Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1882)
- Date
- 1882-01-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ich Dich liebe, aus tiefster Seele und vöu ganzem? Herzen, aufgcben, verlassen? Denn, das sag' ich Dir, wenn Du Dich nicht von dem Manne lossagst, den das Volk haßt, verachtet, den es Hund nennt; so schwöre ich Dir . . . ." „Schwöre nicht!" schrie Benjamin in bitterer Qual auf. „Du wirst bei ruhigem Bedenken einsehen müssen, daß Du Unmögliches von mir verlangst! Gerade weil Jeder ihn — das muß ich, obgleich mich's schmerzt, gestehen — gering achtet und . . . Benjamin kämpfte einen Moment mit sich selbst, doch siegte seine Wahrhaftigkeit, „er diese Geringachtung zu verdienen scheint, muß ich darum,! tt)in doppelt, tausendfach Lieb' und Ehr' erweisen. > Mir hat er den größten Dienst erwiesen, den auf dieser j irdischen Welt ein Mensch dem anderen erweisen i kann — das kann ich nie vergessen! — Und je mehr er die Beweise meiner Liebe znrückweist, um so mehr suhle ich mich ihm verpflichtet. —- Man nennt ihn! hart, grausam, er scheint cs auch zu sein — aber | ich kann es nicht glauben, daß er immer so gewesen; j wenn ich in sein bleiches Gesicht, in seine traurigen! Angen blicke, muß ich glauben, daß er einst unend-! lich Hartes zu erdulden hatte, das sein von Statur j gutes, edles Herz versteinte. Stelle nicht eine Be-! dingnng, Ester, die ich nicht erfüllen kann, — ich kann von ihm uitf)t lassen." „Dann liebst Du mich nicht!" entgegncte Ester. „Liebtest Du mich, so wie Du sagtest, so würdest Du mich als Dein Weib, nicht dem Gespötte der! ganzen KehillaH preisgeben wollen! Wenn ich mit! Dir auf der Straße ginge, Du träfest ihn und j wolltest ihm die Hand küssen, da müßte ich ja vor j Scham in die Erde sinken! ..... ich Hab' Dich j lieb, sehr lieb, doch jedes Ding auf Erden hat seine! Grenzen — und ich bin auch stolz, sehr stolz" — j Ester sprach sich selbst in die Wärme hinein, „und > eigensinnig und beständig bin ich auch; wenn ich eine Sr.che für recht befunden, dann halte ich fest an ihr und nichts bringt mich ab! .... . Sieh', Benjamin! Du weißt, mein Later ist arm, sehr arm, und Großvater Sieb Mendel und Onkel Reb Hirsch Landshnt sind beide wohlhabend, sie haben sich mit meiner lieben Mutter veruneinigt, weil sie gegen ihren Willen meinen Vater, den sie liebte, zum Gatten wählte. Du weißt es" — ein bitteres Lächeln umzuckte ihre Lippen, und ohne daß sie es wußte, stahl sich eine Thräne in ihr Auge — „ich lebe nicht glücklich in meinem Vaterhause, wir leiden oft Noth, und was mich noch weit härter trifft, wir erfahren, wie das die niedrige Stellung des Vaters mit sich bringt, manche Beschämung — und auch sonst habe ich noch vieles Unverdiente, Schwere zu ertragen! Meines Vaters zweite Frau ist von niederer Herkunft, schlechter Erziehung und neidisch, ich kann Dir's gar nicht sagen, wie! sie beneidet Jedermann und diese" — Ester unterdrückte gewaltsam ein hartes Beiwort, „haßt auch Jeden, der sie beneidet; — sie beneidet meine liebe, gute Mutter noch im Grabe, weil sie aus reicher, angesehener Familie gewesen, und sucht sie herabzusetzen; freilich, Schlechtes kann ihr auch meine böse Stiefmutter nicht nachsagen, wer könnte dies auch von meiner vortrefflichen Mutter? aber sie sagt, sie hätte mich schlecht erzogen, sie habe mir, ihrer Tochter, nichts als ihre Fehler hinterlasscn, wäre stolz und hochmüthig gewesen und hätte meinen Vater fühlen lassen, daß sie von guter, reicher Familie sei; während seine El.ern ehrliche, aber arme Leute waren, und dergleichen Dinge mehr, die den Vater und mich kränken; und die schöne, schlaue Frau hat den Vater so berückt, daß er jedes ihrer Worte glaubt'! — Ich weiß es gar nicht", fuhr Ester nach einer Panse tiefbekümmert fort, „was die böse Frau nur von mir will? ich habe sie mit Absicht noch nie mit einem Worte betrübt, ich arbeite so viel ich kann und erfülle, wenn's mir auch oft schwer fällt, ohne Widerspruch, was sie mir aufträgt, ich wache Rächte lang bei meinem Brüderchen, das doch ihr Kind ist, ich bin die Letzte im Hause, die zur Ruhe geht, die Erste, die zur Arbeit erwacht, während sie bis tief in den Tag hinein schläft, und trotzdem zankt sie fortwährend, und fast schäm' ich mich es zu sagen, schlägt und mißhandelt sie mich auch zuweilen; — aber sie ist meines Vaters Frau, und um seinetwillen muß ich Alles das ertragen, so lange ich in seinem Hause lebe; — und ich könnte es ja besser, ich könnte es sehr gut haben, der Großvater und mein kinderloser Ohm, beide würden mich gerne in ihr Haus aufnehmen und mich wie eine Prinzessin halten; während sie, so lange ich beim Vater bleibe, nichts von mir wissen wollen, sich nicht um mich kümmern." „Warum gehst Du nicht zu ihnen?" frug Benjamin „Es wäre dem Vater nicht recht; — die Stiefmutter beneidete mich, um das ruhige, glückliche Leben, das ich in dem Hause meiner lieben Verwandten führen könnte; auch müßte sie schwer arbeiten oder ein Dienstmädchen bezahlen, das Erste will, das Zweite kann sie nicht, und es gelang der Schlauen meinem Vater die falsche Ansicht beizubringen, es wäre eine Schande für ihn, wenn ich vor meiner Hochzeit, aus seinem Hause, zu meinen Verwandten, die, wie sie sagt, ihn und sie anfeinden und verachten, ginge." „Siehst Du, mein liebes Herz!" erwiederte Benjamin bewegt, „Du hängst an Deinem Vater, der Pflichten gegen Dich hat und diese nicht erfüllt 1 — 2) Gemeinde.