Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1881)
- Date
- 1881-12-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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1273 Geld kommt es mir nicht an, zumal da ich Gäste erwarte. Herr Herzberg und sein Vater werden mit uns speisen." Erstaunt blickte Marianne zu ihrem Vater auf. Dieser lächelte verschmitzt. Was hatte das zu bedeuten? Sie fühlte einen ganzen Strom von Glück in ihr Herz einströmen. Als um 1 Uhr, Mittags, die beiden Herzberg, Vater und Sohn, in den Speisesaal des Herrn de Ionge traten, waren sie ganz überrascht von der gediegenen Pracht, die ihnen entgegenstrahlte. So viel Silber hatten sie Beide noch nicht gesehen. Sogar das Waschbecken und die Gießkanne waren von gediegenem Silber. '„Weißt Du, Nathan", sagte Jakob Herzberg, „es wird mir ganz beklommen. An solch einem vornehmen Tische soll ich essen? Und die junge Dame, wird die nicht über den alten Landschullehrer das Naschen rümpfen?" „„Nicht doch, lieber Vater"", antwortete Nathan, „„Fräulein de Ionge ist das liebenswürdigste und bescheidenste Mädchen in der ganzen Welt!"" Herr de Ionge und seine Tochter erschienen und begrüßten ihre Gäste. Man wusch sich die Hände, ging zu Tische und aß. Es kamen Speisen, von deren Vorhandensein in der Welt die beiden Herzberg keine Ahnung gehabt hatten. Nichtsdestoweniger ließen sie es sich gut schmecken. Die Liebenswürdigkeit des Wirthes und seiner Tochter half über jede Verlegenheit hinweg. „Ihr Herr Sohn hat mir erzählt", sagte de Ionge zu dem ältern Herzberg, „daß Sie noch einen jüngern Bruder hatten, der ln die weite Welt gegangen und seitdem verschollen ist. Aus welchem Anlasse hat der Knabe Sie verlassen?" „„Ach"", antwortete Jakob, „„ich war zu strenge gegen ihn. Ich wollte ihn schlagen wegen eines Knabenstreiches; da entlief er mir. Ich habe mir tausendmal Vorwürfe darüber gemacht. Vielleicht ist er verkommen in Noth und Elend, und ich hatte doch meinen seligen Eltern versprochen, für ihn wie ein Vater zu sorgen. Ich habe die Vaterpflicht schlecht erfüllt!"" Jakob zog sein Taschentuch hervor, um sich die Augen zu trocknen. „„Meine gute Mutter"", fuhr er zu reden fort, „„deren Jahrzeiistag heute ist, ergriff sterbend meine Hand und beschwor mich: Verlaß den Abraham nicht! Er ist ein wilder Junge, aber doch ein gutes Kind! Habe Nachsicht mit ihm! — Und ich, ich habe ihn durch meine Strenge in die weite Welt hinausgetrieben!"" Auf's Neue flössen seine Thränen. Da konnte sich Herr de Ionge nicht länger halten. „Jakob", rief er, „Du gutes Herz! Du klagst Dich an, während ich doch allein der Schuldige war!" Jakob, Nathan und Marianne blickten voll Verwunderung auf den Redenden. Dieser aber war aufgesprungen, um den wiedergefundenen Bruder zu umarmen. „Jakob", rief er, „mein geliebter, lang als todt beweinter Bruder! Sieh mich nicht so verwundert an! Ich bin Dein Abraham, für den Du, wie ein Vater gesorgt hast und der Dir zum Lohn dafür das Messer in die Brust stieß. Ich bitte Dich nicht um Verzeihung; denn ich weiß, Dein edles Herz hat mir längst verziehen!" Und er umarmte den Bruder und drückte ihn fest an seine Brust und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Jakob aber rief: „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der da die Todten belebt! Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns hat am Leben und aufrecht erhalten und uns hat gelangen lassen bis zu dieser Zeit!" Und die Zuhörer sagten mit heißerAndacht: Amen! „Mein Bruder", sprach Abraham de Ionge, „Du darfst noch eine dritte Brochoh sprechen. Siehe, diese Beiden da haben sich gern und möchten ein Ehepaar werden; ich gebe meiner Tochter 600,000 Gulden mit unter der Bedingung, daß Dein Sohn und mein Schwiegersohn von seiner Mitgift 100,000 Gulden an seine Eltern abgebe; ich denke, er wird mit 500,000 Gulden genug haben und kann ganz ruhig seine Stelle als Chasan, Schochet und Schammes aufgeben. Nun, mein Bruder, was sagst Du da für eine Brochoh?" Und Jacob sprach laut und feierlich: „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der da gütig ist und Gutes erweist!" Wir brauchen kaum hinzuzufügen, daß Nathan und Marianne aus vollem Herzen „Amen" sagten. Die gute Sara, Jacob Herzberg's Gattin, und ihre beiden Töchter, wurden telegraphisch herbeigerufen. Wie sie staunten ob der wunderbaren Kunde! Es war ihnen nur leid, daß sie nicht mit dem elektrischen Funken nach M. fliegen konnten. Desto größer war die Freude, als die elegante Equipage des Kaiserhofs sie an der Station abholte. An demselben Abende wurde die Verlobung gefeiert. Alle jüdischen Bewohner von M. und alle israelitischen Kurgäste waren dazu eingeladen, und die Israeliten von M. erzählen heute noch mit Entzücken von den köstlichen Speisen, die sie vom Tafelgeschirr aus massivem Silber gegessen. „Und sogar das Waschbecken war von Silber, und die Gießkanne, von echtem, massiven Silber!"