Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1882)
- Date
- 1882-01-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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unter welchen sie geschehen, die Absicht der Beleidigung nicht hervorgehe, der Artikel vielmehr nur die Bekämpfung jener wüsten Agitation bezweckt und daher zur Wahrnehmung berechtigter Interessen geschrieben sei, so müsse nach § 193 St.-G.-B. Freisprechung eintreten. Eventuell sei bei dem Vorhandensein mildernder Umstände eine Geldstrafe angemessen. — Nach dieser Rede folgte noch eine kurze Erwiederung Seil ns der Staatsanwaltschaft und der Vertheidigung, und es wurde hierauf nach IV»- stündiger Berathüng des Gerichtshofes das Urtheil dahin verkündigt, daß Angeklagter zu vier Wochen Gefängniß und in die Kosten des Verfahrens verurtheilt werde, auch dem Reichskanzler die Publikationsbefuguiß in der „Hanauer Zeitung" zugesprochen werde. Feuilleton. Löb Munitz.') Kulturhistorisches Zeitbild aus dem e r st e n D r i t t e l des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) 1. Kapitel. Wir befinden uns in dem alten Prager Ghetto, es ist eine schöne Winternacht; vom blauen Himmelsgewölbe blicken zahllose Welten als kleine goldene Punkte zur Erde hernieder, der Boden ist mit hartgefrornem Schnee bedeckt und die Straßen sind ganz menschenleer. Es ist dies ja auch ganz natürlich. Die Thore des Ghetto's sind, damit dessen Bewohner ruhig, vor jedem Ueberfall gesichert, schlafen können, schon seit Zwei Stunden geschlossen, Frauen und Kinder haben schon längst ihr Lager gesucht, und nur die Männer beschäftigen sich, da es Donnerstag Nacht ist, zu Hause mit religiösen Studien. Auch der Geringste, der Unwissendste unter ihnen, der Lastträger, der Tagarbeiter, liest wenigstens den dieswöchentlichen Thoraabschnitt; und aus allen Fenstern dringt Lichtschein und auch wohl jener eigenthüinliche Tonfall, mit welchem talmudische Studien betrieben werden; — wer also hätte noch zu so später Abendstunde bei der furchtbaren Kälte etwas auf offener Straße zu suchen? Ein einziger Mensch steht in einer der Hauptstraßen der Judenstadt, die man damals Pinkasgasse nannte. Es ist dies ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren. Seine hohe, schlanke Ge¬ *) Jeder Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden; Nebersetzungsrecht in fremde Sprachen Vorbehalten. statt ist in einen weiten Mantel gehüllt, er trügt nach der Sitte jener Zeit einen dreieckigen Hut. Der dunkle Vollbart, der zu den ausdrucksreichen Zügen seines edelgeformten Gesichtes vollkommen paßt, ist jetzt vom Schnee und Reif weiß gefärbt, während der Glanz und die Schwärze der lang herabwallenden Locken mit seinen großen Augensternen, welche wie tiefdunkle Kohle glänzen, vollständig übereinstimmen. Er hat sich der Apotheke, welche sich seit Jahrhunderten in dem Besitze der alten, berühmten Familie Jeitteles benfidet, gegenüber postirt, und nach der Richtung seiner Blicke scheint er Jemanden, der etwa aus dem in die Hauptstraßen des Ghetto's mündenden Belelesgäßchen kommen soll, zu erwarten. Die große Kälte scheint seine Ungeduld zu verstärken, wenn er längere Zeit unbeweglich gestanden, stampft er mit den Füßen den hartgefrornen Schnee oder geht einige Schritte auf und ab; endlich — es schlägt eben von dem Thurme des jüdischen Rathhauses elf — taucht beim Ausgang der Belelesgasse eine Mädchengestalt auf und nähert sich mit raschen Schritten der Apotheke und somit auch seinem Standorte. Der junge Mann geht ihr einige Schritte entgegen. „Guten Abend, Ester!" spricht er. „Du hast mich lange warten lassen .... und ich bin so uneduldig zu hören, was Du mir zu sagen hast. Ich ab' mich heut' den ganzen Tag darnach gesehnt, Dich zu sprechen; — ich bin ein offener Mensch und liebe solches Heimlichthun und Verstecken nicht, doch muß es sein ..... ich habe Dir gesagt, daß ich Dich lieb habe, so recht, recht lieb, wie ein redlicher Mann das Weib, um dessentwillen er, wie die Thoro*) sagt, Vater und Mutter verlassen und an ihr hangen soll, lieben muß — und Ester, Du kennst mich ja seit Deiner frühesten Kindheit an — wir haben jahrelang in einem Hause gewohnt und es kann Dir nicht schwer fallen, Dir ein Urtheil über mich zu bilden. — Ich wollte, bevor ich bei Deinem Vater um Dich werbe, zuvor wissen, ob ich Dir als Gatte recht wäre, ob Du mich liebst. Ich hatte stets gehofft, es zu erkennen geglaubt, daß Du mich wieder liebtest.fast muß ich glauben, daß ich mich getäuscht," fuhr er nach kurzer, schmerzlicher Pause fort. „Nur Eines hatte meine Hoffnung aufrecht erhalten; wenn Du meine Werbung abzuweisen beabsichtigtest, Zu welchem Zwecke hättest Du den Aufschub verlangt? — Und doch that es mir weh'! Ich möchte glauben, echte Liebe brauche sich nicht zu bedenken!" Ester war ein hochgewachsenes, schlankes Mädchen, das selbst in dem ärmlichen, vielfach ausgebesserten Gewände von grobein Stoffe Jedermann ge- *) Bibel.