Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1882)
- Date
- 1882-01-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXIII. Jahrgang. Erste Beilage zu Ar. 1 des Äsraelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Von 8. Nathan le sage. Conference faite ä la socfete lfepublicaine d’instruction de Vesoul par Isaac Levy, Grand - Babbin. Paris .1881 (Fischbacher.) öl S. kl. 8°. Ein Vortrag über Lessings Meisterwerk ,/Nathan der Weise" vor einem französischen Publikum kann von uns als Deutschen und als Juden nur mit Anerkennung und Befriedigung begrüßt werden, wenn er dazu dienen soll, die Franzosen mit den Werken unserer Geistesheroen bekannt zu machen und die herrlichen Ideen von Duldung und Menschenliebe, wie Lessing sie gelehrt, weit über die Grenzen Deutschlands hinauszutragen. Was aber hier geboten wird, trägt wohl dem Genius Lessings in manchen Beziehungen Rechnung, die Anwendung aber ist so chauvinistisch, daß man sich verwundert fragen muß, wie das sriedeuathmende Testanient Lessings wohl dazu komme, zu einem Ausfall gegen die Deutschen benutzt zu werden, der an Gehässigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Wer Solches' fertig bringen konnte, über den wird man sich auch wohl nicht wundern, wenn das, was er sagt, nicht immer den Gesetzen der Logik entspricht. — Da kommen wir gleich an solch einen merkwürdigen Gedankenblitz: Der Vers, erzählt uns von dem Zusammentreffen des Tempelherrn mit dem Klosterbruder, der jenen im Aufträge des Patriachen bewegen soll, dem christlichen Heere die Pläne der Stadt auszuliefern, da er ja am besten die Gelegenheit hätte, diesen Spionsdienst zu leisten, als es ihm ja gestattet sei, ungehindert überall sich frei zu bewegen. Der Tempelherr weist dieses Anerbieten mit Entrüstung zurück. Diese stolze Sprache, so meint nun der Vers., hätten die Deutschen nicht geführt, da hätte Mancher, statt mit gezücktem Schwert unter freiem Himmel zu kämpfen, es vorgezogen, im Dunkeln die perfiden Waffen der Spionage zu führen. - Wie kann man denn nur einer kriegführenden Macht einen Vorwurf daraus machen, daß sie einen Spionirdienst halte, als ob die Franzosen sich niemals der Spione bedient hätten und dies mit dem Ansinnen, das dem Tempelherrn gemacht worden, seinen Wohlthäter zu verrathen, ja geradezu zu meucheln, in Parallele zu stellen. Zu dem Merkwürdigsten aber, was noch über Lessing gesagt und geschrieben worden ist, gehört die Vergleichung zwischen „Nathan" und der Scribe- Halevy'schen „Jüdin." Der Verf. will nicht die Vergleichung aut den Styl dieser beiden Stücke ausdehnen, als sich ja ein Operntext überhaupt nicht mit einem Drama vergleichen lasse, auch gibt der Verf. zu, daß Lessing im Zeichnen der Charaktere dem Scribe „über" sei, aber die Situationen seien in der „Jüdin" dramatischer als im „Nathan." Das Stück ser.be's würde, wäre es selbst des Zaubers, den ihm die entzückende Musik Halcvy's verleiht, entkleidet, auf uns einen noch größer» Eindruck als das Stück Lessings üben." Das Urtheil verdient etwas tiefer gehängt zu werden, als ein Zeugniß nationaler Eitelkeit und Kurzsichtigkeit. Es wäre ja auch für einen Franzosen ein schrecklicher Gedanke, einem deutschen Meisterwerke nicht ein französisches entgegenstellen zu können. — Eine interessante völkerpsychologische Seite hat diese Schrift, die die schnöde Beschuldigung der Vaterlandslosigkeit, welche von antisemitischer Seite den Juden in's Gesicht geschlendert wird, widerlegt. Hätte ein Urgallier wohl mit mehr Natkonaleitelkeit und mit mehr Deutschenhaß eine Schrift verfassen können, als es hier der französische Jude gethau hat? Der Jude ist eben ein treuer Anhänger seines vaterländischen Bodens, er ist ein eifriger und feuriger Patriot und theilt mit seinen Landsleuten die schönen Eigenschaften dieser Tugend und auch ihre Mängel. Und um dieses Beweises willen, der fick aus vorliegendem Schriftchen ergibt, ist es schon werth zu existiren. Die Juden in der Weltgeschichte von Dr. Paulus Cassel. Berlin 1880 (Gerschel). 30 S. 8°. Das Kritikeramt ist nicht immer ein leichtes. Da wird uns hier ein Büchlein auf unfern Schreibtisch gelegt, von dem wir uns nicht trennen können, bis wir es zu Ende gelesen, so werden wir hingerissen von der edlen Sprache, von einer Reihe herrlichster Gedaukenperlen; es waltet hier ein hoher Geiß, der uns ganz gefangen n'mmt. Und doch mischt sich in dieses Hochgefühl ein bitterer Tropfen, wenn wir die Präge uns betrachten, unter welcher