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Der Israelit · 1882-01-04 · Heft 1 (4.1.1882) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 1 (4.1.1882)
Date
1882-01-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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7 dahin, von deren Segeln und Masten noch der Thau der Nacht tropft. Ringsum munteres Geplätsche, Geschrei und rauher Zuruf der Seeleute. Von der Stadt herüber schallt ein dumpfes Donnern, der Völkerwoge wildes Hasten und Drängen. Hier blühen immer die Rosen; neben der welkenden erschließt sich alsbald die junge Knospe; und immer reifen die herrlichen Früchte; dann fällt die eine in schwellender Reife zu Boden, gleich färbt sich die Nachbarin und neben dieser steht wieder die hoffnungverheißende Knospe. Das sind die Orangen uud Limonen, welche mit ihrer Farbenfülle die Augen des Fremden entzücken. Und das Meer! Wie ein prächtiger Silbergürtel legt es sich um den blühenden Leib der zauberischen Stadt, ihre Reize zusammenfassend wie zu einem Blumensträuße. Wohin das Auge wenden? Welch ein wundervolles, farbenreiches Bild! Dort die rebenbedeckten Hügel, hier mit leuchtenden Früchten bedeckte, vom lieblichsten Dufte umflossene Orangen- und Citronenbäume, da wieder der stolze, dunkellaubige Lorbeerbaum! Auf den Mauern, auf den weißen Terrassen der Häuser blühen die Rosen zu allen Jahreszeittn, über die Gartenmauern ragt die glanzblätterige Magnolie, in deren Mitte sich bunte Schmetterlinge niedergelassen haben, und des Oleanders rothe Blüthen flackern und leuchten zu Tausenden wie rothe Flammen. Wer nennt sie alle, die wunderbaren, herrlichen Pflanzen, welche die glühende Sonne auf diesem gesegneten Boden hervorsprießen läßt: den silbergrauen Cactus, die indische Feige, die hochragende Agave, die schirmförmige Pinie, den lieblichen Oelbaum, die blühende Myrthe und die von Bienen umsummte Erica! Wer durch das große Reich dieser Pflanzen wandelt, fühlt sich ohne Unterlaß umweht von Wolken gewürzigen Duftes, der von Blättern und Blüthen aufsteigt. Und nie schwindet dies Reich, mag es auch noch so oft in seinen Erscheinungen wechseln. Für kurze Zeit vielleicht stockt sein Leben, nicht im Winter, sondern unter der Gluth der Sommermitte. Aber es stockt nur; denn kaum sendet die erste Herbstwolke den ersehnten Regenschauer, so beginnt aufs Neue das frische Keimen und Leben, und wenn in Deutschland der frühe Schnee gefallen, so schießt hier das junge Grün aus dem erfrischten Boden. Und dieses Meer! des herrlichsten Himmels freundlicher Spiegel, strahlt es fast immer von dessen Schönheit wieder. Heute im tiefsten Blau, morgen smaragdgrün, dann wie glänzendes Silber, wie Purpur zur Zeit der sommerlichen Sonnenuntergänge; schwarz, wenn die Gewitter über die Berge steigen — aber immer prächtig, immer groß und erhaben, und geisterhebend, oder einschmeichelnd und stillbeglückend. In schönem, weitgeschweiften Bogen ergießt es sich in das Land und bildet den Golf von Neapel. Die Sage erzählt, daß Parthenope, eine griechische Jungfrau, die Stadt gegründet habe. Griechen waren es in der That, welche sich hier ansiedelten zur Zeit der ersten Anfänge geschichtlicher Aufzeichnung. Palaiopolis (Altstadt) nannten sie die Stadt, die sie vorfanden, die von ihnen neugebaute Neapolis (Neustadt). So heißt denn auch bei den Men ganz Unteritalien Magna Graecia (Großgriechenland), und im Talmud wird es Jtalia schel Jawan (griechisch Italien) genannt. Nicht mit dem Schwerte in der Hand waren die Griechen an diesen Strand getreten, sondern mit der sanften Leuchte hellenischer Bildung, und diese Leuchte erhellte Jahrhunderte lang die wachsende Stadt am Golfe. Später wurde sie den mächtigen Römern unterthan; sie sandte den Tribut nach Rom, behielt aber ihre alten Gesetze, Sitten und Sprache. In der Zeit, in welche unsre Geschichte uns führt, war das alte Rom längst untergegangen. Im Jahre 476 der gewöhnlichen Zeitrechnung hatte Odoaker, der König der Westgothen, dem weströmischen Reiche ein Ende gemacht; nach zehnjähriger Herrschaft in Rom war auch er seinem Geschicke erlegen. Theoderich, der König der Westgothen, bereitete seiner Herrschaft und seinem Leben ein jähes Ende. Vierzig Jahre lang hatte Theoderich milde und glanzvoll regiert, ein treuer Schirmherr allen seinen Unterthanen, mochten sie Gothen, Romanen, Griechen oder Hebräer heißen. Als Theoderich starb, hinterließ er keinen Sohn; der Sohn seiner verwittweten Tochter, Athalarich, wurde sein Erbe; aber er sank früh in's Grab. Nun bestieg Amalasunta den Thron ihres Vaters. Ihre Vorliebe jedoch für römische Sitten und Bildung mißfiel den Gothen, und sie mußte sich entschließen, ihrem Vetter Theodahad, zur Beruhigung des Volkes, Antheil an der Herrschaft zu gewähren. Das geschah im Jahre 534. In demselben Jahre war es, daß ein Fremder auf einem griechischen Schiffe im Golf von Neapel landete. Wiewohl in fremdländischer Tracht, schien er doch heimisch zu sein auf dem Boden, den er betrat. Er winkte einen der am Ufer stehenden griechischen Arbeiter herbei und befahl ihm, das auf dem Schiffe zurückgebliebene Gepäck zu holen und in das Haus des Befehlshabers der Festungswerke, des Hebräers Isaak, zu tragen. Dann wanderte er der Stadt zu und schritt durch das offene Stadtthor. Er brauchte nicht weit zu gehen; denn in die Stadtmauer hineingebaut war das Haus Isaaks. An der Pforte desselben trat ihm eine schöne Jungfrau entgegen. Wie gebannt blieb der junge Mann stehen; auch die Jungfrau beobachtete ihn aufmerksam. „Bist Du vielleicht," fragte der Jüngling zweifelud, „Mirjam, meines Oheims einzige Tochter?" Freudig lief das junge Mädchen auf ihn zu.

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