Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1882)
- Date
- 1882-02-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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136 wuth. Du lehrtest mich allerlei Dinge, die ich als Jüdin nicht lernen durfte. Als mein Vater das bemerkte, als alle Bitten, Befehle und Drohungen nichts fruchteten, als Du trotz allemdem Dich fort und fort bemühtest, mich dem Glauben meiner Väter untreu zu machen, da mußte Dich mein Vater aus unsrem Hause entfernen."" „Dein Vater ist ein guter Mann, und er hat mich auch dann nicht verhungern lassen. Allein mein Herz sehnte sich unablässig nach Dir. Ich hielt mich stundenlang in der Nähe Eures Hauses auf, um Dich nur einmal von Ferne zu erblicken. Es war der glücklichste Tag meines Lebens, als Dein Vater mir gestattete, Dich wieder manchmal besuchen zu dürfen." „„Ja, nachdem ich herangewachsen war und nicht mehr zu befürchten stand, daß Dein Geschwätz, Du gute Alte, mich zum Abfall vom Glauben der Väter verführen könnte." " „Es ist sonderbar, daß ich Dich, die doch auf ewig verdammt bist, so grenzenlos liebe. Ich habe sieben Kinder geboren, und keines von ihnen war mir so an's Herz gewachsen, wie Du. Freilich habe ich sie alle bald nach der Geburt verloren. Und auch Dir habe ich ja das Leben gegeben. Du wärst gestorben, wenn ich mich Deiner nicht erbarmt hätte. Und ich sah Dich wachsen und erblühen, und Du bist schöner geworden als die lieben Engelein im Himmel. Und Du bist gut, lieb und sanft. Wie schade, daß Du dereinst nicht in's Himmelreich gelangen wirst." „„Ich bitte Dich, Amme, quäle mich nicht. Ich mag mich nicht mit Dir streiten: Du würdest mich doch nicht verstehen. Wir Juden, wir wissen, daß die Frommen aller Nationen Antheil haben an der zukünftigen Welt. Aber ich, Amme, ich habe schon das Himmelreich auf Erden. Mein Joseph ist der beste und vollkommenste Mann, und ich werde das glücklichste Weib werden, das je gelebt hat."" „Gehe mir, er ist ja nur ein Jude. Seine Nase ist krumm und hügelig. Da solltest Du den edelen Lucius Licinius sehen! Er ist ein echter Römer. So bildeten die alten Heiden ihre Göttergestalten. Ich höre Tritte. Das ist der vornehme Schritt der Licinier." Die Thüre öffnete sich, und Lucius Licinius trat ein. „Wie", rief er, sich vor Miriam verneigend, „ist die Göttin der Schönheit vom Olymp herniedergestiegen, um diese armselige Hütte mit ihrer Gegenwart zu beglücken?" „„Sei mir gegrüßt, Herr"" sagte Veturia, „„wie freundlich von Dir, daß Du mich noch einmal besuchst! Das ist Miriam, die Tochter des Commandanten Isaak."" „Ich bringe Dir, himmlische Jungfrau", sagte Lucius, „die Huldigung dar, die Deiner wunderbaren Schönheit gebührt. Ich hätte Grund, Dich und Dein Geschlecht zu hassen, denn Deines Vaters Einfluß trieb meinen Vater in den Tod. Aber die Schönheit ist eine Königin, die Alles beherrscht, der Alle zu Füßen sinken. Haß, Rache und Feindschaft müssen ersterben, wo die Schönheit ihr allbeherrschendes Scepter schwingt. Ich werfe mich Dir zu Füßen, meine Königin, und bekenne mich als Deinen Sklaven!" Er beugte seine Kniee und suchte die Hand Miriams zu erhaschen. Miriam zog ihre Hand zurück und sprach zornentflammt: „Welche Sprache erlaubst Du Dir, Römer, mir gegenüber! Stehe auf und verlasse dieses Haus. Ich bin eine Jüdin und eine verlobte Braut." Licinius erhob sich. „„Mein bist Du"", schrie er. „„Und wärst Du die Braut des David, der den Goliath erschlug, und wärst Du die Braut des Fürsten der Hölle, Niemand soll Dich mir entreißen!" Und er sprang auf sie zu und erfaßte die sich zu Wehre Setzende, und auf das Geschrei der Jungfrau stürzte Quintus Aemilius herbei, der vor dem Hause gewartet hatte, und er warf ein Gewand über die Jungfrau und zog die Schnüre desselben zu, so daß ihre Bewegungen gehemmt und ihre Stimme gedämpft wurde. „Heiliger Sebastian", schrie Veturia, „was wollt Ihr thun? Laßt mein Goldkind los; ich dulde nicht, daß ihr ein Leid geschähe!" „„Thörichte Alte"", schrie Lucius, „„ich führe Dein Goldkind nach Rom, wo sie die heilige Taufe empfangen und meine Gattin werden soll."" „Schwöre es mir, daß Du nichts Böses mit ihr im Sinne hast!" „„Ich habe keine Zeit zu verlieren, mein Schiff wartet im Hafen. Quintus, binde die Alte und verstopfe ihr den geschwätzigen Mund."" Quintus that so. Dann ergriffen die beiden Männer ihre Beute und eilten davon. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 4L. I. GottZleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).