Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1882)
- Date
- 1882-02-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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135 hin noch Vieles fertig gestellt werden. Da trat ein kleines Mädchen herein, eilte auf Miriam zu und sprach: „Herrin, Deine alte Amme Veturia ist heute wieder sehr schwach und krank. Sie läßt Dich dringend bitten, doch bald zu ihr zu kommen." „„Ich werde kommen"", antwortete Miriam, „„ungefähr um die Zeit, da man zur Vesper läutet."" Das kleine Mädchen entfernte sich. „Seid fleißig, Ihr Mädchen", sagte Miriam, „auch wenn ich nicht bei Euch bin. Schwatzet nicht und fördert die Arbeit. Ihr wißt, an meinem Hochzeitstage gibt es reiche Geschenke. Dich, Euphrosyne, bestelle ich zur Aufseherin. Ächte mir wohl auf die Mädchen, daß sie die Zeit nicht müssig verbringen. Ich habe mit meinem Vater gesprochen und ihn gebeten, Dir die Freiheit zu schenken. Er wird meinen Wunsch erfüllen, und dann kann Dein Tillius Dich heirathen. Auch wirst Du nicht mit leeren Händen unser Haus verlassen." Euphrosyne küßte der junge Herrin dankbar die Hand. „Wie bist Du so gut", sprach sie, während eine Thräne ihre Wange netzte, „Gott segne Dich." Miriam nahm einen Korb, ging in die Speisekammer und füllte ihn mit mancherlei wohlschmeckenden Speisen, wie alte Frauen solche zu lieben pflegen. Dann rief sie eines der Mädchen herbei und sprach: „Nimm diesen Korb, Amina, und folge mir in das Haus der Veturia." Dann ging sie durch viele Gassen und Gäßchen. Die alte Amme kam ihr entgegen. „Grüße Dich Gott, mein Täubchen", rief sie ihr zu, „wie gütig von Dir, daß Du meinem Rufe so bald Folge geleistet." „„Man sagte mir, Du seiest krank, Amme!"" sprach Miriam. „Ich war es, mein süßes Täubchen, aber der heilige Sebastian, zu dem ich gebetet, hat meine Kräfte wieder erfrischt. O, Du goldenes Täubchen, ich sehe, Du kömmst schon wieder mit voller Hand! Was für Kostbarkeiten wird wohl Amina's Körbchen bergen!" Sie traten in das Haus und Amina legte den Inhalt des Korbes auf den Tisch: ein gebratenes Hähnchen, einen Krug alten Weines, weißes Brod, ein Schüsselchen mit eingemachten Früchten und allerlei Backwerk. „Gott segne Dich, mein Engelskind", rief die Alte. „Alle Heiligen mögen Dich beschützen und Dir all das Gute vergelten, das Du mir alten, armen Relicta*) so reichlich erweisest. Da, nimm *) Wittwe. Deinen Korb, Amina, und gehe nach Hause zurück. Zum Abendläuten magst Du die Herrin wieder abholen. Früher lasse ich sie nicht fort." Miriam machte Einwendungen; aber die Alte bat so sehr, daß sie darein willigte, bis zum Abend bei ihr zu bleiben. „Mein Täubchen", sagte Veturia, nachdem die Sklavin sich entfernt hatte, „heute ist ein doppelter Festtag für mich. Erstlich habe ich das Glück, Dich bei mir zu sehen, und zum Zweiten wurde ich heute durch den Besuch eines vornehmen Römers, des Lucius Licinius, des Enkels meines großmüthigen Wohlthäters, beehrt; da er gerade in Neapolis anwesend ist, so wollte er die Stadt nicht verlassen, ohne die alte Dienerin seines Hauses ausgesucht zu haben. Die Licinier sind ein vornehmes Geschlecht; sie stanlmen von den alten Patriciern ab und hatten seit vielen Jahrhunderten die ersten Staatsämter inne. Lucius Licinius, mein ehemaliger Herr, war Consul in Rom. Dieses Geschlecht bringt stets die schönsten Menschen hervor, und auch der Jüngling, der mich heute besucht hat, gleicht den alten heidnischen Göttern an Schönheit und Kraft." „„Aber Amme'"", entgegnete Miriam, „„was erzählst Du mir da? Was kümmert mich dieser schöne, römische Jüngling?"" „Mein Engelskind, ich bin eine arme verlassene Wittwe. Mann und Kinder sind längst gestorben, und ich habe keinen Menschen auf der ganzen weiten Gotteswelt, den ich liebe, als Dich allein. Dich habe ich an meinen Brüsten genährt, als Dir die Mutter bald nach Deiner Geburt gestorben war. Du warst ein armes, schwaches Würmlein, von dem man nicht glaubte, daß es den andern Tag erleben würde. Dein Vater hatte keine Amme für Dich finden können. Unter den Jüdinnen gab es keine, und die Christinnen weigerten sich, dem Judenkinde die Brust zu reichen. Dein Vater hatte versucht. Dich mutterlos aufzuziehen; allein es bekam Dir nicht. Du warst dem Tode nahe, als Dein Vater mich rufen ließ. Ich hatte kurz zuvor meinen Mann und mein jüngstes und letztes Kind verloren. Da erbarmte ich mich Dein; ich nahm Dich auf und reichte Dir die Nahrung, die einzig Dich vom Tode retten konnte. Und Du erholtest Dich zusehends und gediehest, und wurdest ein prächtiges Mägdelein, und ich liebte Dich mehr als Alles auf der Welt, und Du liebtest mich wie eine Mutter, auch nachdem Du meiner Brust entwöhnt warst, und ich hätte Dich nimmer verlassen, wenn nicht." „„Wenn nicht mein Vater"", unterbrach sie Miriam, „„in weiser Fürsorge, Dich aus unsrem Hause entfernt hätte. Als Dein alter Beichtvater gestorben war, und Du zum Pater Mathäus in die Beichte gingst, da bekamst Du plötzlich eine Bekehruugs-