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Der Israelit · 1882-02-01 · Heft 5 (1.2.1882) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 5 (1.2.1882)
Date
1882-02-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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113 Der gutmüthige Wadnian wurde vor Verlegenheit roth. „Was sind das für Reden!" schrie er, „ich kann es nit zuhören, wenn man einen Menschen mewajisch'») ist!" Zuerst schien es, als wenn Munitz auffahren wollte, dann aber wieder fast, als wenn ein zufriedenes Lächeln über seine Züge huschte, und mit leicht verschleierter Stimme sagte er: „Laß ihn nur Reb David! Er hat ja ganz recht, ich bill ja wirklich — ein Kelew!" und' als Wodnian ihn unterbrechen wollte, fuhr er rasch fort, „aber deshalb sind zwei kleine Kupfermünzen doch zu wenig für Reb Kalman Opotschna, und für Chajim Schneider! ..... Wenn ich an Reb Kalmans Stelle wäre, hätte ich einen halben Gulden gegeben," so sprechend, legte er das Mischnajos in den Sitz und ging ziemlich rasch fort. „Ihr seid zu gut, Reb David!" äußerte sich jeßt der Schammes stürmisch, ohne abzuwarten bis Munitz außer Gehörweite war. „Wenn er an Reb Kalmans Stelle war!! Der Oloin^) sagt, er sei viel reicher als dieser ....." „Mit allen die leeren Reden und dem argen loschon horo30) — ist dein armen Schneider nit geholfen!" sprach Wodnian, zog ein kleines Lederbentelcheu aus der Tasche, nestelte cs auf, und legte dann einen halben Gulden (das war in jener geldarmen Zeit eine große Summe, mehr als jetzt zehn Gulden) in die Hand des überraschten Schammes. „Ah!" machte dieser, nachdem er sich von seinem großen Erstaunen erholt hatte, „Ihr seid bechaji roschi wenafschi3') ein sehr braver Mensch; — zu gut seid Ihr! Ihr thut weit über Euer Jecholes!32) — Komisch geht es auf der Welt zu! Ihr gebt dem armen Schneider einen blanken halben Gulden; — Reb Kalmen Opotschna, der zwanzigmal niehr vermag33) als Ihr, gibt zwei Kreuzer — und Löb Munitz, der noch viel reicher als Reb Kalmen ist — gibt gar nix — freilich, man heißt ihn nit umsonst Löb Hund!" Das übermäßige Lob, das der Schammes Wodnian ertheilte, schien den bescheidenen Mann verlegen zu machen, er wandte sich der Mauer zu und murmelte: „Ihr haltet mich für besser, als ich wirklich bin -- und das is gar nit schön von Euch, daß Ihr Munitz einen Schem-Kinno 3ft beilegt!" „Heiß' ich allein ihn so?" erwiderte der heißblütige 28) Beschämt. 29) Die Welt, die öffentliche Meinung. 80) Böser Zunge, übler Nachrede. 31) So wahr mein Haupt und meine Seele lebt! eine Betheuerung. 32) Können, Vermögen, Verhältnisse. 33) Im Vermögen besitzt- 34) Schimpflichen Beinamen. Schammes, dadurch gereizt, daß Wodnian seine Lobsprüche mit Vorwürfen beantwortete, „die ganze Kehilla heißt ihn so .... Ihr seid ein übertriebener Mensch!" Während dieses Gespräches hatte sich auf der andern Seite der Synagoge unter den Mitgliedern der Schaß-Ehewre ein lautes Geschrei erhoben. Die orientalische Lebhaftigkeit, mit welcher die Männer nach der Art, wie damals Talmud vorgetragen und erörtert wurde, die Hände klatschend ineinander schlugen, die geballte Faust, den Daumen vorgestreckt, Spirallinien in der Luft beschrieben, ließen Awrohom Schuster erkennen, daß ein interessantes Thema eine große Meinungsverschiedenheit hervorgerufen, daß ein geistiges Tournier abgehalten werde. Mit Zuhilfenahme von etwas Selbstüberschätzung konnte sich Awrohom Schammes zur Gilde der Bene Thoros35) rechnen; und — um sich das, wenn auch nicht selten, so doch völlig kostenlose Vergnügen einen scharfen Pilpul33) anzuhören, zu bereiten, vielleicht mehr noch, um einen gewissen Grad von Zusammengehörigkeit mit den talmudkundkgen, schreienden Männern zu manifestiren, sprach er: „Ich muß doch hören, über was die da mefalpel3H sind — und wie die beiden Chewres mit ihrem Lernen33) fertig sind, und ich die Schul zusperren kann, lauf' ich gleich zu Chajim Schneider und bring ihm die große Matono33), die Ihr ihm schickt; — freilich muß ich dann gleich wieder herlaufen und die Lichter auf die Hängelampen stecken." Er wollte nun eilig auf die andere Seite der Synagoge hinüberlaufen, als brenne ihm vor Ungeduld der Boden unter den Füßen, aber Wodnian ergriff ihn rasch am Arme und sprach fast ängstlich: „Sagt Ehajim nit, daß das Geld von mir kömmt; ihm kann ja Alles eins sein, und Euch ewadde!"") „Ich sag's ja immer", schrie tzer Schammes, rasch versöhnt, „Ihr seid zu brav! . . ." Indessen Rezono schel odom hi kwodo!"") Awrohom Schammes eilte nun, die höchste Ungeduld affektirend, auf die andere Synagogenseite; Wodnian aber schritt — der rabbinischen Vorschrift gemäß — langsam aus dem Gotteshause. (Fortsetzung folgt.) 35) Schriftkenner, aber nur eines niederen Grades. 36) Disputation, Discussion, Debatte. 37) Disputiren, discutiren. 38) Studien. 39) Gabe, Geschenk. 40) Gewiß. 41) Den Menschen ehrt man am Besten dadurch, daß man seinen Willen erfüllt.

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