Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1882)
- Date
- 1882-02-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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159 Räubern Nacheilen, ehe sie das Schiff im 'Hafen! erreichen."" ‘ j Bei diesen Worten wollte Veturia das Haus i verlassen, aber ihre Füße trugen sie nicht. Der Schreck, die Aufregung, die Angst und die Fesseln batten ihre Glieder gelähmt, sie sank kraftlos zu Boden. „„Ich kann nicht,"" ächzte sie, „„laufe Du, Amina, den Räubern nach und befreie mein armes geraubtes Täubchen. Römer sind es, die sie gefesselt und entführt haben. Im Hafen wartet das zur Abfahrt bereite Schiff! Spute Dich, Mädchen, ehe es zu spät wird."" „Wie kann ich," sagte Amina, „den Kampf mit den Räubern aufnehmen! ich werde nach Hause laufen und meinen Herrn benachrichtigen." „„Dann wird es zu spät werden," " jammerte Veturia. „„Laufe nach dem Hafen, Kind, und biete alle Männer, die Dir begegnen, zur Befreiung der süßen Herrin auf."" Amina eilte davon, dem Hasen zu. Alle Gassen waren leer, kein Mann war weit und breit zu erblicken. Amina wollte verzweifeln. Da schaute sie in der Ferne den weißen Kriegsmantel eines Gothen. Der Mann schritt mit großen Schritten vor ihr her; unmöglich konnte ihn das athemlose Mädchen erreichen; ihre Kniee wankte, sie konnte keinen Schritt weiter gehen. Da schrie sie mit dem Aufgebote all ihrer Kräfte mit lauter Stimme durch die stille Nacht: „O, Du gothischer Krieger im weißen Mantel, um Gottes Barmherzigkeit willen, kehre um und komme zu mir her!" Der Mann vernahm die Stimme und drehte sich um. Das volle Licht des Mondes fielauf sein schönes Antlitz, mitten auf seinex. Stirne theilte sich das lichtblonde Haar in zwei lang fließende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine Schultern walleten; Mund und Nase fein, fast weich geschnitten, waren von vollendeter Form; ein leichter Anflug goldhellcn Bartes deckten die freundlichen Lippen und das ein wenig gespaltene Kinn. Der weiße Kriegermantel von feiner Wolle war durch eine goldene Spange in der Greifengestalt auf der rechten Schulter festgehalten. Die römische Tunica war von weicher Seide, mit einer Goldstreif durchwirkt. Weiße Lederriemen befestigen die Sandalen an den Fußen und reichten, kreuzweis geflochten, bis an die Kniee. Um die nackten Arme trug er zwei breite Goldreifen und in der Hand eine hohe Lanze, die ihm zugleich als Stab und Waffe diente. Als er näher fruit, erkannte Amina den Mann. In Neapolis kannte ihn jedes Kind. Es war der Seegraf Totila. „Gelobt jei Gott," rief ihm Amina entgegen, „daß ich Dich hier finde, edler Herr. Meine Herrin, Miriam, des Commandanten Isaak Tochter, ist geraubt von den Römern, deren Schiff im Hasen wartet. Ich flehe Dich an, o Herr, biete Deine Gothen auf und eile zu ihrer Befreiung!" „„Meine Krieger herbeizurufen,"" sagte Totila, „„das würde zu lange währen. Wie viel Männer sind es, die Deine Herrin geraubt haben?"" „Zwei bewaffnete Männer." „„Ich fürchte ein Dutzend Römlinge nicht. Ich werde sofort in den Hafen eilen, um den Räubern ihre Beute abzujagen. Du aber laufe nach Hause und sage Deinem Herrn, daß er mit seinen bewaffneten Knechten mir zu Hilfe komme, wenn etwa noch andere Räuber im Hafen sich ihren Genossen anschließen sollten."" „Habe Dank, edler Herr," sagte Amina und lief, so schnell sie vermochte, dem Hause in der Stadtmauer zu. Man kann sich vorstellen, wie sehr Isaak und sein zukünftiger Schwiegersohn erschraken, als sie die entsetzliche Kunde vernahmen. Sofort bot Isaak seine Knechte auf; auch er und Joseph waffneten sich; dann liefen sie im Sturmschritt dem Hafen zu. Als Lucius Lucinius und Quintus Aemilius die gefesselte Miriam hinwegtrugen, kamen ihnen bald ihre Diener, die an der Straßenecke auf sie warteten, zu Hilfe. Die Diener nahmen ihnen das fast leblose Mädchen ab. ..Eilet," rief Lucinius, „daß wir rasch den Hafen erreichen. Man kann nicht wissen, wie die Sache ruchbar wird. Wir sind nicht eher in Sicherheit, bis wir uns auf hoher See befinden." Ungestört gelangten sie in den Hafen, wo am Meeresufer die Gefährten im Nachen auf sie warteten, der sie an den Bord der Trireme bringen sollte. Da erscholl plötzlich eine mächtige Stimme durch die stille Nacht: „Halt, halt, ihr Räuber." „„Schnell, schnell,"" rief Quintus, „„laßt uns eilen; es ist des Seegrafen Stimme!"" Und der Nachen stieß vom Lande. Auf den Ruf Totilas waren die gothischen Hafenwärter herbeigeeilt. „Schnell einen Nachen herbei," rief Totila ihnen zu. „Räuber haben ein Mädchen geraubt. Wir müssen ihnen die Beute wieder abjagen und den Räubern den verdienten Lohn bezahlen." Seine Worte wurden eiligst befolgt. Fünf Gothen, Totila an der Spitze, sprangen eiligst in den Nachen, um die Räuber zu verfolgen.