Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1881)
- Date
- 1881-12-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1265 visorischem Charakter; es war unmöglich, den nach Brody geflüchteten 3000 bis 4000 russischen Israeliten nicht zu Hilfe zu kommen und diejenigen unter ihnen, die arbeitsfähig und in der Lage waren, sich in den Vereinigten Staaten eine Existenz zu erwerben, nicht so schnell als möglich nach Amerika zu schicken, «m sie vor dem Hunger, vor der Kälte, vor der Unruhe der Erwartung und allen den Gefahren des Mässigganges zu bewahren. Angesichts der besonderen Schwierigkeiten, welche diese Lage darbot, mußte man von den ursprünglich vom C.-Comite aufgestellten Bestimmungen absehen und größere und häufigere Züge nach Amerika schicken, als man für einen so kurzen Zeitraum in Aussicht genommen hatte. Dieses vorläufige Hilfswerk steht jetzt vor seinem Abschluß. H. Charles Netter hat am 28. November Brody verlassen; die Emigration wird wahrscheinlich erst später und unter anderen Bedingungen wieder aufgenommen werden. — Seit Veröffentlichung des letzten Monatsberichtes sind 3 neue Auswandererzüge in Hamburg eingeschifft worden, und zwar am 13. November 173, am 16. November 71 und am 20. November 193, zusammen 493 Personen; im Ganzen wurden, iucl. den 1124 früher genannten, i561 Personen nach Amerika expedirt. Der Temps v- 15. Nov. veröffentlicht die folgenden, von seinem Correspondenten aus St. Petersburg an ihn gerichteten Mittheilungen: Die russische Regierung hatte wirklich eine geschickte Hand, als sie die Experten aussuchte, um die Mittel zur Verringerung der Trunksucht zu besprechen. Auf 30 Mitglieder kommen nicht weniger als 28 erklärte Judenfeinde, und die ganze Frage ist, wie man jetzt sieht, nur erhoben worden, um den Israeliten das Recht, mit Spirituosen en gros und en d6tail zu bandeln, Schnapsläden zu halten rc., zu entziehen; 28 Mitglieder von 30 haben init ihren Stimmen diese Entziehung eines dnrch die Zeit geweihten Rechtes beschlossen; H. Samarine, Bruder desjenigen Samarine, der sich durch seine Theilnahme bei der Emanzipation der Bauern berühmt gemacht hat, zeigte sich nicht weniger von eingefleischtem Hasse gegen die Söhne Israels erfüllt. Ein anderer Experte ging in seinem Haß gegen die semitische Rasse noch weiter, indem er vorschlug, das Verbot alles Handels mit Spirituosen auch auf die getauften Inden auszudehnen. Es ist ernstlich davon die Rede, den Juden sogar das Recht zu nehmen, Schnaps zu fabricireu. Wir möchten den Herren Experten nur eine einfache Frage vorlegen: „Sind die Israeliten etwa verantwortlich für die Trunksuchtsexcesse, welche in denjenigen Theilen des russischen Reiches, wo keine Israeliten sich aufhalten dürfen, die Bevölkerung viehisch machend Die Juden bewohnen nur einen siebenten Theil des Landes, und die Trunk- I sucht ist in ganz Rußland verbreitet. Wie ist diese Erscheinung zu erklärend Das Königreich Polen j hat weit weniger als die übrigen russischen Provinzen unter der Trunksucht zu leiden, und dennoch sind! die Juden dort sehr zahlreich. Sollten diese die! größere Bildung der polnischen Bevölkerung als Gegengift habend Warum bedient man sich nicht des Volksunterrichts als Heilmittel, statt daß man den betriebsamsten Theil des Volkes in den Bann thut? Wir würden gar nicht überrascht sein, wenn man die frühzeitige Kälte, welche in diese u Winter Rußland heimgesucht hat, der Verderbtheit der jüdischen Rasse zuschriebe. Die Flüsse und Kanäle sind zugefroren; auf der Wolga sind Schiffe mit mehr als 2 Millionen Hectoliter Getreide, das für den Export oder für den Consum der Hauptstadt bestimmt ist, vom Eise eingeschlossen; dieses Getreide wird erst im Mai oder Juni nächsten Jahres ankommen; im Innern des Landes bleiben inzwischen die Vrodpreise sehr hoch und sind, wenn auch nicht so hoch wie die Hungcrsnothpreise vom vorigen Jahre, doch sehr lästig für die schwachen Hilfsmittel, über welche die russischen Bauern verfügen. (Die Israeliten von Bulgarien.) Man erinnert sich, daß in mehreren Ortschaften von Bulgarien der : Wochenmarkt auf den Samstag verlegt worden war; 1 die Israeliten reclamirten gegen diese Maßregel seit! langer Zeit, und wir haben neulich gemeldet, daß! die Beschwerden wenigstens theilweise von Sr. H. I dem Fürsten angenommen worden sind. Ein Decret! des Fürsten hat nun die von den städtischen Veri waltungen in Betreff der Verlegung des Wocheni Markts auf den Samstag annullirt. In Sophia ist j dieses Dekret von der Staatsbehörde sofort ausgej führt worden; dagegen scheint dasselbe in Sama- koff auf Widerstand zu stoßen, obgleich 9/10 der ländlichen Bevölkerung eine Petition zu Gunsten der Forderung der Israeliten unterzeichnet haben. Am 24. October fand in Philippopel die Eröffnung der Provinzial-Versammlung statt. H. Se-! mach aus Uamboli, Mitglied dieser Versammlung, I hat aus persönlichen Gründen seine Demission geben! zu sollen geglaubt; er gehörte zu den vom Generali Gouverneur gewählten Deputaten. Eine Deputation! der israelitischen Gemeinde von Philoppopel begab sich sofort znm General-Gouverneur, um ihn zu bitten, daß er H. Semach durch einen andern Israeliten ersetze; wir hoffen, daß diese Bitte günstig ausgenommen sein wird. (Die Israeliten von Rumänien.) Die Zeitung Le Temps v. 13. Nov. veröffentlicht das folgende Telegramm: Bucarest, 12. November. DerOfficiel veröffentlicht ein Reglement, welches jeden in Rumänien sich aufhaltenden oder reisenden Fremden verpflichtet, sich