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Der Israelit · 1882-01-23 · Heft 4 (23.1.1882) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 4 (23.1.1882)
Date
1882-01-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXIII. Jahrgang. Erste Beilage zu Ur. 4 des Israelit. Leitende Artikel. Lntwickluiigs-Theorie und Schöpfungs- Lehre. Bon Dr. H. Sänge r. (Fortsetzung.) Wenn also die Urkraft im Urstofse ohne irgend welche Entwickelung vorhanden war, so ist ohne einen anderen Einfluß eilt Uebergang zur Entwickelung rein undenkbar. Man müßte da noch einen Urstoff annehrnen, der den einen in Bewegung gesetzt, ihm einen Anstoß gegeben, gleichsam zum Leben aus seiner Todtenruhe erweckt haben muß. Und doch ist auch diese Annahme gerade so widersinnig, denn wer hat diesem Urstoff den Impuls gegeben, ans den andern einzuwirken. Die Urkraft wird ja nur zugegeben i n dem Stoffe, nicht aber außer demselben. Sie ist also dem Urstoffe anhaftend, Theil desselben, kann also nicht selbständig zu wirken anfangen, da sie einmal im Stadium des Unentwickeltseins sich befunden hat. Machen wir uns das an einem Beispiels klar. Unser Apfelkern sei wieder der Urstoff. Stoff und Kraft zur Entwickelung sind in ihm vereinigt. Diese Kraft kann sich aber erst dann entwickeln, wenn ich diesen Stoff nehme und mit einem andern Stoff, in dem gleichfalls die Entwickelungskrast liegt, verbinde , d. h. wenn ich den Apfelkern in fruchtbaren Boden lege. Ohne diese Verbindung würde der Apfelkern nie in das Stadium der Entwickelung treten. Wenn also auch Urstoff und Urkraft zusammen gedacht werden, so muß doch, wie schon angeführt, als Impuls Zur Entwickelung, da er nicht aus sich selbst entstehen kann, noch eine Kraft angenommen werden, die diese Urkraft in Bewegung setzt. Nun räumt man zwar ein, daß der Schöpfer des Urstoffes diesen Anstoß gegeben, sich dann aber nicht weiter darum kümmerte, den Stoff sich selbst überließ. Dieser Schöpfer hat das, was wir mit „Naturgesetz" bezeichnen, vollständig in den Stoff gelegt, so daß er seiner Mitwirkung ferner nicht mehr bedurfte. Es wäre diese Hypothese an sich gar nicht so schlimm, wenn der Schluß, der daraus gezogen wird, nicht darauf hinausliefe, daß der Schöpfer an der Entwickelung keinen Theil habe, dieselbe ganz gleichgiltig für Ihn sei, eine Verbindung zwischen Beiden nicht existire. Man leugnet hier-mit jeden sichtbaren, vernünftigen und begreiflichen Zweck der Welt und — die Vorstellung von dem Schöpfer des Urstoffes wird eine rein kindische. Wenn denn doch die Entwickelung als Weltgesetz und als Entwickelungsprinzip der Erh altungstrieb aufgestellt werden, diese beiden aber nicht erst im Laufe der Zeit entstanden sein können, sondern von dem Schöpfer in den Urstoff gelegt worden sein müssen, so muß doch dieser Schöpfer die Entwickelung und Erhaltung gewollt haben; muß einen Zweck damit verbinden; kann unmöglich dem Zufalle dieselbe anheimstcllen,^so daß ja möglicherweise einmal ein vollständiger Stillstand in der Entwickelung eintreten könnte. Wenn man schließlich, um dem Dilemma, welches durch die Annahme eines Urstoffes von unbekannter Herkunft und Abstammung entsteht, entgehen will und einen Schöpfer des Urstoffes zngesteht, so ist es doch vernünftiger, einen vernünftigen Schöpfer anzunehmen. als bloß einer Laune diese Schöpfung des Urstoffes zuzuschreiben. Jedenfalls können wir jetzt schon nach dem bisher Ausgeführten behaupten, daß dieses Entwickelungspriuzip, welches der ganzen Natur innewohnen soll und sich nach Naturgesetzen regelt, aller Erfahrung und Vernunft widerspricht, wenn ich nicht eine Ursache annehme, die den Impuls zur ersten Entwickelung gegeben. Und sobald ich diese Ursache auzunehmen gezwungen bin, dann wäre es rein unvernünftig und kindisch, sich dagegen zu sträuben, daß diese Ursache einen Zweck, eine gewollte Wirkung erzielen will. Zur Schöpfungslehre übergehend, müssen wir als einleitende Bemerkung Folgendes vorausschicken. So viel uns die Weltgeschichte zu berichten weiß, haben die Menschen im Allgemeinen den Glauben an eine Schöpfung gehabt. Und wir müssen uns, da es sich hier um historische Thatsachen handelt, doch fragen, woher rührt dieser Glaube? da ja gerade Gott als Schöpfer immerhin für uns Menschen ein unbegreifliches Wesen ist. Diese merkwürdige Erscheinung führt uns zuvörderst zu der Annahme, daß diese Völker alle von einem Volke, von einer Familie abstammen, welches Volk, oder welche Familie den Glauben an einen göttlichen Schöpfer gehabt hat. Nun ist, abgesehen von der neuen Lehre von der Entwickelung,' die jedenfalls für sich das Prädikat höherer, wissenschaftlicherer und vernünftigerer Anschauung beansprucht, der Glaube an ein höheres.

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