Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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107 Mirjam zu verschiedenen Malen ans der Straße zu erblicken, und das leicht entzündliche Herz des jungen Wüstlings Lucius Luciuius war in verzehrender ' Leidenschaft entbrannt. Noch nie hatte sein Auge ein Mädchen von solch vollendeter Schönheit gesehen, und war bisher Rache ihm die einzige Triebfeder - gewesen, so gesellte sich jetzt dazu der Liebe verzeh-! rende Gluth. Die jungen Römer schmiedeten Pläne aus Pläne,- doch mußten sie sich immer bald von der Unausführbarkeit derselben überzeugen. Eines Tages schlenderte Lucius Luciuius durch die Gassen von Neapel, als ein altes Weib ihn anhielt. „Herr," sprach sie, „verzeihe einer alten Frau, daß sie es wagt. Dich auf der Straße anzureden. Bist Du nicht ein Römer aus dem Geschlechte der Luciuier?" „„Gewiß,"" antwortete der Gefragte, „„mein Name ist Lucius Lncinius, mein Vater hieß Marcus."" „So führst Du", sagte die Alte erfreut, „denselben Stamm, wie mein unvergeßlicher Wohlthäter. Ich war eine Sklavin Deines Großvaters, der mir die Freiheit schenkte, als Arius aus Neapolis um mich warb. Schenke mir die Gnade, Herr, mich in meinem Häuschen zu besuchen. Mein Mann ist todt, die Kinder sind ihm in's Grab gefolgt; ich bin eine einsame alte Wittwe. Wenn mich nicht die liebliche Mirjam, die Tochter des Festungskommandantcn Isaak, manchmal besuchte, ich wäre ganz verlassen. £, ba3 ist ein herrliches Geschöpf! Schade, daß sie eine Jüdin ist und der ewigen Verdammnis; auheimfallen muß! Wie gerne möchte ich ihre Seele dem Hinunel retten!" Lucius Lncinius hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. „„Ich will Deinen Wunsch erfüllen,"" sagte er. „„Gehe nur voran, ich folge Dir in Tein Häuschen."" „Du machst mich glücklich, Herr," sagte die Alte, und trippelte einem engen Gäßchen zu. Der Römer folgte ihr. Bald traten sie in ein altes, halbverfallenes Haus. „Gebenedeit seien alle Heiligen," sagte die Alte, nachdem sie ihren Besuch in das Gemach geführt hatte, „daß es mir vergönnt ist, den Enkel meines gütigen Herrn zu erschauen, ehe ich sterbe! Ich heiße Veturia, Herr, und bin in dem Hause der Lucinier geboren. Man sieht es mir nicht mehr an, daß ich einst ein schönes Mädchen gewesen. Die vielen Thränen, die ich geweint, haben meine Augen getrübt, Herr, Kummer und Alter haben meine Gestalt gebeugt. Aber als ich noch jung und schön war, kam einst der Fischer Arius aus Neapel nach Rom. In der Kirche des heiligen Sebastian lernten wir uns kennen. Er fand Gefallen an mir, und Dein Großvater, der jetzt schon lange in die Gemeinschaft der Heiligen ausgenommen ist, schenkte mir die Freiheit/ so daß ich den Erwählten meines Herzens heirathen und ihm nach Neapel folgen konnte. Aber der arme Arius verunglückte auf dem Meere, als ich ihm gerade das siebente Kind geboren hatte. Alle Kinder waren bald nach ihrer Geburt gestorben, und auch das Jüngste wurde nur wenige Tage alt. Ich war arm und verlassen. Nur dieses Häuschen war mein Eigenthum. Da schickte Isaak um mich, der Eommandant der Festungswerke dieser Stadt. Er war ein Wittwer gewesen und hatte sich mit einem jungen Weibe vermahlt und dieses Weib war gestorben, nachdem es ein Töchterchen geboren hatte. Isaak ließ mich bitten, seinem Kinde eine Nährmutter zu werden. Wohl kränkte es mich tief, daß ich einem Judenkinde die Milch meiner Brüste reichen sollte. Allein die Noth war groß, und so zog ich dann in das Haus an der Stadtmauer. Und ich hatte es nicht zu bereuen. Der Jude war stets freundlich und gütig gegen mich, und ohne seine Unterstützung wäre ich längst Hungers gestorben. Auch meine süße Mirjam verehrt mich wie eine Mutter. Stur Eins macht mir Kummer: ihr Herz ist verstockt gegen die Heilswahrheiten der Kirche. Es thut mir in der Seele weh, daß dieses süße schöne Geschöpf auf ewig verdammt sein soll. Kennst Du sie, Herr? Sie ist das schönste Mädchen der ganzen Welt. Die Griechen nennen sie Parthenope, nach jener schönen, heidnischen Jungfrau, von der man erzählt, daß sie diese Stadt erbauet haben soll." Mit großer Aufmerksamkeit hatte Licinius der geschwätzigen Alten zugehört. „„Und sie besucht Dich manchmal?"" fragte er, als die Alte schwieg. „C, sie ist ein Engel, und sie, die reiche, vornehme Jungfrau verschmäht cs nicht, mich in meinem armseligen Häuschen zu besuchen. Als ich vor einigen Monaten krank darniederlag, kam sie täglich hierher, um mich zu pflegen, um mir Erfrischunge!! zu bringen und kühlende Umschläge um mein in Fieber erglühtes Haupt zu legen. Sie ist wie ein Enget des Herrn, ein Engel der Liebe und der Barmherzigkeit. Und diese schöne liebliche Jungfrau wird verdammt werden auf ewig! Als ich genesen war, warf ich mich ihr zu Füßen und bat sie flehentlich, sich in den Schooß der heiligen Kirche zu begeben. Aber in diesem Punkte ist sie hart und unzugänglich. Ich hatte meinen Beichtvater, den ehrwürdigen Pater Mathäus, gebeten, hierherzukommen zu der Zeit, wann ich Mirjam zu erwarten pflegte. Er erfüllte meinen Wunsch. Allein auch seine heilige Beredsamkeit hatte keinen Erfolg. Das Herz der