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Der Israelit · 1882-01-04 · Heft 1 (4.1.1882) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 1 (4.1.1882)
Date
1882-01-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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14 fallen mußte. Das kohlschwarze, glänzende, seidenweiche Haar war von einem Kopftuch verhüllt, das allerdings nicht die reiche Fülle ganz zu bergen vermochte; in dem ovalen Gesichte fielen zwei große, sprechende Augen von wunderbarer Schönheit aus, die in dem Momente wie von einem zarten Thränenschleier umflort schienen, der kleine Mund zuckte mehrmals, bevor er einen Ton hervorbrachte. Ester mußte wohl — das hätte ein unbefangener Beschauer aus ihrem verlegenen Behagen sofort erkennen müssen — etwas sagen wollen, was ihr nicht leicht siel; endlich entgegnete sie, mit einer Hand an ihrem Schürzenbande nestelnd, mit der andern eine Arzeneiflasche aus der Tasche ziehend: „Benjamin, ich habe Dich hierher bestellt, weil ich Abends, wenn mein kleines Brüderchen vor Schmerzen nicht schlafen kann, in die Apotheke gehen muß, ihm einen Heiltrank bereiten zu lassen, ich muß immer eine halbe Stunde warten, bevor die Medizin fertig wird, — ich will ja mein armes Brüderchen nicht warten lassen, das wäre schlecht und grausam von mir, nicht wahr, Benjamins — ich werde das Recept hineingeben — sie deutete aus die geschlossene Apotheke — und sagen, daß ich den Trank in einer halben Stunde hole, da Hab' ich Zeit genug, mit Dir zu sprechen . . . ." Ester trat zur Apothekenthüre, an welcher sie anläutete; als geöffnet wurde, trat Benjamin in den Schatten der Friedhofmauer, welche an einer der Apotheke gegenüberliegenden Straßenseite herlief; er wollte nicht mit Ester allein gesehen werden. Diese kam sofort wieder eilig heraus. „Es könnte uns doch Jemand, der in die Apotheke oder zeitig zuChazos*) geht, zusammen sehen," meinte Ester. „Wollen wir nicht durch das Pförtchen da hinaus auf das Bes hachajim**) gehen? Dort sind wir ungestört und ungehört und ungesehen." So sprechend, öffnete sie eine kleine Thüre, die auf den uralten, weltberühmten Friedhof der Prager Gemeinde führte und schritt voran. Es herrschte tiefe Stille auf dem weiten Raume dieses „Hauses des Lebens", wie wir Juden, weit umschreibend, die Grabesstätten eigenIhmMch schön bezeichnen. Der weite, unübersehbare Raum ist von alten ehrwürdigen Grabsteinen, darunk, - tausendjährigen, übersäet; die uralten Bäume ,- jetzt vom Schnee umsilbert, verschwimmen im Hintergründe mit den Luftschichten, die sich in weitem Bogen von der Himmelskuppel zur Erde niederwölben und von: tiefsten Dunkel, blau im Zenith, allmählich verblas- *) Aiidcichtsüblmzen, die zu jenen Zeiten jeden Donnerstag um Mitternacht abgehalten wurden. **) wörtlich: Hans des Lebens, dem Linre nach Friedhof. send an dem Punkte, wo sie die Erde zu berühren scheinen, sich mattgrau färben. Benjamin war Ester schweigend gefolgt, endlich blieb sie stehen. * „ Hier ist das Grab meiner Mutter, oleho hascholom*)," sprach sie und ihre Stimme schwankte. „Hier fass' ich Herz, Dir das Zusagen, was ich Dir sagen muß." Der junge Mann, der ernst vor sich hinsah, blickte jetzt verwundert auf. „Wenn Du Dir erst Herz fassen sollst, mir etwas zu sagen, wird wohl Deine Antwort eine ablehnende sein. Ich lieb' Dich, Ester, mehr als ich es aussprechen kann, — und, Gott weiß es, mehr als mich selbst; — ich möchte Dich so glücklich machen, als dies eben ein schwacher Mensch zu thun vermag; — aber wenn Du meine Neigung nicht erwiderst, so sprich dies offen aus; Liebe läßt sich nicht erzwingen, und ungeliebt von Dir, will ich auch Dein Jawort nicht! Sprächst Du zu mir, ich lieb' Dich nicht, doch wenn Du es verlangst, will ich Dein Weib werden, — bei dem lebendigen Gotte! ich sagte nein! — ich will Dein Glück, — das steht mir höher als das meine!...." Benjamin brach jäh ab, ein eigenthümliches Gefühl unschilderbarer Schämigkeit erfaßte ihn, wenn ihn, wie er jetzt glauben mußte, Ester verschmähte, wozu sollte er ihr die starken Gefühle seines Herzens offen zeigen; er wollte von ihr nicht bedauert werden, noch -weniger fast, sie in ihrem Entschlüsse wankend j machen.! Eine helle Flammenröthe überlohte Esters Züge, | sie athmete tief auf und sprach: „Du irrst, Benjamin, ich liebe Dich; — aber j wenn Du mich wiederliebst, so treu, so stark, wie , Du es eben ausgesprochen, so ... . wirst Du mir | eine Bitte nicht versagen:" — wieder hielt Ester einen Moment inne — „sag' Dich los von ... . diesem Menschen, diesem Löb Munitz!" Ein convulsivisches Zittern dürchbebte Benjamin's mächtige Gestalt, so daß er sich an einen starken Baumast halten mußte. „Mich lossagen von .... diesem Menschen, wie Du ihn nennst!" löste sich endlich dumpf von seinen Lippen los. „Weißt Du, was mir dieser Mensch ist? mehr als mein leiblicher Vater — er ist mir Alles! Ich wär' der unwürdigste Mensch, der je gelebt auf dieser Welt, wenn ich dies thäte! Je mehr ihn die Andern um seiner Schwäche willen verachten, um so mehr muß ich es versuchen, ihm durch doppelte Liebe und Dankbarkeit den Haß der Anderen vergessen zn machen! Ich lieb' Dich, Ester, und Dein Geftändniß, daß Du mich wieder liebst, hat mich beglückt, mich wunderbar beseligt, — doch *) Friede mit ihr!

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