Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1882)
- Date
- 1882-01-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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80 werden sollen. Neben Gaben an Bedürftige sind auch Beisteuern zu gewähren an Jünglinge, welche sich dem Lehrfache oder einem sonstigen wissenschaftlichen Studium widmen oder ein Handwerk oder anderes Gewerbe erlernen wollen und zwar für die Dauer des Studiums oder der Lehrzeit; ferner an Mädchen, welche sich verheirathen wollen, an Wittwen und Waisen, sowie kranke oder altersschwache Personen. Pasewalk, im Jan. In Anlaß eines hier gefeierten eigenthümlichen Jubiläums wird der „N. Stett. Z." folgende Reminiscenz mitgetheilt: Als in Pommern 1831 zum ersten Male die Cholera auftrat, herrschte der Glaube, daß auch die Leichen der an Cholera Gestorbenen ansteckend seien. Daraus erwuchsen oft arge Verlegenheiten, denn es hielt außerordentlich schwer, Personen zu finden, welche bereit waren, das Beerdigungsgeschäft zu besorgen. Als die Krankheit, immer mehr fortschreitend, aus dem Randow'schen Kreise endlich in den Ucckermünder übergetreten war, ergriff sie u. A. daselbst auch das Dorf Jatznick. Ein Einwohner starb, aber Niemand hatte den Muth, die Leiche zu berühren. Schon lag diese drei Tage in der Hütte und noch war nicht Hand angelegt worden, sie dem Schooß der Erde zu übergeben. Klagend irrten die Angehörigen durch den Ort, flehten, beschworen, weinten — Alles vergeblich. Da kam ein armer Handelsjude seine Straße gezogen, wohlbekannt im Dorfe und von Jung und Alt als ein menschenfreundlicher Mann geehrt. „Der Jude wird helfen!" sagten Alle, und sie hatten sich nicht geirrt. Kaum hatte er von rer Noth der Gemeinde gehört, als er erklärte, das Begräbniß vornehmen zu wollen. Ohne eine Spur von Furcht zu verrathen, lud er die Leiche auf einen Karren und fuhr sie nach dem Friedhofe. Während er dies that, forderte die Cholera ein zweites Opfer, und wiederum fiel dem Juden die Aufgabe zu, es dahin zu bringen, wo es den Frieden suchte. Aber Michael Tebel — so hieß der Brave — wies jede Belohnung der dankbaren Dorfbewohner zurück. „Ich habe Euch einen Gefallen gethan", sagte er, „und so ist es gut, Euer Geld will ich nicht: jetzt laßt mich gehen und nach Hause ziehen." Und er legte seinen Pack auf den Nacken und ging. Erstaunt sahen die Bewohner ihm nach. Wußten sie doch, daß er nicht zu den Reichen gehörte. Hatte er nicht daheim in Pasewalk eine Frau und neun Kinder zu ernähren, und riefen diese Kinder nicht unaufhörlich nach Brod? Und doch verschmähte er die Gelegenheit, sich Gewinn zu verschaffen! Aber war es denn nicht möglich, sich ihm auf andere Weise dankbar zu zeigen? Glücklicherweise fand sich dieses Mittel. Schon seit dem Jahre 1822 wohnte Tebel, sich küm- > merlich durchbringend in Pasewalk. Wiederholt! hatte er die Verleihung des Staatsbürgerrechts nach- ' gesucht, aber immer war er abschläglich beschieden worden. War er doch ein Jude und noch dazu ein armer, für seinesgleichen gab es damals Ehrentittel nicht. Vielleicht aber war es möglich, durch seine That jetzt die Behörden umzustimmen. Diese Erwägung führte dazu, daß zunächst die Königliche Regierung in Stettin davon in Kenntniß gesetzt wurde. Von dort ging dann ein Bericht über die edle und muthige Handlung Tebels an das Ministerium ab, zugleich mit dem Anträge, ihm, obwohl dies nach Lage der Gesetzgebung eigentlich nicht zulässig sei, ausnahnisweise das Staatsbürgerrecht zu ertheilen. Dieses Gesuch wurde genehmigt, doch unter der Bedingung, daß Tebel den Familienamen Keibel annehme. So waren denn erst wenige Wochen im Jahre 1832 dahingegangen, als eines Tages ein Polizeidiener in die Wohnung des Juden kam und ihn ersuchte, auf das Rathhaus zu kommen. Tebel zog sogleich seinen Sabbatrock an und ging. Da waren die Väter der Stadt schon versammelt und bereit, den „Staatsbürger" zu empfangen. Der Vositzende im Magistrat hielt eine Ansprache, lobte nochmals das Thun des Hebräers und überreichte ihm feierlich das auf seinen Namen Keibel ausgefertigte Natnralisationspatent. Hegenheim (Elsaß). Dem siebenten Jahresbericht des israelitischen Asils in Hegenheim über den Zeitraum vom 1. Oktober 1879 bis 30. September 1881 entnehmen wir: Unsere Ausgaben für Bauten und innere Einrichtung des Asils, welche sich im Jahre 1979/80 auf Fr. 485. 25 beliefen, sind im letzten Jahre auf Fr. 1518. 05 gestiegen. Die Anstalt zählt gegenwärtig 12 Pfründer. Die Unterhaltungskosten einer Person, welche von Fr. 574. 14 im Jahr 1878/79 auf Fr. 520. 63 im Jahr 1879/80 zurückgingen, sind im letzten Berichtsjahr 1880,81 auf Fr. 633 06 gestiegen. Die Ausgaben für den Unterhalt betragen Fr. 8389.47, die ordentlichen Einnahmen Fr. 7282.20 es ergibt sich daher ein Deficit von Fr. 1107. 27, welche wir genöthigt waren, mittelst der außerordentlichen Einnahmen zu decken. Wir erhalten fortwährend Unterstützung durch die Frauengesellschaft in Basel, welche die Anfertigung von Kleidungsstücken und des Weißzeuges besorgt. Wir verdankeu es dieser wohlthätigen Gesellschaft, daß unsere Ausgaben dafür so unbedeutend sind. Wir freuen uns, mitzutheilen, daß das unver-