Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1882)
- Date
- 1882-02-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXIIL Jahrgang. Erste Beilage zu Ar. 6 -es Äsraelil. Leitender Artikel. Llitwicklungs-Hheorie und Schöpfungs- Lehre. Von Dr. H. Sänger. (Fortsetzung.) Ohne Gebot, resp. Verbot würde aber der Mensch ein zu ruhiges Dasein verbringen, würde sich nicht entwickeln und vervollkommnen, was hier, im Garten Eden, der voll war der herrlichsten Früchte, zum Genüsse einladend, so nahe lag. Da befahl ihm Gott: „Von allen Bäumen des Gar- „tens darfst Du essen, vom Baume der Erkenntniß „des Guten und Bösen aber darfst Du nicht essen, „denn am Tage, wo Du davon issest, mußt Du „sterben." Die bloße Beschäftigung mit der Cultivirung des Gartens und dessen Bewachung kann dem vernünftigen Menschen nicht genügen, er mußte auch eine Aufgabe haben, gut und bös von einander unterscheiden lernen, das Gute zu thun, das Böse zu unterlassen. Vom Baume der Erkenntniß des Guten und des Bösen soll der Mensch aber nicht essen, nicht durch die praktische Erfahrung sich erst überzeugen wollen, was gut oder bös sei, denn der Genuß des Bösen bringt Verderben. Er soll mit seiner Vernunft sich gut und bös klar machen, durch den göttlichen Befehl, durch die göttliche Stimme in seinem Innern, die ihm das Richtige sagen wird und ihn unterscheiden lehrt zwischen gut und bös. Nachdem der Ewige dem Manne seine Beschäftigung angewiesen, seine Aufgabe ihm durch seinen Befehl gezeigt, sprach Er: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehilfin zur Seite machen." Natürlich muß sich ein Jeder die Frage stellen, warum der Schöpfer nicht gleich die Menschen paarweise geschaffen, wie alle übrigen Thiere? Gewiß konnte es nicht gut sein, wenn der Mensch allein blieb, denn wie sollte das Menschengeschlecht sich fortpflanzen? Zudem wird ja schon im ersten Eapitel erzählt, daß Gott die Menschen auch paarweise geschaffen? Aber gerade aus diesem auffallenden, ganz merkwürdigen Berichte soll etwas Besonderes angedeutet werden. Das ist selbstverständ-. lich, daß die Absicht des Schöpfers von vornherein d i e gewesen, die Menschen auch paarweise zu schaffen, wie alle Thiere. Doch der Mensch soll sich ja vom Thiere unterscheiden durch seine Aufgabe. Sein Zweck ist nicht blos, die Gattung zu erhalten, ein den Thieren gleiches Leben zu führen, sondern über diesem Zweck steht vor Allem seine Aufgabe und dann erst kommt die Pflicht, sich zu vermehren. Und deßhalb, nachdem der Mann auf seine Aufgabe hingewiesen, spricht Gott: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehilfin zur Seite stellen; nicht blos um den thierischen Trieb zu befriedigen, nicht blos um durch sie das Geschlecht zu erhalten, sondern um ihm in seiner Aufgabe beizustehen. Die Stellung des Weibes ist dadurch geadelt, wie sie es wohl nicht höher sein kann. Eigenthümlicher Weise schaltet die Schöpfungsgeschichte zwischen diesem Ausspruche Gottes, daß es „nicht gut sei, wenn der Mensch allein sei rc." und der Bildung des Weibes zwei Sätze ein, die lauten: „Der Ewige, Gott, bildete von der Erde alles Wild des Feldes und alle Vögel des Himmels und brachte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er es sich nennen werde und alles Lebenathmende, wie es sich der Mensch nennen würde, so sollte sein Name sein. Und der Mensch nannte mit Namen alles Vieh, alle Vögel des Himmels und alles Wild des Feldes, aber für den Menschen fand er keine Gehilfin, die ihm zur Seite stehe." Für Gott bedarf es keines Namens zur Unterscheidung. Der Mensch aber muß einem jedem Dinge einen Namen geben, damit er unterscheiden kann. Darum überließ es der Schöpfer dem Menschen. Bei dieser Beschäftigung machte nun der Mensch die Bemerkung, daß alle Thiere paarweise geschaffen, und nur er allein sei. Er übersah das ganze Thierreich und fand kein Thier, das ihm gleich wäre, das ihm eine Gehilfin sein könnte. Er erkannte, das alle diese Geschöpfe unter ihm stehen. Und doch waren alle diese Geschöpfe gleichen Ursprungs mit ihm, aus gleichem Stoffe gemacht. „Und es ließ fallen der ewige Gott einen tiefen Schlaf auf den Menschen und er schlief ein; da nahm Er eine seiner Rippen und schloß Fleisch an deren Stelle. Und der Ewige Gott baute die Rippe, die er vom Menschen genommen, zur Frau und brachte sie zum Menschen." Da die Schöpf-