Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1881)
- Date
- 1881-12-21
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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1261 9. Dezember weinend vor der Brandstätte standen; j allen denen, welchen die Nacht des 8. Dezember den! Vater entrissen, dem sie eine gute Nacht zurufen! wollten, die Mutter getödtet, die sie des Morgens - küssen wollten — allen sei unsere Liebe, unser Mit- ' leid geweiht!" Nach einer eindriglichen Mahnung,! sich der verwaisten Kinder anzunehmen, schloß der > Redner. Die Feier endigte mit dem Gebete für: das Seelenheil und einem Choralgesange. In der i Leopoldstadt hatten sich zum Trauergottosdienfte auch i mehrere Ausschüsse des zweiten Bezirks und viele; Nicht-Israeliten eingefunden. Dr. Güdemann er-! innerte an ^>as morgen beginnende jüdische Weih- I nachtsfest, wo Lichter angezündet werden, die an den > verheerellden Brand des 8. Dezember erinnern i mögen. Er fordert zum Schlüsse zu Wohlthätigkeits- > acten auf. Wien, 14. Dezember. In meinem früheren Bericht habe ich eines Ehepaares „Zucker" erwähnt, welches am 8. Dezember der schrecklichen Katastrophe erlag. Der Lebenslauf des verstorbenen Zucker ist ein so merkwürdiger und wechselvoller, daß es der Blühe Werth ist, eine kleine Skizze davon zu entwerfen. Zucker war ein Ungar von Geburt und betheiligte sich in hervorragender Weise an der ungarischen , Revolution. Nachdem diese niedergeworfen war, : vergruben die ungarischen Flüchtlinge die ungarischen ' Kroninsignien in der Nähe von Orsowa, aber ans; österreichischem Boden. Zucker erhielt den Auftrag,; dieselben auszugraben und nach der Türkei zu ver- : bringen. Der Plan wurde verrathen, und ein öfter-! reichisches Dampfbot verfolgte die Insurgenten, welche ans eitlem Schiffe die Donau hinabfuhren.! Zucker, die Verfolgung bemerkend, sprang aus dem , Schiffe und erreichte schwimmend das Ufer. Von; beit auf ihn abgefenerten Schüssen verwundete ihn : einer am Arme, und die Blutspur verrietst den unterdeß gelandeten Gensdarmen den Weg, welchen der - Flüchtling genommen hatte. Zucker wurde in dem! Keller eines Bauernhauses verhaftet, nach Wien ge-! bracht und zu einer zehnjährigen Kerkerstrafe ver-; urtheilt. Nach 3'/s Jahren wurde er begnadigt, be- ' gab sich nach Krakau, kehrte aber bald nach Wien! zurück, wo er ein Geschäft begründete. Hierauf j wurde Zucker sehr reich und wendete dem Glauben seiner Väter den Rücken, indem er sich konfessionsj los erklärte. Im Jahre 1873 verlor er in Folge z des Wiener Krachs sein ganzes Vermögen und j konnte von da an nur unter großer Anstrengung j seine zahlreiche Familie ernähren. Am 8. Dezember > fand er mit seiner Gattin ein schreckliches Ende. Von den zurückgebliebenen acht Waisen ist der älteste Sohn 15 und das jüngste Kind 6 Jahre alt. Wie wir vernehmen, sind die Kinder in einer israelitischen Erziehungsanstalt untergebracht. Prag. Der israelitische Freitisch-Verein zur Unterstützung mittelloser israel. Studirender in Prag hielt am Sonntag den 11. ds. seine ordentliche Generalversammlung. Dem vom Herrn Director, Rabbiner M. Adler vorgetragenen Rechenschaftsberichte, welcher sehr erfreuliche Resultate aufweist, entnehmen wir, daß durch die überaus rege Thätigkeit des Comiw zur Förderung der Leistungsfähigkeit des Vereins es im abgelaufenen Schuljahre möglich war 170 Studirende mit 27034 Kostportionen zu betheilen und betrugen die Ausgaben hiefür fl. 3.657, 43 kr. Der Verein zählt dermalen 1171 Mitglieder, (worunter leider nur 36 Eultusgemeinden) Da es sich im Laufe der Zeit herausstellte, daß cs nothwendig sei die Wohlthat der Ausspeisung auch aus andere Schulen auszudehnen, fand sich der Vorstand veranlaßt, die Abänderung des § 2 der Statuten dahin zu beantragen, daß fortan auch Schüler des Eonservatoriums für Musik, ferner Schüler der Gewerbe- und Zeichnenschulen, sowie Rabbinatscandidaten die Ausspeisung erhalten sollen. Nach langer lebhafter Debatte wurde dieser § nach der neuen Fassung einstimmig angenommen. Dem Vertheilungs-Eomite wurde dafür, daß es im abgelaufenen Schuljahre provisorisch auch den Rabbinats-Eandibaten Freitische bewilligte, das Absolntirium ertheilt. R u ß l a n d. Sl. Petersburg. Als Jgnatieff das Ministerium des Juneru des russischen Reiches übernahm, war es eine sftner ersten Amtshandlungen, die „Regelung der Jtldenfrage" anzustreben. Er berief zu diesem Behufe Gouvernements-Kommissionen ein, die vermöge ihrer Zusammensetzung schon die Gewähr boten, daß ihr Gutachten, welches schon vor Beginn der Berathungen beschworen und besiegelt war, sich gegen die Juden wenden werde, Uebrigens waren die Fragen, deren Beantwortung Jgnatieff von den Kommiffionen forderte, derart formulirt, daß ihre Beantwortung nicht anders als vernichtend für die in Rußland ansässigen Juden ausfallen konnte. Die Saat, welche Jgnatieff ausgeftreut hat, ist ausgegangen. Die weiften Gutachten der Komissionen sind bereits fertig, und fast alle stellen den Antrag, den Juden zum schütz- und rechtslosen Paria zu machen. Wir zitiren Einiges aus den Maßregeln, welche von der Wolhynischen Gouvernements-Kommission vorgeschlagen worden sind. Die Kommission beantragt unter Anderem: Alle Juden sind als Städtebewohner anzuschreiben.