Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447903--18451-2474493- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sprachen sich unverwüstlicher Ernst und tiefe Traurigkeit aus, wie sie nur anhaltendes, schweres Körper¬ oder Seelenleiden dem Menschenantlitze zu verleihen pflegen. Ihm gegenüber auf der langen Bankreihe, die sich in den nach alter Art eingerichteten Gotteshäusern von Osten nach Westen, längs der ganzen Wand, vom obersten Ende bis zur Thüre hinabzieht, am dritten Platze von oben angerechnet, saß Reb David Wodnran, der Spezereiszochorö). Obwohl ein Altersgenosse Munitz's, sah er doch viel jünger aus. Er war ein mittelgroßer, man konnte eher sagen, kleiner Mann mit gesunden rothen Wangen, zu denen der dunkelbraune, nur last unmerklich mit Grau gemischte Vollbart vortrefflich stand, mit frischen kräftigen Lippen, schönen, gut erhaltenen Zähnen, welche Dinge alle zusammen ein so gutmüthiges Gesicht bildeten, wie man sich nur ein solches zu denken vermag, und in der That galt Wodman auch für den gutmüthigsten Menschen in der ganzen Kehilla, dessen grenzenloses Wohlwollen bisweilen soweit ging, daß er — allerdings, wie man entschuldigend hinzufügte, als Munitz's Waarenlieferant — zuweilen dessen Haus besuchte. — Jeder der drei Männer war noch beschäftigt, Opotschna legte noch die Tfillin zusammen, Munitz hatte einen Quartband, ein Mischnajos vor sich, in dessen Studium er vertieft schien, Wodnian schloß seineBetreguisiten inseinen versperrbaren Synagogensitz ein, als sich der Schammes") Reb Awrohom, ohne Munitz auch nur eines Blickes zu würdigen, näherte, und ohne seine Worte direkt an eine bestimmte Person zu richten, fast wie im Selbstgespräche sagte: „Hast e Rachmones! ^l) da draußen im Schulhofs) sitzt Chajim Schneider und weint blutige Thränen, seine alte Mam") liegt schon, zu BÜß gesagtu), sieben Jahre gelähmt zu Bette, seit drei Wochen is auch sein Weib krank, und um das Schlcmasel15) voll zu machen, hat sich der Schlemodrige16), was kein Dienstbot nit hat, und selbst kochen muß, die rechte Hand abgebrüht, daß er nix nähen kann und die ganze Woch nit e verdient hat! Heut is erew Schabbos18), zu Haus hat er e kranke Mutter, e krank Weib, fünf gesunde hungerige Kinder, kein Span Holz zum Heizen, kein Kreuzer Geld 9) Gewürzhändler, Gewürzkrämer. 10) Diener, Synagogendiener. 11) Bedauernswürdige Person, bedauernswürdiger Mensch. 12) Synagogenhof, in Böhmen und Mähren wird die Synagoge „Schul" genannt. 13) Mutter. 14) Zur Buße möge es angerechnet werden. 15) Mißgeschick, Unglück. 16) Unselige. 17) Groschen. 18) Rüsttag des Sabbats, Freitag. in der Tasch — e Bär im Wald muß mitweinen, wenn er den armen Menschen weinen sieht. . . ." Reb Kalmen Opotschna zog sofort etwas aus der Tasche, drückte es dem Schammes in die Hand und sagte: „Gebt das dem Schneider, er soll sich was auf Schabbos kaufen!" „Jejascher koach!")" erwiederte der Schammes. Opotschna erhob sich nun, ging, ohne die Worte des Schammes zu beachten, stolz erhobenen Hauptes fort; Mlmitz schien für ihn rein Luft zu sein, dem L-pezereiszocher, der ihm eifrig „guten Morgen mecaß'^) Neb Kalmen!" zurief, nickte er freundlich mit dem Kopfe zu. Munitz schlug jetzt das Sefer^) zu und frug, als Reb Kalmen schon außer Gehörweite war: „Wie viel hat er dem armen Menschen gegeben?" „Mehr als Ihr je einem Oni") gegeben habt", erwiederte der Schamlnes giftig, denn cs soll nicht verschwiegen bleiben, daßMunitzin seiner grenzcnlosenKargheit so weit ging, dem Sammes nie — auch zu Rösch haschouo'^) und Purim2i) nicht — ein Geldgeschenk zu geben, etioas was selbst ganz unbemittelte Synagogenbesucher nicht unterließen; allein da Awrohom Schammes selbst neugierig war und die Hand öffnete, konnte auch Munitz erkennen, das; bloß zwei kleine Kupfermünzen in derselben lagen. „Das ist wenig", meinte Munitz. Der Schammes mußte sich's gestehen, daß das winzige Almosen weder dem Reichthum des Gebers entsprach, noch dem armen Ehajim aus seiner Roth helfen konnte, auch darüber war er vollkommen klar, daß Munitz nicht zu einer solchen Kritik berechtigt sei; er wurde ganz roth vor Zorn und sprach, zu Reb David gewendet, aber mit dem Daumen unzweifelhaft die Richtung, in welcher Munitz stand, andeutend. „Habt Ihr in Euer Leben so e Chuzpe25) gehört? — Er redt! — Ein Mensch, der die ganze Kehilla aushargenen -6) ließe, bevor er Jemanden e Pehm geben thät .... so ... ." der Schammes senkte zwar ein wenig die Stimme, schloß aber doch völlig verständlich „so ein Kelew!"7) 19) Eure Kraft möge (vor Gott) gestärkt werden, eine häufig gebrauchte Segen- und Dankesformel. L0) Ern aus dem Zusammenziehen der Anfangsbuchstaben gebildeter Titel, so viel wie Euer Ehrwürden; — so wurden nur Talmudkundige oder hervorragende Männer angefprochen. 21) Buch. 22) Armen. 23) Neujahrsfest. 24) Freudenfest zur Erinnerung an die Rettung des jüdischen Volkes aus der Gefahr, von welcher es durch Hamans Anschläge b.droht war. 25) Keckheit. 26) Niedermetzeln, tobten. 27) Hund.