Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1882)
- Date
- 1882-01-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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28 schlug, um den Plünderern den Zugang zu erleichtern. Ueber den Ursprung der Excesse wird uns aus Warschau geschrieben, daß schon Samstag den 24. Dezember, also einen Tag vor den Excessen, Gerüchte über das bevorstehende Unglück und seine Folgen cursirten. Es ist ferner eine Thatsache, daß die Polizei- und die Verwaltungs-Behörden davon avisirt waren und keine Maßregeln trafen; es ist Thatsache, daß, nachdem die Regierung unter Pression der öffentlichen Meinung am dritten Tag Verhaftungen vornahm, viele Verdächtige und darunter Leute, die der polnischen Nation nicht angehörten, verhaftete, viele andere gleicher Kategorie jedoch nicht verhaftete. Es ist eine Thatsache, daß viele dieser Letzteren Rädelsführer waren und Russisch sprachen, und daß die den verschiedenen Confessionen ungehörigen polnischen Bürger, welche das aufgehetzte Volk durch Ansprachen beruhigen wollten, von Polizei- Organen arretirt wurden; es ist endlich Thatsache, daß einzelne höhere Amtspersonen (unter Anderen der General Medem), die, der Forderung der Humanität entsprechend, aber ihrer Instruction zuwider, energisch dem Pöbel entgegentraten, von ihren Vorgesetzten scharf gerügt wurden. Alle diese Thatsachen zeigen klar, daß man nicht ohne Grund die Regierung beschuldigt, nicht ihre Pflicht gethan zu haben. Ein Augenzeuge der Warschauer Excesse erzählt in einem Lemberger Blatte: „Die Excedenten haben den Soldaten „Hurrah!" zugerufen und wurden durch Gegenrufe seitens der Soldaten aufgemuntert". Als der Vertreter des Ober-Polizeimeisters, Generalmajor Polenow, durch die Stadt fuhr, rief ihm der Pöbel iin „Hurrah! zu, und Polenow erhob sich vom Sitze, um dem Pöbel zu salutiren. Ein vom Pöbel verfolgter Jude rief um Hilfe, wurde aber von danebenftehenden Soldaten verhöhnt und beschimpft. In einigen Gassen drangen Soldaten in die vom Pöbel ausgeplünderten Gewölbe und Schanklokale, tranken dort Branntwein und nahmen Cigarren mit. Unter dem Pöbel herrschte die größte Zuversicht, das Militär werde keinen Gebrauch von den Waffen machen, weil dies hohenorts untersagt sei. Ein mit Schießen drohender Officier wurde von Gassenbuben verhöhnt und insultirt und hat dennoch diese Drohung nicht ausgeführt." Die Tumulte in Warschau haben, wie uns berichtet wird, die Besorgniß vor ähnlichen Ausschreitungen des Lemberger Pöbels hervorgerufen. Schon seit mehreren Jahren macht ein dortiges Blatt in Anti-Semitismus, und dasselbe tritt nun auch nach den Warschauer Vorgängen dafür ein, daß gegen die Juden Vereine gebildet und Specialgesetze erlassen werden müssen. Die Disposition zu Judenkrawallen ist aber, wie die Chronik früherer Jahre lehrt, so ziemlich vorhanden, und der Dziennik Polski fühlt sich daher veranlaßt, zur Siftirung solcher Hepp-Hepp-Artikel aufzufordern. Es sei, bemerkt er, ein gefährliches Spiel, Leidenschaften zu erwecken; die Massen würden die „Wahrung.christlicher Interessen" in ih rer Weise besorgen und, einmal zur Mißachtung des Eigenthums der Juden verleitet, vor den Gutshöfen des polnischen Adels kaum Halt machen. Aus Krakau, 30. Dezember, wird uns aeschrieben: Die furchtbaren Dimensionen, welche oie durch nrehr als drei Tage andauernden Judenkrawalle. in Warschau in ungeahnter Weise annahmen, haben unter den hiesigen Juden eine große Aufregung hervorgerufen. Zahlreiche Familien leben in Angst um das gefährdete Leben und Vermögen ihrer Verwandten in Warschau und erwarten mit fieberhafter Spannung die betrübenden Berichte über die Excesse in Warschau. Aber auch in nationalen Kreisen haben diese Judenhetzen in Warschau aus politischen Gründen einen deprimirenden Eindruck geübt. Bekanntlich haben die Nationalen in Galizien stets die Juden in Congreßpolen, besonders die in Warschau lebenden, als Muster polnischer Patrioten den galizischen gegenübergestellt und den Letzteren fortwährend gepredigt, daß sie, — wenn sie die Liebe und Achtung ihrer christlichen Mitbürger sich erwerben wollen, gleich den Juden jenseits der Weichsel national denken, fühlen nnd sprechen .mögen. Nun zeigen die dieswöchentlichen entsetzlichen Vorgänge in Warschau, daß den Juden auch sein aufrichtiger polnischer Patriotismus vor der landesüblichen Intoleranz nnd vor dem religiösen Fanatismus zu schützen nicht vermag. Es ist daher begreiflich, daß die intelligenten Polen die Frevelthaten des Warschauer Pöbels laut verdammen. Bemerkenswerth und charakteristisch für die Denkungsweise der Polen in Galizien ist die eigenthümliche Art, mit der man in klerikal-nationalen Kreisen diese unangenehme, dem Polenthum zugefügte „Schlappe" in Warschau nach Kräften zu beschönigen sucht. Die Methode ist die alte. Der Jude muß am Ende doch der Schuldige sein. Unsere Clerikalen behaupten, daß an den Excessen in Warschau, durch die Tausende Juden in namenloses Elend gestürzt wurden, nicht blos der raubsüchtige Pöbel von Warschau, sondern in erster Linie die jüdischen Wucherer und jüdischen Schnapsverkäufer die Schuld tragen. So zu lesen im Czas. Die Liberalen unter den Nationalen schieben dagegen alle Schuld auf den ungebildeten Pöbel. Nun liegt aber die Frage nahe, warum man von nationaler Seite nicht mehr darauf sieht, daß Geist und Gemüth der Jugend besser erzogen werden, warum hierzulande in so manchen öffentlichen Schulen den Kindern