Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1882)
- Date
- 1882-01-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXIII. Jahrgang. Erste Anlage zu Nr. 3 -es Israelit. Leitender Artikel. Lnlwicklmigs-Theorie und Schöpfungs- Lehre. Von Dr. H. Sänger. (Fortsetzung.) Die Grundlehre des Darwinismus besteht darin, daß die Welt, wie sie jetzt sich uns präsentirt, nicht so fertig aus der Hand des Schöpfers gekommen ist, sondern sich erst zu dieser Stufe entwickelt habe. Angenommen, es hätte eine Schöpfung des ersten Stoffes stattgefunden, so sei doch die Welt mit ihren Millionen Geschöpfen und Myriaden von verschiedenen Pflanzen ein Produkt der schaffenden und sich immer weiter entwickelnden Natur. Wir wollen hier nicht die lange Reihe auszählen, wie sich aus dem Leblosen das .Lebendige bis hinauf zu dem wundervoll organisirten Menschen, diesem vollendetsten Geschöpfe der Jetztzeit, nach der neuen Lehre entwickelt habe, da wir auf die Grundlehre derselben eingehen, sie prüfen und untersuchen und mit deren Tragweite uns befassen wollen. Was heißt nun Entwickelung? Das Wort „e n t w i ck e l n" deutet schon an, daß der Zustand, in welchem sich ein Gegenstand vor der Entwickelung befindet, ein unvollkommener, ein noch nickt dem Zweck entsprechender ist. -Der Gegenstand befindet sich noch in seinem Urzustände. Zugleich aber ist mit dem Worte „entwickeln" auch gesagt daß der Gegenstand den Zweck hat, sich weiter zu bilden und daß in ihm die Fähigkeit dazu vorhanden ist. Wenn auch der Gegenstand in seinem Urzustände an sich ein vollkommener genannt werden kann, so ist er es dennoch nicht in Hinsicht seiner Bestimmungen und seines Zweckes. Machen wir uns das an einem Beispiele klar. Es sei dieser Gegenstand ein Apfelkern. An sich ist er ein vollkommener Kern. In diesem Kern aber liegt die Eigenschaft, die ihn befähigt, eine Bestimmung und einen Zweck zu erfüllen, sich nämlich zu einem Baume zu entwickeln. Denn daß es sein Zweck ist, sich zu einem Baume zu entwickeln, das beweist seine Fähigkeit dazu und hiermit ist auch die Grenze seiner Entwickelung gegeben. Solange er nun diesen Zweck nicht erfüllt, ist er in Hinsicht seiner Bestimmung I als unfertig und unvollkommen zu betrachten und wenn er, wie die Erfahrung lehrt, längere Zeit in diesem Zustande verharrt, so stirbt er ab und verliert die Fähigkeit zur Entwickelung. Beharren in einem Zustande, der nicht den Zweck in sich trägt, ist also Vernichtung. Darum muß Alles, was einen Zweck hat, sich entwickeln. Was sich entwickelt, muß einen Zweck haben. Dieser Zweck muß aber eine b e ft i m m t e Grenze haben. Ohne ein erreichbares Ziel läßt sich eine Entwickelung nicht denken, wie aus dem Vorhergesagten hervorgeht. Ferner kann über den gegebenen Kreis der Fähigkeiten von einer Entwickelung nicht mehr die Rede sein; denn es wäre eine vollständige Veränderung zu einem ganz anderen, neuen Gegenstände, der wieder andere, neue..Fähigkeiten zu weiterer Entwickelung, zu seinem neuen, erweiterten Ziele in sich trägt. Ob eine solche Entwickelung, resp. ein solcher Uebergaug möglich ist, das ist eine Frage, die von der modernen Wissenschaft als sicher behauptet, als bestimmt bejaht wird. Denn nach ihr hat sich aus dem Leblosen die lebendige Welt und vom Protoplasma durch Zwischeuentwickelung der Mensch entwickelt. Wir wollen nun sehen, wie sich die neue Lehre die Entwickclnng denkt und was sie darunter versteht. Sie denkt sich in den Urstoff den Keim der Entwickelung gelegt, der sich in jedem Wesen, das sich daraus entwickelt, weiter bildet, resp. jedes Wesen sich fortentwickeln läßt zn einem vollendeteren, wenn auch complicirteren Wesen. Mit dem einzelnen Wesen bildet sich dieser Keim zur Entwickelung noch immer weiter aus. Da dieser Keim also vorhanden ist, so muß auch die Entwickelung immer weiter gehen. Welchen Entwickelungsgang ein Gegenstand nimmt, ist gleichgiltig, wenn nur das Princip der Entwickelung durchgeführt wird. Sie selbst hängt von Zufällen, äußeren Einflüssen, Launen rc. ab. Rur, wenn einmal ein Gegenstand eine bestimmte Richtung eingeschlagen, nimmt er einen Verlauf der nach Gesetzen sich regelt und den man an der Hand des Naturgesetzes verfolgen kann, d. h. ich kann gut eine Reihenfolge aufstellen, deren Entwickelungsgang I an ähnlichen, verwandten Wesen nachweisbar ist,