Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1881)
- Date
- 1881-12-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1270 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Nürnberg, den 13. December. Hebet* einen Vorfall, der sich am Montag in München ereignete, bringt das Organ der Münchener „Konservativen", der „Bahr. Landbote", einen für die konservative Denknngsweise dieses Blattes höchst charakteristischen Bericht. Der 'Artikel lautet: „(Verhängnißv oller Streit um eine Zeitung.) Gestern Nachmittag erhielt im Börsen-Kaffee der als Gast anwesende jüdische Kaufmann Obermeier von einem Laudwehrlientenant in Civil drei schwere Dolchstiche, wovon einer tödtlich sein soll in den Unterleib. Beide waren wegen einer Zeitnng, die jeder zuerst lesen wollte, in Streit geratheu. Der Thäter wurde sofort verhaftet, der schwerverwundete Jude wurde in das Krankenhaus verbracht. Von Augenzeugen wird uns der Vorfall geschildert wie folgt: Es waren um 1 ein halb Uhr wenige Gäste im Börsen-Kaffee, da um diese Zeit die Börse Mittagspause macht. Ein Gast trat an einen Juden heran, der einige Zeitungen auf seinen Stuhl gelegt und nach Art der Zeitungskrokodille sich daraus gesetzt hatte, und ersuchte ihn, ihm eine Wiener Zeitung ab zu lassen. Der Jude nahm darauf eine sehr hochmüthige Geberde an, anwortete in wegwerfender Manier, und schlug dem Herren mit einem Zeitungshalter aus die Nase.*) (?) Darauf sah eine Dame, die am benachbarten Tisch saß, etwas blitzen. Gleich darauf schrie der Jude und sprang vom Stuhle auf. Der Attentäter faßte ihn jedoch und bemühte sich, zu verhüten, das der Jude vom Stuhl herabfalle. Es floß Blut, der Attentäter wurde jetzt selbst halb ohnmächtig und mußte auf einen Stuhl gesetzt werden. Sodann holte mau einen Gendarmen und einen Arzt herbei. Der Gendarm forderte den Attentäter aut, mit ihm zu gehen, worauf dieser mit den Worten: „Ich gehe gerne mit", bereitwillig folgte. Der Thäter ist der Jägerlieutenant a. D., Max Fleischmann, am Unteranger. Derselbe hat sich im Feldzuge 1870/71 durch Tapferkeit ausgezeichnet, die goldene Tapferkeitsmedaille, das eiserne Kreuz und das württembergifche Verdienstkreuz erworben. Sodann focht er im letzten russisch-türkischen Kriege in serbischen Diensten und erwarb sich auch hier eine Verdienstmedaille. Herr Fleischmann ist ein tapferer Mann, der nicht ein böses Wort zu sprechen vermag. Allerdings ist er hitzig und fährt auf, ohne jedoch bisher je gegen irgend Jemand ein beleidigendes Wort gesprochen zu haben. Es muß ihn gestern bei dem Anblicke *) Nachdem der Herr dem Juden eine Ohrfeige gegeben. des impertinent abweisenden Juden ein plötzlicher Jähzorn überfallen haben; anders ist es seinen näheren Bekannten nicht erklärlich, wie er, der sonst so gute Mensch plötzlich zum Dolche greifen konnte. Er ist zu weit gegangen, das ist keine Frage; uns wäre ein Jude nicht einmal eitle Ohrfeige werth. Wir stehen aber auch nicht an, zu erklären, daß der Thäter in diesem Falle weit mehr unsere Sympathien genießt, als der gestochene Jude; denn wäre dieser nicht jüdisch impertinent gewesen, so hätte sich Lieutenant Fleischmann auch nicht soweit vergessen, zur nächsten Waffe, dem Messer, zu greifen. In Berlin ist bekanntlich die Judenfrage durch die Ohrfeige des Schnapsjuden Kantorowicz brennend geworden; wer weiß, ob nicht ein süffisanter Kaffeejude in München denselben Brand entfacht. Die unschuldig Verfolgten sind natürlich immer die braven Juden; der gereizte und provozirte Christ ist gewöhnlich der ..Attentäter". Caveant Consules! Der „Nürnberger Anzeiger" bemerkt zu diesem sauberen Elaborat: Mit dem „tapfern" und „sonst so guten" „Lieutenant" Fleischmann wird die Staatsanwaltschaft das Erforderliche reden und demselben wohl beibringen, daß ein „tapferer" Mann sich, wenn er sich beleidigt glaubt, auf andere Weise Genugthunng zu verschaffen hat, als durch meuchlerisches Messerstechen. Aber was soll man dazu sagen, daß ein angeblich „konservativ-christliche" Tendenzen vertretendes Subjekt die Frechheit hat, eine solche That zu entschuldigen, ja wir müssen leider sagen zu rechtfertigen, bloß deßhalb, weil sie gegen einen jüdischen Mitbürger verübt wurde. Angesichts solcher Schamlosigkeiten könnte man fast zu ernstlichem Zweifel kommen, ob man recht handelt, wenn mau für die Freiheit der Presse kämpft. Nach den „M. N. N." soll Obermaier bereits seiner Verwundung erlegen sein." Neueren Nachrichten zufolge ist P. auf dem Wege der Besserung. Berlin. Am 26. October war ein Vuchhandlungslehrliug von einem Polizei-Wachtmeister sistirt und auf der Wache zu Protokoll vernommen worden, weil er in einem Hause Unter den Linden ein Plakat mit der Aufschrift „Kandidat der Juden und Judengenoffen ist der jüdische Gründer Ludwig Löwe" abgerissen hatte. Gegen den betr. jungen Mann ist inzwischen behördlich der Erlaß eines Strafbefehls wegen groben Unfugs beantragt, diesem Antrag jedoch, gerichtlicherseits nicht stattgegeben worden. Der darauf bezügliche, vom 10. December datirende Beschluß des Amtsgerichts I., Abtheilung 93, hat folgenden Wortlaut: „Der Erlaß eines Strafbefehls gegen H. wegen groben Unfugs wird abgelehnt. Die Kosten fallen oer Staatskasse zur