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Der Israelit · 1882-01-11 · Heft 2 (11.1.1882) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 2 (11.1.1882)
Date
1882-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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27 Lässigkeit der Behörden und durch die Connivenz der Sicherheitsorgane entfesselte Ranbsucht des Pöbels noch immer ihre Nachwirkungen ausübt. Das ist auch aus allen uns heute zugekommenen brieflichen Berichten aus Warschau zu erkennen. So wird uns von dort unterm 30. December geschrieben: In der Stadt herrscht nun wenigstens äußerlich Ruhe, doch sind die Befürchtungen vor einer Wiederholung der tumultuarischen Vorgänge noch nicht geschwunden. Aus diesem Grunde werden auch noch heute alle öffentlichen Gebäude und Banken von Militärposten bewacht und nach wie vor ziehen starke Militär-Abtheilungen patrouillirend durch die Stadt. Die Zahl der in den ersten drei Tagen der Woche Verhafteten beträgt mehr als200O; die meisten derselben sind halberwachsene Bursche, welche offenbarweniger aus eigenem Antriebe, als auf Eommando excedirten. Ein Drittel der Verhafteten besteht aus notorischen Spitzbuben, deren es in Warschau sehr viele gibt und der Rest sind Handwerksgesellen, Arbeiter und auch einige Meister. Auf Befehl des Ministers wurden die Bursche nach Ertheilung von 50 Ruthenhiebe und einer energischen Strafpredigt wieder in Freiheit gesetzt, während den übrigen Verhafteten der Prozeß wegen Aufruhrs gemacht wird. Es muß anerkannt werden, daß sich der gebildete Theil der polnischen Bevölkerung gegen jede Solidarität mit den Excedenten offen und nachdrücklichst verwahrt und an den Sammlungen für die geplünderten Juden mit theilweise bedeutenden Summen betheiligt. Zur Unterstützung sowohl der in der Kreuzkirche Verunglückten, wie der durch die Plünderungen Beschädigten hat sich gestern ein Eomite gebildet, welches aus den achtbarsten Bürgern beider Confessionen besteht. Eine sofort unter den Mitgliedern eingeleitete Sammlung ergab die Sumzne von 3100 Rubeln. Außerdem wird in den nächsten Tagen eine Wohlthätigkeitsvorstellnng in sämmtlichen drei Theatern (dieselben sind vorn Staate subventionirt) stattfinden. Die seitens der Warschauer Presse eingeleiteten Sammlungen ergaben bisher 60O0 Rubel. Es darf bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt bleiben, daß die hiesigen polnischen Blätter mit scharfen Worten die Excesse gegen die Juden verurtheilten und übercirrstimmend ihre mahnende Stimme erhoben, um das Volk vor der Fortsetzung der Excesse zu warnen. Wie bereits telegraphisch gemeldet wurde, ist durch einen Erlaß des Stadtpräsidenten von Warschau, General-Lieutenant Starynkiewicz, behördlich constatirt worden, daß der falsche Allarm in der Kreuzkirche, der den Anlaß zu den Excessen bot und von so traurigen unmittelbaren Folgen begleitet war, nicht von Juden ausgegangen ist, und daß sich unter den bei dieser Gelegenheit verhafteten Taschendieben nicht ein einziger Jude befand. Der betreffende Theil des erwähnten Erlasses lautet: Nach dem unglücklichen Zufalle in der Kirche zum heiligen Kreuz haben Straßenbanden in der Stadt Unruhen gegen die Juden angestifttt. Eine bedeutende Anzahl Häuser, Schänken und jüdischer Läden, größtentheils ärmeren Leuten angehörtg, ist verwüstet worden. Dise unbemittelten Leute sind in Elend gerathen. Neben den Inden haben auch viele christliche Einwohner gelitten, zum Theile Hausbesitzer, bei denen Erstere gewohnt hatten, und theitw'eise solche, die mit Jenen in industrieller und Handelsverbindung standen. Sämmtliche Einwohner der Stadt haben Schaden gelitten, da angesichts der erheblichen Schäden alle Unternehmungen und jede Arbeit aus Furcht vor weiteren Unruhen darniederliegen und eine allgemeine Theuerung entstehen wird. Selbst die an beit Unruhen tBetfjeilißtcu werden an ihre eigenen Werken gestraft. Unterdessen hat es sich bei den Untersuchungen herausgestellt, daß die Juden an der Katastrophe in der Kirche gänzlich schuldlos sind. Im Gegentheil waren mehrere derselben als Aerzte und Chirurgen mit dem Retten der Verunglückten aus der Kirche zu derselben Zeit eifrig beschäftigt, als die Massen deren Besitz plünderten und vernichteten. Es haben also zlvei bis drei Personen in böser Absicht das lügenhafte Gerücht verbreitet, ein Jude hätte in der Kirche absichtlich den Tumult hervorgerufen, der den Tod vieler Personen bewirkte, mib diese zwei bis drei Individuen reichten aus, Hunderte von obscuren Leuten zu Unruhen und Plünderungen zu veranlassen, welche sämmtlichen redlichen und ruhigen Stadtbewohnern und sogar den Thätern selbst so viel Unheil beibrachten. In einem zweiten, uns ans Warschau zugekommenen Schreiben wird beigefügt, daß an sechstausend Familien durch die Plünderungen und Verwüstungen nm ihr Hab und Gut gekommen sind, und zwar zumeist arme Leute, die sich mit Mühe ernährten. Es wurde in optima, forma geplündert und geraubt, und selbst bei Leuten, die bisher als anständig und ehrlich galten, wurden geraubte Sachen vorgefunden. Eine durch zahlreiche Beweise erhärtete Thatsache ist cs ferner, daß die Sicherheitsorgaue nicht blos die Excedenten lange Zeit gewähren ließen, sondern einzelne sich direct an den Excessen betheiligten. Ein Zimmermeister hatte mehrere bei ihm geraubte Gegenstände, so z. B. silberne Kaffeelöffel im Besitze des Polizisten seines Reviers gesehen und ein angesehener Warschauer Fabrikant war Augenzeuge, wie ein Polizist mit dem Korbe seines Säbels die Spiegelscheibe einer Waarenanslage durch-

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