Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1882)
- Date
- 1882-01-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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sichts der rauhen Jahreszeit einstweilen hier Unterkunft. Die Pariser Alliance JsraEte hat Vorsorge getroffen, daß zum Behufe der Wege, Erziehung und des Unterrichtes dieser Knaben-Colonie in Jaffa die entsprechenden Kräfte dem Zuge sich anschließen. Dr. Schaffer, ein vielbeschäftigter Arzt in Paris, hat seine Praxis aufgegeben, um sich in vollständig selbstloser Weise diesem Werke der Humanität zu widmen. Die fünf verlassenen Mädchen, von denen eines erst ein Jahr alt ist, wurden hier in anständigen Familien untergebracht, und übernahmen es die Schutzdamen des hiesigen isr. Waisenvereins, die Pflege und Erziehung derselben zu überwachen. Wien. Der galizische Statthalter Graf Potozki hat am 23. December dem Landesausschuß niitgetheilt, daß die Beschwerden über vorkommende Mißbräuche bei der isr. Matrikenführung vollständig unbegründet und deshalb diesbezügliche Aenderungen nicht nothwendig seien. Der Statthalter hat in dieser Beziehung die Berichte der Bezirkshauptmannschaften geprüft, welches obiges Resultat ergeben haben. Budapest, 8. Dec. Der hiesige Advocat, Herr Gsza Polonyi (Ehrist) hat ein todeswürdiges Verbrechen begangen. In offener Reichstagssitzung hat er es gewagt, gegen Herrn Jstöczp zu sprechen. Das verdient strenge Ahndung. Herr Polonyi erhielt durch die Stadtpost eitieu Brief, in welchem ihm in aller Form niitgetheilt wird, daß er von dem antisemitischen Eomitö zum Tode verurtheilt sei und mittelst Pulver und Blei getödtet werden solle. Furchtbar! Leider ist in unserer Zeit kein rechter Sinn für die mittelalterliche Behme und für Schauerromantik mehr vorhanden. Herr Güza Polonyi hat lachend den Brief als Curiosum in seine Tasche gesteckt und zeigt ihn Freunden heiterer Scherze. Es ist anzunehmen, daß einige Spaßvögel, um Herrn Jstüczy und seine Garde lächerlich zu machen, den Brief verfaßten und absendeten. Und wem: nicht, wenn wirklich die Herren Antisemiten die Verfasser und Absender dieses Todesurtheils sind, so haben sie sich selbst blamirt. Sie versuchen die Nihilisten nachzuahmen. Nun, die Herren Antisemiten haben keine Organisation. Niemand würde sie hindern sich zu nennen, ihr Führer sitzt im Reichstag und spricht offen für seine Grundsätze und seine Partei, kein Strafrichter bedroht sie. Warum nennen die Herren sich nicht? Weil sie sich schämen müssen, Antisemiten zu sein, weil sie selbst fühlen, daß es eine Schande für jeden rechtlich denkenden Menschen ist, einer derartigen Partei anzugehören, welche den Racenhaß predigt. Ein kleiner Rest von Schamgefühl ist den Antisemiten noch geblieben, sie schleichen daher im Dunklen. Herr G6za Polonoy wird den Empfang dieses antisemitischen Todesurtheils zu den heiteren Momenten seines Lebens rechnen und er wird, wie wir ihm wünschen, trotz desselben ein langes und frohes Alter erreichen. (Pester Journal.) Pefth. Am 18. d. M. fand die Einweihung des neuen Waisenhauses der Pesther jüdischen Religions-Gemeinde statt. Das Waisenhaus ist ein wahres Prachtgebäude, in dessen oberem Stockwerke auch ein schön eingerichteter Betsaal sich befindet. Bei der Einweihung war der Oberbürgermeister nebst zahlreichen Mitgliedern der Hauptstädtischen Magistratur zugegen. Alle Anwesenden sprachen sich mit Begeisterung über den Wohlthätkgkeitssinn der Pesther isr. Religions-Gemeinde aus. Herr Oberbürgermeister Roth hielt eine Ansprache, die mit den Worten schloß: „Möge Glück und Segen auf diesem Hause echt jüdischer Wohlthätigkeit ruhen! Möge der Allmächtige alle Jene segnen, die für den Bestand dieses Waisenhauses mit Hingebung und Aufopferung Sorge tragen!" — Die Wittwe des verstorbenen Großhändlers Gerson Spitzer spendete bei dieser Gelegenheit den Betrag von 600 fl. Diese Summe soll unter drei Zöglinge des Waisenhauses, die irgend eine Prosession erlernen, bei erfolgter Freisprechung vertheilt werden, damit sie sich leichter selbstständig machen können. — Am 19. v. M., Vormittags, wurden in der Knabenschule der Pesther isr. Religions-Gemeinde 236 arme Schulkinder neu bekleidet. — An demselben Tage veranstaltete der Franen- Verein der Ofener isr. Rcligions-Gemeinde^ein Fest", bei welcher Veranlassung 10 arme tzschulknaben und 28 Schulmädchen mit neueil Winterkleidern beschenkt wurden. (Pesth. jüd. Zeit.) Frankreich. Paris, 22. Dec. Der in Deutschland geborene Antisemitismus hat auch hier einen Ableger erzeugt. Seit einiger Zeit erscheint hier eine Zeitung unter dem Namen der „Anii-Juif." In der ersten Nummer wird den französischul Juden der Vorwurf gemacht, daß sie eine Abneignng gegen den Dienst in der Armee und gegen den Ackerbau hätten. Wenn man bedenkt, daß es in der französischen Armee vier jüdische Generäle, zwölf jüdische Obersten und eine große Menge anderer jüdischer Ofsiciere gibt, so wird man zugefteheu müssen, daß die französischen Juden sich mit Vorliebe der militärischen Carriere widmen. Bei der jüngsten landwirthschaftlichen Ausstellung zu Tours erhielt der Oberst Salvator die goldene Medaille für die von ihm ausgestellten landwirthschastlichen Producte; Beweis genug, daß dieser Glau-