, als moralische Gesetze aufgestellt, schließen wir hiervon, als zur höheren, unbedingten Moral gehörend, nicht aus. Mit dem Tode soll das Menschenleben vollständig abgeschlossen sein, soll der Mensch in das Nichts zurücksinken. Was er gethan, hat er für sich gethan; ob gut oder schlecht sein Leben, mitdemjTode ist es abgeschlossen; jede Rechenschaft, jede Verantwortung vor einem göttlichen Wesen fällt weg; der schlechteste Mensch, der sein Leben mit einer Reihe der gemeinsten Verbrechen ausfüllte, kann gerade so beruhigt dem Tode entgegensehen, wie der beste und edelste. Ob die Menschen über ihn ein gutes oder schlechtes Urtheil fällen, kann ihn schließsich sehr gleichgiltig lassen; es kann für ihn ja auch kein Interesse haben für die Welt zu leben, er allein hat berechtigte Anforderungen, seiner Person gilt das Hauptinteresse. Aber nicht nur, daß es ihn gleichgiltig lassen kann, was die Menschen einst über ihn denken, wenn er nicht mehr da ist, dieser Gedanke müßte ihn auch ini Leben gegen die übrige Welt der Geschöpfe sehr gleichgiltig lassen, müßte ihn aber ganz besonders gegen ihn selbst gleichgiltig machen. Was sollte ihn anspornen, sich inimer weiter zu bilden und zu entwickeln und dafür zu ringen und zu kämpfen? Denken wir uns einen Gelehrten, der das Studium der Himmelskörper sich zur Aufgabe gestellt. Er hat weltbedeutende Forschungen gemacht, großartige wissenschaftliche Resultate erzielt, hat sich bei Nacht den Schlaf geraubt, bei Tag keine Erholung gegönnt, um der Welt seine Entdeckungen nutzbar zu machen und hat sich im Interesse der Wissenschaft aufgeopfert. Was machte den Mann so aufopferungsfähig? Was wird der Lohn sein für sein frühzeitiges Ende, für seine Mühe und Entbehrung, und alle die Opfer, die er sich auferlegt hat? Der Tod, der frühzeitige Tod? Wenn der Erhaltungstrieb, wenn der Kampf ums Dasein

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