Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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105 Liverpol, 25. Januar. Erlauben Sie mir, den folgenden Bericht in Ihrem geschätzten und verbreiteten Blatte zu veröffentlichen: Der Ex-Mayor und erster Großhändler der Kiesigen Stadt, Herr A. B. Jorwood, ein Christ,! sandte dieser Tage an Herrn B. L. Benas hier,! Präsidenten des Zweigvereins der „Anglo Jewish Association", einen an den ersteren vom Bischof! von Liverpool gerichteten, die Judenverfolgungen in! Rußland betreffenden Brief folgenden Inhalts: j »! Lieber Herr Jorwood 1! Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Er- - laubniß, mich den eingeschloffenen hierbei zurück-! folgenden Brief sehen zu lassen. Der Gegenstand ist ' von höchster Wichtigkeit und es freut mich, Gelegenheit zu haben, meine Meinung darüber ansznsprechen.! Ich habe die Berichte über die Behandlung, welche j die Juden kürzlich in einigen Theilen Rußlands erlitten haben, mit Kunnner, Abscheu und Entrüstung i gelesen. Ich hätte nicht geglaubt, daß im Ist. Jahr-! hundert solche scheußliche Gräuelthaten in irgend einem christlichen Lande verübt werden könnten. — Ich habe stets die jüdische Nation mit dein tiefsten; Interesse betrachtet. Ich kann nie vergessen, daß! die Welt ihnen gegenüber eine Verpflichtung hat, die nie abgetragen werden kann, und deren Werth wir! uns gar nicht vorstellen können. So sehr wir be- ' dauern, daß ihr Glaube nicht derselbe als der un- ' senge ist, so bin ich doch ganz sicher, daß sie das! letzte Volk ans Erden sein sollten, das von Christen * verfolgt wird. Wenn ich die bis jetzt unerfüllte Prophezeihnng im alten Testamente lese, so weiß ich gewiß, daß! das jüdische Volk noch eine große Zukunft vor sich! hat, und daß ein Tag kommen wird, wo dasselbe ' ein Segen der Welt sein wird. — Wie tief ich! bedauere, daß sie (die Juden) in Glaubenssachen mit! uns nicht übercinftimnien, so wünsche ich doch stets,! sie niit der äußersten Güte, Artigkeit und Humanität zu behandeln, und ich verabscheue selbst den Gedanken an ihre Verfolgung. Ich weiß nicht, was in diesem kritischen Zeitpunkte gethan werden kann, um unsere Sympathie mit den in Rußland Leidenden auszudrücken. Ich kann es schwer glauben, daß die russische Regierung von all dem weiß, was in Rußland vorgegangen ist, oder gründlich erfaßt das Gefühl des Abscheues, mit welchem die in jüngster Zeit in einigen von dem Czar beherrschten Ländertheilen Statt gehabten Cbcignisse von der ganzen civilisirten Welt angesehen werden. Ich hoffe jedoch, daß alle Christen Englands einen lauten Schrei des Verweises (remonstrance) und einen moralischen Protest gegen die Behandlungsweise erheben werden, welche so viele unglücklichen Juden zu erleiden haben. Diesem Proteste wünsche ich von Herzen mich anzusckließen. Bischöfl. Palast, Liverpool, 20. Jan. 1882. I. C. Ryle. Bischof von Liverpool. Die Sympathie mit den armen verfolgten Juden ist hier in England eine so allgemeine, daß nächste Woche ein Massenmeeting in London, Manchester und Liderpool unter dem Vorsitze der betreffenden Bürgermeister (Mayors) in den städtischen Hallen abgehalten werden wird, wobei sich die hervorragendsten Männer aktiv bctheiligen werden. Schreiber dieser Zeilen hielt gestern Abend einen Vortrag in der von 1500 Personen, zumeist Christen, besuchten großen Rotunda über die Geschichte der Juden in Spanien und Portugal und knüpfte am Schluffe Bemerkungen an die Verfolgungen in Rußland an, die mit stürmischem Beifall ausgenommen wurden. Nicht nur wird die englische Ration ihre mächtige Stimme öffentlich gegen diese Grausamkeit erheben, sondern werden auch Sammlungen zur Unterstützung der Rothleidenden eingeleitet und wird in großem Maße unter dieselben vertheilt werden." Ich habe die Ehre mit vorzüglicher Hochachtung zu zeichnen: Cw. Ehrwürden ergebenster Pred. Dr. W. Sterns. R u ß l a n d. Petersburg, 21 Jan. Gestern find die letzte,: Protokolle der Gouvernements-Juden-Kommissionen bei::: Ministerium des Innern cingelausen, und begann bereits heute deren Sichtung nach den verschiedenen Kategorien ihrer Vorschläge. Tie meisten derselben sind für die Juden äußerst ungünstig. Viele Wolosti (Bezirke) verlangen die gänzliche Abschaffung der Juden, andere wieder die Sperrung der Gotteshäuser, die meisten die Schließung der jüdischen Talmundschulen und fast ohne Ausnahme die Abschaffung der speciell jüdischen Steuern. Fünf Gouverments- und nenn Woloft-- Versammlungen petitionirten darum, den Juden den Detailhandel mit Branntwein und den Hausirhandel im Allgemeinen zu verbieten. — Ter Pristaw (Polizeichef) in Woloczyska hat befohlen, daß bis 15. Jan. sämmtliche österreichische Juden den Ort zu verlassen haben, sonst würde gegen dieselben eine gerichtliche Verfolgung eingeleitet werden. Im Befehle ist die Alternative gestellt, entweder ganz ins Ausland zu gehen, der 50 Werst innerhalb der russischen Grenze sich zurückzuziehen. Ta bis zum 21. nicht alle Familien jüdischen Glaubens diesem Befehle nachkamen, wird gegen dieselben die Ausführung der angedrohten Maßregel