Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1881)
- Date
- 1881-12-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Erste Beilage;u Ar. 51 -es Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Jericht. „Jüdischdeutsche Chrestomathie, zugleich ein Beitrag zur Kunde der hebräischen Literatur, von Di-, Max Grünbauin. Leipzig. F. A. Brockhaus; 1882. Cs ist ein hochinteressantes Werk, welches uns hier zur Beurtheilung vorliegt. Das jüdisch-deutsche Idiom hatte bis jetzt eine wissenschaftliche Beurtheilung noch nicht gefunden, und doch sind in ihm viele Schätze ausbewahrt, die es werth sind, der Vergessenheit entrissen zu werden. Auch liefert dasselbe einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Kunde der älteren deutschen Sprache — namentlich des Mittelhochdeutschen — sowie der deutschen Mundarten, da viele aus der deutschen Schriftsprache verschwundene Ausdrücke sich im Jüdisch-Deutschen erhalten haben. Der Verfasser behandelt zunächst die alten jüdisch-deutschen Uebersetzungen der heiligen Schrift. Die älteste derselben wurde zu Cremona im Jahre 1540 gedruckt; eine zweite stammt ans dem Jahre 1583; eine andere, von Jekutiel Blitz, stammt aus dem Jahre 1676; fast gleichzeitig, 1677, verfaßte Joseph Witzenhausen eine solche. Dieser letzteren ist die Auszeichnung zu Theil geworden, daß sie in der 1711 erschienenen Bibliapentapla neben der katholischen, lutherischen, reformirten und holländischen Uebersetzung als „jüdische Uebersetzung" die vierte Columne bildet. Eine gereimte Uebersetzung der Psalmen ist im Jahre 1586 zu Krakau gedruckt worden; der Verfasser derselben hieß Rabbi Mosche Stendal, der in Hannover gelebt hat. Wir lassen den ersten Psalm hier folgen: 1) Wol dem man der nit in der rat get, un in weg der Sünder nit er stet, in gesess der speter (Spötter) nit er sitzt, neiert auf recht der min gibt er sein sin (Sinn) un witz. 2) Die recht der nun halt er in großer acht, da inen (innen) lernt er tag un nacht, der selbig wert sein as en bäum der vun Wasser nit stet weit, welcher sein ops.gibt in seiner Zeit. 3) Sein Blat wert nit der valben oder werden trücken (trocken). Alles was er tat, wert im Got beglicken, aber die bwi wan sie so nit sint, sie wern sein wie ein spreuer den da vor wet der wint. 4) Sie wern auch nit mn sein auf zu sten am jüngsten gericht, die sündiger mit samlung der sie wern auf sten nicht, got hot lib den Weg den aus der körn (auserkoren), aber, weg der a'j;2n is ewig verloren. Eine ausführliche Besprechung widmet der Verfasser dem Buche „nrjoi ruwa", gewöhnlich „Bernte Renne" genannt. Dasselbe, von Jakob ben Jsack verfaßt, erschien zuerst im Jahre 1648 und hat seitdem unzählige Auflagen erlebt. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die „Zenne Renne" ein hochberühmtes Buch und durfte in keinem jüdischen Hause fehlen. In jeder Woche lasen Frauen, Mädchen und ungelehrte Männer den Wochenabschnitt aus ihr, so daß viele ältere Leute den Inhalt des umfangreichen Buches auswendig herzusagen wußten. Die „Zenne Renne" enthält nicht nur eine Uebersetzung des Pentateuch, der Haftharoth und der fünf Megilloth, sondern auch Stellen aus dem Talmud, den Midraschim und vielen spätern Commentatoren. Der Verfasser des vorliegenden Werkes ist in das Wesen der jüdisch-deutschen Literatur tief eingedrungen. Derselbe schreibt: „Die jüdisch-deutschen Bücher haben das miteinander gemein, daß sie sich innerhalb eines streng abgegrenzten Gebietes bewegen; allen gemeinschaftlich ist aber auch die Demuth, Bescheidenheit, die milde Resignation, das Gemüthliche, die fromme Innigkeit und Innerlichkeit. Diese jüdisch-deutsche Literatur gemahnt an die jüdische Frau früherer Zeiten, auf die der Vers angewendet wurde: „Alle Herrlichkeit der Königstochter ist im Innern" (Psalm 45, 14), daß die Frau nämlich eine wirkliche Hausfrau sein sollte, keine Dame der großen Welt. — Dem Einflüsse dieser jüdisch-deutschen Bücher ist es, zum Theil wenigstens, zuzuschreiben, daß die häuslichen Tugenden, daß Pietät, Familiensinn, fromme Sitten, Mildthätigkeit und Wohlthätigkeit im jüdischen Hause herrschten. Die Lectüre derselben bildete gleichsam eine glänzende Brücke zwischen der schönen Verganenheit und der schönen Zukunft — ein Himmelsogen, der über allen Jammer und über alle Leiden der Gegenwart hoch und verheißend sich wölbte. Durch alle diese Bücher wehet der Geist des Gottvertrauens; das Walten der göttlichen Gnade, die Liebe Gottes zu Israel, die väterliche schützende Vorsehung gibt sich in allen kund." Unter den jüdisch-deutschen Büchern religiös-