Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1881)
- Date
- 1881-12-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447897--18342-2474380- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1268 fall und Ausdauer seiner gesegneten Lehrthätigkeit Mag, stand ihm seine zweite Gattin Rufina, die ehemalige Gemahlin des Tinius Rusus, mit aufopfernder Liebe und hingebender Zärtlichkeit zur Seite und verschönte den Abend seines Lebens. Rabbi Akiba Pflegte auf freiem Felde unter dem. Schatten eines Feigenbaumes zu lehren. Der Besitzer jenes Feldes hieß Papus ben Jehudah; er war ein Enkel jenes Papus ben Jehudah. der sich im Anfänge unserer Erzählung um die Hand Rahels, der Tochter des Kalba Sabua, beworben hatte. Täglich kam er während des Lehrvortrages, um die gereisten Feigen abzunehmen. Da sprach Rabbi Akiba zu seinen Schülern: Hat uns vielleicht dieser Mann im Verdacht, daß wir von seinen Feigen essen? - Und er wählte einen andern Ort zu seinen Vorträgen. Und Papus kam und sprach: Mein Lehrer, warum hast Du meinen Feigenbaum verlassen? — Weil Du, antwortete Rabbi Akiba, täglich kamst, um die reifen Feigen abzunehmen, so glaubte ich. Du habest uns im Verdacht, daß wir uns Deine Feigen aneignen würden. — „Ich bitte Dich", antwortete Papus, „halte Deine Vorträge wieder unter meinem Baume." Und Rabbi Akiba that so, und Papus kam nicht mehr, um nach den gereiften Feigen zu sehen. Da fielen diese vom Baume ab; sie waren wurmstichig und ungenießbar geworden. Und Rabbi Akiba sprach zu seinen Schülern: „Seht, meine Kinder, wie der Eigenthümer des Feigenbaums weiß, wann es Zeit ist, die Feigen abzunehmen, so kennt der allweise Gott genau den Zeitpunkt, wann es gut ist für den Menschen, von dieser Erde hinweggenommen zu werden."*) Rabbi Akiba zählte jetzt 119 Jahren; aber sein Auge war nicht dunkel geworden; weder seine Geistesnoch seine Körperkräfte hatten abgenommen. Mit übersprudelnder Kraft und reger Jugendfrische waltete er seines heiligen Lehramtes. Einst, an einem heißen Tage drückte die Schwüle der Luft gar sehr, die Spannkraft des Geistes ließ nach, und die Schüler begannen "einzuschlummern. Da richtete Rabbi Akiba lächelnd die Frage an sie: Wie hieß wohl die Frau, welche auf einmal 600.000 Kinder geboren? — Im Augenblicke waren die Schüler munter; aber Keiner konnte das Räthsel lösen. Und Rabbi Akiba sprach: „Jochebed hieß jene Frau, die Tochter des Levi, die Gemahlin des Amram; sie gebar unfern großen Lehrer Moscheh, der ganz Israel, *) Jeruschalmi, Derachoth. 600.000 Mann, aufwog, und so viel galt, wie sie alle zusammen. Und wiederum an einem heißen Tage erging es den Schülern gerade so. Und Rabbi Akiba richtete an sie die Frage: „Wodurch erlangte Ester die hohe Würde, über 127 große Länder zu herrschen?" — Als die rasch munter gewordenen Schüler das Räthsel nicht .u lösen vermochten, sprach Rabbi Akiba: „Es war das Verdienst unserer großen Stammmutter Sarah, welches Ester zur Herrschaft verhalf. Wie Sarah 127 Jahre lebte, so ward Ester Königin über 127 Länder." In dieser Weise zeigte der hochbetagte Lehrer, daß er die Jünglinge an Geiftessrische übertraf. Es fehlte nicht an warnenden Stimmen, die Rabbi Akiba veranlassen wollten, von seiner öffentlichen Lehrthätigkeit abzustehen, und ihn auf die Gefahren derselben aufmerksam machten. Einst sprach Papus ben Jehudah zu ihm: „Weißt Du nicht, Rabbi, daß die Römer bei Todesstrafe verboten haben, in der Thorah zu forschen? Fürchtest Du Dich nicht, ergriffen und zum Tode geführt zu werden?" „Papus," sprach Rabbi Akiba, „ich will Dir ein Gleichniß erzählen. Einst ging ein Fuchs am Ufer eines Stromes dahin, und er sah die Fische in eiliger Flucht den Strom hinabschwimmen. Fische, waruni flieht ihr? fragte der Fuchs. — Wir fliehen, antworteten die Fische, vor den Menschen, die uns nachstellen und uns in ihren Netzen fangen wollen. — So kommt doch, rief der Fuchs, zu mir auf's Land, und verstecket Euch in den Wäldern vor der Nachstellung der Menschen. — Bist Du der Fuchs, fragten die Fische erstaunt, den man als klug und listig preist? Ist doch das Wasser das Element unseres Lebens und in ihm sind wir nicht sicher, wie sollten wir auf dem trockenen Lande, wo wir gleich sterben müßten, Ruhe und Sicherheit finden? — Siehe Papus, die Thora ist das Element unseres Lebens, wie es heißt: Denn sie ist Dein Leben und die Länge Deiner Tage. — Wenn wir von ihr lassen würden, so müßte Juda sterben und sein Name vom Erdboden verschwinden. Die Thorah bleibt unser Leben und die Erhaltung unseres Daseins; in ihr allein finden wir Heil und Sicherheit*). (Fortsetzung folgt.) *) Berachoih 61 b. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redactton: Dr. Leh mann in Mainz. — Verlag und Expedition deS „JSraelit" große Bleiche 45. I. Got tSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).