Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1882)
- Date
- 1882-01-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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6 geringen Zahl der unruhigen Elemente in Warschau. Sie zählten sich und sahen ihre Machtlosigkeit. Schon das Eingreifen geringer Militärabtheilungen dämpfte die Entfesselung, die ihren Muth in der Straflosigkeit gefaßt hatte. Heute, wo in den Kasernen und in den verschiedenen Stadttheilen hinreichend Militär vorhanden ist, können wir sicher sein, daß uns die Wiederholung so schändlicher Gewaltthaten erspart bleiben wird. Doch die Gesellschaft wird nicht durch bewaffnete Macht zusammengehalten, sondern durch Verstand, Tugend, Gewissen, durch den Geist, der den Körper belebt. Wir wenden uns an das Gewissen der rechtschaffenen Arbeiterbevölkerung Warschaus, damit sie durch Worte zur Beruhigung der Kurzsichtigen und Verblendeten beitrage." Warschau, 29. Dez. Mit dem Schluffe der Feiertage haben die Ruhestörungen aufgehört. Die Ruhe ist wieder hergestellt; die Vorsichtsmaßregeln sind aber beibehalten. In einigen Straßen ist Militär postirt. Etwa 1709 Personen sind verhaftet, meist junge Leute. Amerika. Chicago, 5. Dez. Gestern war eine große Anzahl hiesiger Israeliten versammelt, um darüber zu berathen, was ihrerseits zu Gunsten der russischen Einwanderer geschehen kann. Die Versammlung hatte insofern einen großartigen Erfolg, als für die russischen Glaubensgenossen über 200,000 Doll, gezeichnet wurden. (Jew. News.) Baltimore. Das 26. Jahres - Bankett der „Jsr. Wohlthätigkeitsgesellschaft" versammelte eine ebenso zahlreiche wie auserlesene Gesellschaft. Nach dem Jahresbericht hatte dieselbe eine Einnahme von 9055 Doll, und eine Ausgabe von 8878 Doll. An Gaben gingen bei dem Festessen fast 6000 Doll. ein. Der Verein zählt gegenwärtig 150 Mitglieder. Von den auf dem Bankett gehaltenen Reden wurde die des Herrn Rabbiner vr. Schneeberger mit besonderen großen Enthusiasmus ausgenommen. Mehrmals war der Applaus so anhaltend, daß Dr. Schneeberger lange Pausen in seinem brillanten Vortrage machen mußte. Der reiche Ertrag der Collekte ermöglicht es der wohlthätigen Gesellschaft, sich in ihrem neuen I Jahre abermals energisch dem edlen Werke widmen ' zu können. Afrika. Aus der Rede, mit welcher der Khedive die Rotabeln-Kammer eröffnete, heben wir folgende Stelle hervor: „Alle meine Anstrengungen und diejenigen meiner Regierung sind, wie Sie, meine Herren der Abgeordnetenkammer, wissen, darauf gerichtet, die Wohlfahrt unserer Bevölkerung, sowie Ordnung in der Regelung ihrer Interessen zu sichern, indem die Rechtspflege allgemein gemacht und für die Sicherheit sämmtlicher Bewohner des Landes, ohne Unterschied Sorge getragen wird. Das ist das Ziel, welches ich mir gesteckt. Ein Freund der Reformen und des Fortschritts habe ich, von dem Augenblick ab, wo ich die Zügel der Regierung zuerst ergriff, niemals ausgehört, diesen Pfad offen einzuschlagen. Feuilleton. Mrthenope.*) i. Es gibt auf der weiten Erde wohl nur wenige Länder und Städte, welche nicht mit der Geschichte der Juden und des Judenthums enger verknüpft sind. Heute führe ich Dich, lieber Leser, in eine der schönsten Gegenden unsres Erdtheils, um die Leiden und Freuden der Kinder 7es jüdischen Stammes zu schildern, die in diesem schönen Lande vor fast vierzehn Jahrhunderten bedeutend zahlreicher als jetzt lebten. Umrauscht vom wonnigen Seewinde, der sich mit deni Dufte der Blumen und Sträucher mischt, umflattert von des Frühlings Sonnenbrut, wandeln wir träumend unter schlanken Palmen dahin. Wie Sirenenlieder klingt das Rauschen des nahen Meeres, und das Auge sieht staunend griechische Tempel und weiße Marmorbilder griechischer Götter und Halbgötter durch das Grün niewelkender Bäume schimmern. Es ist Neapel, dem wir uns bei Tagesanbruch nähern. Da ruht sie, die üppige Stadt an blumendurchhauchten Strande. Die Wellen des Meeres netzen ihr gleichsam die Füße, während Posilippo's rebengegürtete Hügel ihr Haupt umkränzen, bis zum Vesuv, dem feuergekrönten Berge. Der Tag bricht an. Neapel erwacht, und Jubel und lauter Stimmen frohes Getön hallt herüber von dem menschenwimmelnden Strande, auf dem jetzt des Tages mächtige Sonne lebenspendend in Fülle ruht. Fischer und , Schiffer lösen die Kähne und Barken vom Strande > und ringen mit kräftigen Ruderschlägen der höheri schwellenden Fluth entgegen. Im bunten Gewimmel gleiten die flinken Kähne zwischen den dunklen Schiffen *) Nachdruck verboten; Ueberseyungsrecht Vorbehalten.