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Der Israelit · 1881-12-21 · Heft 51 (21.12.1881) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 51 (21.12.1881)
Date
1881-12-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1272 „„Wie"', fragte de Ionge erstaunt, „„auch Ihr Herr Vater hat Jahrzeit? Wissen Sie nicht um wen?"" „Um meine selige Großmutter." „„Und wie hieß diese Großmutter?"" Der junge Lehrer sah den reichen Mann erstaunt an. Was kümmert es den, wie seine Großmutter geheißen hatte? „Miriam", sagte er. „„Wirklich, Miriam?"" fragte de Ionge. „„Und wie wird Ihr Herr Vater zur Thora gerufen?"" „Jankauw bar Jizchok." De Ionge erblaßte; plötzlich war es ihm klar, wo er früher die Stimme des alten Hcrzberg vernommen hatte. Mühsam bemeistcrte er seine Aufregung und sagte: „Ich bin gern bereit, die Kaddeschim mit Ihrem Herrn Vater zu theilen; noch mehr, ich fühle mich heute nicht disponirt zum Vorbeten; ich werde das Vorbeten Jhrein Vater überlassen. Und noch eins: Haben Sie einen Kohen in der Gemeinde?" „„Nein."" ,,&o rufen Sie erst Ihren Vater zur Thora und dann einen Andern und dann erst mich?" Herr de Ionge sah nach der Uhr. „Es ist noch Zeit", sagte er, „gehen wir noch ein wenig auf und ab. Ist Ihr Herr Vater ebenfalls Lehrer?" „„Ja wohl; er fungirt feit zehn Jahren in Oberheimbach; früher stand er in Waldeschheim."" „War das seine erste Stelle?" „„Nein, noch früher war er in Niedcrschopfiugen, seinem Geburtsorte, Lehrer; er war daselbst der Nachfolger meines seligen Großvaters."" „War Ihr Herr Vater der einzige Sohn?" „„Nein, er hatte noch einen jüngeren Bruder. Der aber ist in jungen Jahren in die weite Welt gegangen und hat seitdem nichts von sich hören lassen. Wer weiß, ob er noch lebt!"" „Spricht Ihr Herr Vater noch manchmal von diesem Bruder?" „„Sehr häufig; es ist sein innigster Wunsch, zu erfahren, was aus ihm geworden."" Herr de Ionge mußte gewaltsam seine Thränen zurückhalten. So war denn ihm dieses unerwartete Glück zu Theil geworden, den heißgeliebten, todtgeglaubten Bruder wieder zu finden, und der Sohn dieses Bruders war der Erwählte des Herzens seiner Tochter! „Gott, mein Gott", sprach er in seinem Herzen, „wie kann ich Dir genug danken!" Laut aber sagte er: „Junger Freund, ich möchte heute an meinem Jahrzeitstage etwas Gutes thun. Auf's Geld kömmt's mir nicht an. Sagen Sie mir, welches gute Werk an hiesigem Orte zu stiften wohl zu empfehlen wäre?" „„Es kommen"", antwortete Herzberg, „„viele arme Kranke hierher, welche sich oft in der größten Noth befinden. Die kleine Gemeinde kann dieselben nicht genügend unterstützen. Reiche israelitische Kurfremde sind auch nicht immerda oder sind manchmal ganz unzugänglich. Wenn Sie einen Fond begründen wollen, aus dessen Zinsen den armen Kranken Unterstützung zufließen möchte, so würden Sie gewiß ein gutes Werk thun. Doch jetzt ist es Zeit, in die Synagoge zu gehen. Ich bin hier Cantor, Schochet, Lehrer, manchmal auch stellvertretender Rabbiner und Synagogendkcner in einer Person. Ich muß die Synagoge aufschließen und die Lichter vor demOmed und ans dem Almemmor anzünden."" Die Beiden wunderten stumm der Synagoge zu; ein Jeder mit seinem Gedanken beschäftigt. Vor der Synagogenthüre wartete bereits Herr Jakob Herzberg. Gern wäre ihm de Ionge um den Hals gefallen; mühsam bemeisterte er seine Aufregung. Als de Ionge zur Thora gerufen wurde, ließ er Herrn Jakob Herzberg einen Mischeberach machen und stiftete bei dieser Gelegenheit einen Fond von 10,000 Gulden zum Besten von armen kranken Kurfremden. Man kann sich vorstellen, welche freudige Sensation dieses in M. ganz unerhörte Ereigniß bei allen Anwesenden hervorrief. Nach dem Schluffe des Gottesdienstes fragte de Ionge den älteren Herzberg: „Fasten Sie heute?" „„Nein "', antwortete der Gefragte, „„der Arzt hat mir verboten, meine Kur zu unterbrechen."" „Ich bin in demselben Falle", sagte de Ionge, „und deßhalb bitte ich Sie, mir mit Ihrem Sohne die Ehre zu schenken, bei mir zu Mittag zu essen " „„Ich fühle mich durch Ihre freundliche Einladung hochgeehrt; allein, wenn ich auch nicht faste, so will ich doch an meinem Jahrzeittage weder Fleisch essen noch Wein trinken."" „Ich werde Milchspeisen Herrichten lassen; um 1 Uhr erwarte ich Sie." De Ionge eilte nach Hause; seine Tochter trat ihm mit verweinten Augen entgegen; auch sie hatte in der verflossenen Nacht keinen Schlaf gefunden. „Marianne, mein Kind", sagte de Ionge, „Du hast geweint! ich bitte Dich, liebes Kind, beruhige Dich und mache Dir keine unnöthigen Sorgen. Sage lieber der alten Rantje, >aß ich heute Mittag, weil ich Jahrzeit habe, nur Milchspeisen esse; sie soll aber dennoch ein opulentes Mahl Herrichten, soll Alles herbeischaffen, was gut und theuer ist. Auf's

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