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Der Israelit · 1882-01-04 · Heft 1 (4.1.1882) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 1 (4.1.1882)
Date
1882-01-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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I ,,„So bist Du Joseph,"" rief sie, .den der Vater mit heißer Sehnsucht erwartet?"" „Kennst Du mich nicht mehr?" antwortete der Gefragte. „Freilich, Du warst noch zu jung, als daß Du Dich meiner erinnern könntest." „„£), ich erinnere mich Deiner sehr wohl, der schönen Blumen, die Du mir brachtest, des hübschen Spielzeuges, das Du mir schnitztest!"" „Ich aber, ich hätte Dich nicht wieder erkannt. Du bist aus einem kleinen Kinde zu einer holden Jungfrau erblüht während der vielen Jahre meiner Abwesenheit im fernen Lande." Die Jungfrau erröthete. „„Komm,"" sprach sie, „„ich führe Dich zum Vater, der Deiner voll Sehnsucht harret. Seitdem Dein Brief aus Byzanz angelangt ist, der Deine baldige Hierherkunft meldete, hat er keine Ruhe mehr und verzehrt sich in Sehnsucht nach Dir."" Sie gingen zusammen die Treppe hinauf. In einem hohen, gewölbten Zimmer saß ein alter Mann, über Manuscripte gebeugt, in oenen er eifrig ftudirte. „Mein Oheim!" rief Joseph. Da sprang der alte Mann auf, breitete seine Arme aus, in die sich der Jüngling stürzte. „Gelobt sei Gott", sprach Isaak, „der Dich lücklich und gesund zu uns zurückgeführt hat! Wie at mein Herz Deine Rückkehr herbeigesehnt! Und nun vor allen Dingen, erquicke Dich an Speise und Trank." Mirjam hatte unterdeß eine Decke von weißer Leinwand über den Tisch gebreitet. Nun eilte sie hinaus, um Alles herbeizuholen, was die Küche Gutes bot. „Welch ein herrliches Mädchen ist Mirjam geworden!" sagte Joseph. „Sie trat mir an der Pforte Deines Hauses entgegen in der Fülle der Anmuth und Schönheit, und mir ward es zu Muthe wie einst unserm Vater Jakob, da er die Rahel am Brunnen erblickte!" „„Ja"", sagte Isaak, „„man sagt, sie sei das schönste Mädchen in ganz Neapel. Das Volk nennt sie Parthenope, nach der schönen Griechenjungfrau, welche diese Stadt gegründet haben soll. Allein, Lüge ist die Anmuth und eitel die Schönheit, ein gottesfürchtiges Weib, das mag sich rühmen. Mirjam ist nicht allein schön und aumuthsvoll. sie ist gottesfürchtig, fromm und tugendhaft. Wo sie erscheint, erregt sie das größte Aufsehen. All die vornehmen ' jungen Leute von ganz Neapel, Gothen oder Griechen,! bemühen sich ihr Antlitz zu schauen oder mit ihr zu j reden. Sie aber ist sittsam und bescheiden und weiß! mit richtigem Takte sich allen Zudringlichkeiten zu entziehen. Um ihrentwillen habe ich Deine Ankunft so sehr herbMesehnt. Ich bin ein alter Mann, und mein einziges, spätgeborenes, mutterloses Kind bedarf des Schutzes, den ihr ein Gatte besser gewähren kann als ein Vater. Wenn Ihr Gefallen aneinander findet, so sollst Du, das ist mein heißester Wunsch, meines einzigen Kindes Gatte und Beschützer werden."" „Du machst mich glücklich, mein Oheim, durch die Aussicht, die Du mir eröffnest. Im fernen Lande hat mancher hochangesehener Mann mich zu seinem Schwiegersöhne küren wollen; allein ich habe alle Anträge zurückgewiesen; denn das Bild meiner kleinen Spielgefährtin Mirjam stand unauslöschlich vor meinem geistigen Auge." „„Auch sie hat Dir ein freundliches Andenken bewahrt, und es war immer ein Festtag für sie, wenn ein Brief aus weiter Ferne Dein Wohlbefinden meldete. Als in den letzten zwei Jahren Deine Briefe ausbkieben, war Mirjam eben so bekümmert wie ich. Desto größer war unser Jubel, als Dein jüngstes Schreiben von Byzanz uns meldete, daß Du gesund seiest und bald zu uns zurückkehren würdest."" Mirjam trat wieder iu's Zimmer, gefolgt von zwei Sclavinnen, welche die Speise auftrugen; die Tochter des Hauses trug ein Waschbecken, eine Gießkanne und ein Handtuch, und forderte den lieben Gast auf, die Hände zu waschen. Dieser folgte gern der freundlichen Einladung, setzte sich dann an den Tisch und brach von dem weißen Brode. „O, wie süß", sagte er, „schmeckt das Brod der Heimath, nachdem ich so lange das bittere Brod der Fremde habe essen müssen! Doppelt süß, wenn es von so lieben Händen gereicht wird! Ihr wißt, ich habe nicht Vater, noch Mutter, nicht Bruder noch Schwestern mehr; Du, mein Oheim und Du meine Mirjam, Ihr seid meine einzige Verwandten auf Erden, und Euer Haus ist meine Heimath!" „„Wir werden uns bestreben"", sagte Mirjam, „„dafür zu sorgen, daß Du Dich stets wohl fühlst in dieser Deiner Heimath/ " „Ja", nahm Isaak das Wort, „mein Haus ist Dir ein Vaterhaus geworden, seit jenem Tage, da in Rom Deine Eltern und Geschwister von dem aufständischen Pöbel ermordet wurden. Ich hoffe, daß es Dir immer ein Vaterhaus bleiben werde!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition de? „Israelit" große Bleiche 45 I. Gotik leb en'§ Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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