Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1882)
- Date
- 1882-02-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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160 Der Ruderschlag der Gothen war kräftiger als der der Römer, und immer kleiner wurde der Zwischenraum der beiden Nachen. Aber schon nahten sich die Römer dem Schiffe, das sie erwartete. Hatten sie dieses erreicht, so waren sie in Sicherheit. „Auf, ihr guten Gothen," ries Totila die Seinen ermunternd, „damit wir sie erreichen, bevor sie ihr Schiff besteigen. Suchen wir ihnen zuvor zu kommen und sie von ihrem Schiffe abzuschneiden, dann fangen wir sie gewiß!" Pfeilschnell flog das Schiff der Gothen durch die Fluthen und erreichte die Trireme früher als die Räuber. Im Hellen Mondlicht hatten die Genossen des Lucius Lucinius den weißen gothischen Kriegermantel erkannt und schossen einen Hagel von Pfeilen, der aber an den vorgehaltenen Schildern abprallte, auf den gothischen Nachen. Lucius, der sich von seiner Trireme abgeschnitten sah, ließ in das hohe Meer hinausrudern. Unterdeß war Isaak mit den Seinen im Hafen angelangt. Sie sahen schon vom Ufer aus, wie Totila die Räuber verfolgte. Sein weißer Kriegsmantel glänzte im Mondlicht. „„Auf,"" rief Joseph, „„eilen wir dem Seegrafen zu Hilfe!"" Eiligst wurde ein zweiter Nachen herbeigeholt, in welchen Joseph mit fünf Knechten sprang. Auch Isaak wollte in den Nachen springen; aber Joseph litt es nicht. „„Bleib am Ufer, Oheim,"" sagte er, „„Du wärest uns nur zur Last. —"" „„Und Ihr Freunde,"" rief er den Knechten zu. „„rudert mit aller Kraft, es gilt, eine reiche Belohnung zu erringen!"" Als die Römer den zweiten Nachen vom Ufer abstoßen sahen, ergriff Verzweiflung ihre Herzen. „Wir sind verloren," rief Quintus Aemilius. „Die Trireme können wir nicht erreichen und dort nahen neue Verfolger." „„So will ich dann wenigstens meine Rache haben,"" schrie Lucinius. „„Wenn wir sterben müssen, so sollen sie das Mädchen nicht lebendig finden."" Und er ergriff Miriam mit beiden Händen, hob sie empor und schleuderte sie in's Meer. In diesem Augenblicke war der gothische Nachen ganz mfyi gekommen und Totila sah, wie Miriam ins Meer geworfen wurde. Nicht einen Augenblick besann sich der edle Jüngling; er warf seine Lanze weg und sprang über den Bord des Nachens. Mit kräftigen Armen durchtheilte er das Wasser und batte in wenigen Augenblicken das Glück, die Untersinkende zu ergreifen. Er umfaßte sie mit dem linken Arm und ruderte mit dem rechten, dem ihm entgegenkommenden Schifflein der Gothen zu. Diesen Moment benutzten die Römer und gelangten glücklich an die Trireme, deren Bord ffie rasch erkletterten. Sie waren ihren Verfolgern entgangen. Die arme Miriam war, als Totila sie auf dem Boden des Nachens niederlegte, noch immer gefesselt und selbst dann noch bewußtlos, als man ihre Fesseln löste. Während die römische Trireme in die hohe See stach, erreichte Joseph den Nachen Totilas. Er sprang hinein und sah seine Braut bewußtlos am Boden liegen. Sein Herz erstarrte. „Ist sie todt?" fragte er. „„Nein,"" sagte der Seegras, „„sie ist nur bewußtlos; sie wird ins Leben zurückkehren."" Miriam schlug die Augen auf und sah mit unendlicher Wonne, wie ihr Verlobter sich über sie beugte. „Joseph," flüsterte sie. „„Sie lebt, sie lebt,"" jubelte Joseph. Er hob sie empor; sie vermochte auf ihren Füßen zu stehen. „„Miriam,"" sagte Joseph, „„der Seegraf hat Dir und mir mehr als das Leben gerettet! Wir können Dir niemals genug danken, edler Herr! Möge Gott Dich belohnen."" „Was ich gethan," antwortete Totila, „war nur meine Pflicht. Ich bin der Seegraf von Neapel und mußte die mir anvertraute Stadt vor Seeräubern schützen." Bald landete der Nachen am Ufer, wo Isaak unter heißen Thränen sein wiedergefundenes Kind umarmte. „„Hätten wir nur die Räuber gefangen,"" sprach Totila. „„Aber ich kenne sie; es waren Lucius Lucinius und seine Genossen. Ich werde sie beim König Theodahad verklagen; sie werden ihrer Strafe nicht entgehen."" Ernste Ereignisse jedoch, die bald nachher eintraten, hinderten den edlen Seegrafen, diese seine Absicht zur Ausführung zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).