Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1882)
- Date
- 1882-01-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447901--18404-2474444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton. I\r >:j Uarthenope. wünsche nicht, daß Byzanz auf die Dauer die Herrschaft über Italien erlange. Aber unser erstes Ziel muß sein, das Reich der Barbaren zu zertrümmern, und das können wir nur mit Hilfe der Heere des oströmischen Kaisers." III. Die Katakomben von Rom sind unterirdische Wege, welche unter den Straßen und Plätzen der Stadt fast eine zweite Stadt bilden. Diese geheimnißvollen Räume, ursprünglich alte Begräbuißplätze, sind so vielfach verschlungen und ihre Kreuzungen, Endpunkte, Aus- und Eingänge so schwierig zu finden, daß nur unter solcher Führung, die mit dem Orte auf das Innigste vertraut ist, ihre innersten Tiefen betreten werden können. Hier hatte sich eine Anzahl Männer versammelt, katholische Geistliche und vornehme Römer aus den alten Adelsgeschlechtern, welche seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitze der höheren Würden der Stadt sich befanden. Die Versammelten schienen sich hier nicht znm ersten Male einzufinden; die Schauer des Ortes machte wenig Eindruck auf sic. Gleichgiliig lehnten sie an den Wänden des unheimlichen Halbrunds, welches von einer broncencn Hängelampe spärlich beleuchtet, den Schluß des niedrigen Ganges bildete, gleichgiltig hörten sie die Tropfen von der Decke zur Erde fallen, und wenn ihr Fuß hie und da an weiße, halbvermodcrte Knochen stieß, schoben sie auch diese gleichgiltig auf die Seite. Ein vornehmer, römischer Priester, der Archidiakonns Blasius eröffnete die Versammlung. „Meine Brüder", sprach er, „ich habe Euch zusammenberufen, um Euch zu sagen, daß wir wach und aufmerksam bleiben müssen, den rechten Zeitpunkt nicht zu versäumen, um die verlorene Freiheit wieder zu erringen. Die Gothen, deren Joch wir Alle^uit tiefstem Unwillen tragen, sind zwiefach unsere Feinde. Sie sind Barbarenwelche das römische Reich in Trümmer gestürzt haben, und mehr als das, sie sind arianische Ketzer, Feinde der rechtgläubigen Kirche. Der Zeitpunkt ist günstig. Ein Weib sitzt ans dem Throne Theuderichs, verbunden mit einem habgierigen Schwächling. Trotzdem wird es uns nicht gelingen, durch unsre eigne Kraft das verhaßte Joch abzuschütteln. Deßhalb müssen wir unsre Augen nach Konstantinopel wenden und vom Kaiser Justinian Hilfe erwarten." „„Priester"", unterbrach ihn ein vornehmer, junger Römer, „„sollen wir das alte Joch mit einem neuen vertauschen?"" „Lucius Licinius", antwortete der Archediakonus, „Deine Gedanken sind auch die weinigen. Auch ich „„Und wenn"", fragte Lucius Licinius, „„die Gothen aus Italien vertrieben sind,, was soll dann geschehen?"" „Dann soll", antwortete der Priester, „entweder Rom wieder eine Republik werden oder wir wählen einen neuen weströmischen Kaiser, welcher den alten Glanz des römischen Reiches und der ewigen Roma! wieder Herstellen möge." „„Und warum"", fragte ein anderer Römer, 'Namens Paulus Virginius, „„widerstrebt Ihr der! Wiedervereinigung mit dem oströmischen Reiche?"" „Mein Virginius", antwortete Blasius, „wir! sind Alle darüber einig, daß die irrgläubigen Barbaren fort müssen; wir sind ferner Alle darüber einig, daß es unsere höchste Aufgabe ist, den alten Glanz der einstigen Hauptstadt der Welt wiederherznstellen. Rom kann und darf Byzanz nicht dienen. Nicht allein in weltlicher Beziehung, auch in geistlicher muß Nom an der Spitze der ganzen Christenheit stehen. So lange aber der Bischof von Byzanz von dem allein rechtgläubigen und rechtmäßigen j Kaiser gestützt wird, so lange kann der Nachfolger , Petri nicht die Stellung in der Kirche einnehmen, i die ihm rechtmäßiger Weise gebührt. Wenn aber « Rom wiederum eine Republik wird, oder ein weftj römischer Kaiser in seinen Mauern herrscht, dann! wird Italien das Hauptland der Kirche sein und auch die Barbarenkönige in Gallien, Germanien, Hispanien und allen andern Ländern Europa's werden sich der römischen Kirche unterwerfen; dann werden auch die Bischöfe des Morgenlandes die Oberhoheit Roms anerkennen, und unsre ewige Stadr wird wiederum sein die Hauptstadt der Welt."! „„Du bist sehr ehrgeizig, Priester"", rief Lucius! Licinius. j „Nicht für mich", antwortete Blasius, „sondern! für die heilige Kirche ltnb die ewige Noma. Erst! müssen wir diese Barbaren zertreten; dann wird es i ein Leichtes sein, daß wir das byzantinische Joch abschütteln. Aus Eurer Mitte, Ihr Helden und Befreier Noms, wird dann der weströmische Kaiser gewählt, der an der Spitze unsrer Legionen den Westen zurückerobern wird, der die Franken aus Gallien, die Westgothen aus Hispanien vertreibt. Dann wird , es Zeit sein, Byzanz und das Ostreich zum alten Gehorsam unter die Stadt der Cäsaren zurückzubringen."