Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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110 Verweilen wir etwas bei der Schöpfung des Menschen, den Gott auch paarweise geschaffen, aber doch auf ganz eigenthümliche Weise. Die Bibel verweilt ja auch länger dabei, nachdem sie mit dem eigentlichen Schöpfungsbericht fertig ist. Cap. 2, V. 5 lautet: „Und alles Gewächs des Feldes war noch nicht auf der Erde, und alles Kraut des Feldes sproßte noch nicht auf, denn es hatte noch nicht regnen lassen der Ewige, Gott, auf die Erde, und ein Mensch war nicht da zu bearbeiten die Erde." Zwei wichtige Thatsachcn erfahren wir aus diesen Worten: das erste und hauptsächlichste Entwicklungsmoment auf Erden und den ersten Zweck des Menschen. Nachdem der Schöpfer schon am dritten Tage das Pflanzenreich in seinen Keimen entstehen ließ, das aber noch nicht vor der Vollendung der Schöpfungszeit in seine Entwicklungsperiode überging — da ja die Schöpfung ein zusammengehöriges Ganze bildet, also Eins' ohne das Andere nicht bestehen kann, das bis jetzt Geschaffene sich immer noch, wenn auch an sich vollendet, in einem Urzustände befand, noch nicht seine Thätigkeit begonnen, wenigstens nicht in seiner ganzen Wirksamkeit*) — gab er ihm durch den befruchtenden tretet* der „exactcir" Wissenschaft eincri H ü ckm uth des J ildenthums erblicken. Die Logik ist so originell und das Naisonnement so „exactwissenschaftlich", daß wir nicht umhin können, diese Probe moderner Wissenschaft, die sich als solche dem großen Publikum in der „Gartenlaube" ,'Jahrg. 1875, S. 71!) präsentirt, hier wörtlich anzuführen. Er bezeichnet es als eine „Unbedacht- „samkeit des mosaischen Berichterstatters, daß er die Pflanzen, „roelche mehr als die Lhiere des Lichtes bedürfen, vor den Him- „melslichtern hervorkommcn läßt. Die Worte, mit denen der „mosaische Schöpfungsbericht den Menschen aus die Bühne führt, „sind nicht weniger bezeichnend für den Dünkel dieses Vol- „kes, welches sich das aus er wählte nannte, als für die „anthropomorphische Natur der Religion überhaupt. Tenn nicht „nur läßt er mit vollem Recht die Krone der Schöpfung nach „Gottes Ebcnbilde schassen, s andern mit der ausdrücklichen „Bestimmung, über die Pflanzen und Thierc zu herrschen. Man glaubt zwischen den Zeilen zu lesen, „auch über die andern Menschen, die sich etwa ein- „s in den können." Da, Ind'! da hast Eins! so hört man „zwischen den Zeilen" ganz deutlich Herrn Earus Sterne (Ernst Krause heißt, glaube ich, der Herr Professor?), den „exactcn" Wisienschastler, höhnisch rufen. Das war echt naturw—üchsigUnd welch' ein gewaltiger Eulturfortschritt! Wahrlich, wenn der „Kamps um's Dasein" das Weltgesetz wäre und der Stärkere naturnothwendig den Schwächern unterdrücken würde, wir Juden gehörten schon lange der Vergangenheit an. Herr E. St. mag durch die Existenz der Juden sich überzeugen lassen, daß der „Kamps um's Dasein nicht in seinem Sinne Weltgesetz ist. -— Wenn es Herrn C. St. in seinen „exacten" Kram paßt, da ist der „mosaische Bericht zuweilen auch „gedankenreich". So liebäugelt er mit dem „Dichter der gedankenreichen Erkenntnißmvthe. «Gartenlaube," Jahrgang 1876. S. 218.) *) Hiermit ist auch die naive Frage, wieso die Pflanzen des Lichts, das nach ihnen geschaffen, entbehren konnten, nochmals beantwortet, rcsp. zurückgewiescu. Regen den ersten Impuls zu seiner Entwicklung. Und mit diesem Momente trifft die Schöpfung des Menschen zusammen, oder geht ihm kurz voran. Er sollte die Erde cult ivir en, das sollte seines Lebens Beschäftigung sein; darum mußte er sie schon vollständig entwickelungssähig vorfinden und das Hauptmoment ihrer Entwicklung, den Regen, die Feuchtigkeit, gleich kennen lernen, mußte sofort sehen, wie durch den Regen Alles sich zu entwickeln begann. Nachdem der Mensch geschaffen, „pflanzte der Ewige einen Garten in Eden nach Morgen hin und setzte dorthin den Menschen, welchen er gebildet. Und es nahm der Ewige den Menschen und leitete ihn im Garten, ihn zu bearbeiten und zu beschützen." Durch diese Beschäftigung hatte das Leben erst Werth und Interesse. Dadurch mußte der erste Mensch es sich angelegen sein lassen, nicht nur den Garten zu hüten, sondern auch zu erhalten und zil cultiviren. Auf diese seine erste Leben sbeschästigung wird der Mensch noch mehrmals hingewiesen. Als der Ewige ihil zur Strafe wegen Üebertretung seines Verbotes aus dem Garten Eden verbannte, sprach er: „Verflucht sei die Erde deinetwegen, unter Schmerzen und Mühe sollst Du davon essen alle Tage deines Lebens." (Die Unregelmäßigkeiten, daß einmal zu viel Regen, das anderemal zu viel Hitze und andere elementare Einflüsse die Erzeugnisse des Bodens bald zerstören, bald nicht gedeihen ließen, waren wohl nicht ursprünglich im Pläne des Schöpfers, sollten vielmehr, nachdem der Mensch sich vergangen, Strafmittel für ihn sein und ihn seine Ohnmacht und Abhängigkeit erkennen lassen.) „Dornen und Disteln soll sie dir hervorsprießen lassen und du sollst essen das Kraut des Feldes. Und es schickte ihn der Ewige, Gott, aus dem Garten Eden, den Boden zu bebauen, von dem er genommen war." (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Cvrrespondenzen. Deutschland. Stuttgart, 23. Januar. Gestern wurde hier eine Dame unter starker Theilnahme zur Erde bestattet, die einer der ältesten und geachtetsten israA. Familien Stuttgarts angehört: die verwittwete Frau Dr. Henriette Dreifus, geb. Benedikt, deren Vater und Oheim die Chefs des Bankhauses Gebrüder Benedikt waren. Ihr Bruder ist der Componist Sir Julius Benedikt in London. Ihr Gatte war in6(1. I)r. Dreifus, ein tüchtiger Arzt und später einer der Leiter des Bankhauses. Ihr Sohn ist der in den österreichischen Freiherrenstand erhobene Theodor