Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447903--18450-2474492- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
111 v. Dreifus, K. K. österr. Consul. Se. Majestät der König hat aus Anlaß des Ablebens der Frau I)r. Dreifus dahier den Hinterbliebenen Seine Theilnahme an dem sch neren Verlust, von dem sie betroffen worden sind, ausdrücken zu lassen geruht. Mayen. In dir. 2 Ihrer geschätzten Zeitung befindet sich ein Artikel, datirt „Frankfurt", unterzeichnet I G., worin der jüngst hier irr's Leben gerufene Verein zur Unterstützung armer durchreisender Israeliten einer scharfen Kritik unterzogen wird. Sehr richtig hat die geschätzte Redaction zwar schon sogleich dazu bemerkt, daß eine solche Einrichtung unseren Vorschriften nicht zuwiderhandele; dessenungeachtet fühlen wir uns veranlaßt, hierauf zu erwidern, da andernfalls unser Stillschweigen als Zustimmung könnte betrachtet werden; wir rufen dem Betreffenden zuvörderst zn: Q”jy -inaa rnn! „Gebet Acht auf die Ehre der Armen!" Dieses ist jedoch nur durch eine nnoa ino zn erzielen und war sowohl dieses als auch die Gefahr, daß durch das Aussuchen der in der hiesigen Stadt wohnenden ca. 60 bis 70 jüdischen Familien die Armen von der Polizei häufig arretirt werden, die Veranlassung zur Gründung des vorerwähnten Vereins. Der von dem Betreffenden gebrachte Vergleich mit dem Hause von wdn on-aa ~"y ist hier nicht am Platze, da einestheils an diesen Thüren keine Polizisten zn finden waren, anderntheils die hierher kommenden Armen nach wie vor Essen und Trinken genügend erhalten, und wird der Einsender es doch für keinen Verlust für die Armen Hallen, daß dieselben fernerhin nicht mehr durch alle Straßen der Stadt zn laufen haben, da die denselben zn gewährende Unterstützung nach unserem Dafürhalten der ungefähren Schätzung des Ertrages entsprechen wird. Wir bitten deßhalb den Einsender, welcher, wie es scheint, hier nicht sehr localkundig ist, fernerhin bei einer ähnlich zu ertheilenden Kritik etwas vorsichtiger zu sein, da es überhaupt bedeutend leichter ist, eine jede Einrichtung zu bemängeln, als dieselbe zu verbessern. Feuilleton. Löö Kunitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem e r st e n D r i t t e l des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) 3. Kapitel. Der Morgengottesdienst in der Pinkassynagoge war eben beendet. Zu jener Zeit war das Gotteshaus an einem Werketage so gefüllt wie jetzt an den höchsten Festtagen. Die große Menge war schon hinausgeströmt, aber es waren doch noch Viele zurückgeblieben. — Links vor dem Oron hakodosch 0 traten einige Lomdim -), welche eine Schaß-Chewre * 2 * 4 5 6 7 8) bildeten, zusammen und schlugen ihre Folianten auf. Weiter unten vereinigte sich wieder eine Gruppe von Männern, die täglich gemeinschaftlich einen Perek^) Mischnajos5) durchnahmen, Andere beschäftigten sich danrit Mamodes'') oder TilimZ zu recitiren. Am obern Ende der Synagoge, rechts, saßen noch drei Männer. In der Mitte der fünf Sitze, welche ganz obenan bei dem Tabernakel von Norden nach Süden laufend, saß Reb Kalme Opotschna, ein Mann, 'der im Rufe großer Wohlhabenheit stand. Er mochte ein hoher Fünfziger sein, und war auch an Wochentagen mit großer Sorgfalt gekleidet. Aut seinem feinen dreieckigen Hute, dem schwarzen Tuchrocke, der weitherabreichenden Kaschemirweste, über welche eine schwere goldene Uhrkette hing — die unförmlich dicke Uhr lugte aus der Westentasche heraus — könnte ein bewaffnetes Auge kaum ein Staubatom entdecken. Das Halstuch und das feine Spitzenjabot konnte an Weiße und Reinheit mit frischgefalleuem Schnee wetteifern. Er war ein mittelgroßer, breitschultriger Mann, der sich eine große Würde zu verleihen wußte. Er betrieb ein großes Handlungsgeschäft und war Vorsteher der Synagoge und der Kabromm-Chewre8). Er hielt den Kopf stets ein wenig zurückgeworfen, was ihm im Vereine mit einem lang herabwallenden zumeist grauen Barte, dessen kleiner Theil deutlich bewies, daß er einst brennend roth gewesen, etwas Ehrfurchtgebietendes verlieh. Auf der zweiten, der aus vier Sitzplätzen bestehenden Reihe, welche längs des kleinen Gemäuers, das die zu der heiligen Lade emporführenden Stufen einsäumt, von Osten nach Westen geht, und mit der ersten bezeichnten Sitzreihe einen rechten Winkel bildet, saß Löb Munitz. Es war dies ein ungewöhnlich großer, schlanker Mann von 60 Jahren, der aber aussah, als hätte er schon das siebzigste überschritten. Seine Haarlocken und sein Bart, der tief auf die Brust niedersank, waren schon schneeweiß. Seine hohe Stirne war von liefen Falten durchfurcht, seine Gesichtsfarbe dunkel und in seinen Zügen n Heilige Lade, in welcher sich die Thorarollen befinden. 2) Talmudisten. , _ B) Vereinigung zum gemeinschaftlichen Studium des Talmuds. 4) Abschnitt. 5) Plural von Mischnah. 6) Eine Sammlung von Bibel-, Mischns- und Talmudstrllen. 7) Psalmen. 8) Beerdigungsbrüderschast.