Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1881)
- Date
- 1881-12-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1264 den Namen Desjenigen, der beerdigt wird, laut ausrufen, da bei der Zahl der Leichen eine Verwirrung unvermeidlich wäre und die Verwandten nicht wüßten, ob der Sarg, der in die Halle gebracht wird, die ihnen theure Leiche birgt. „Leopold Duschinsky", ruft er also — ein Schrei des Entsetzens antwortet ihm. Ein greises Paar wankt zu der Estrade, auf die man den Sarg stellt, die Eltern bejammern ihren einzigen 17jährigen Sohn. In der großen Halle sind viele, viele Männer versammelt, aber keiner unter ihnen, dem nicht die Thränen in's Auge treten bei diesem Anblicke. Leopold Duschinsky war einer der begabtesten Schüler der Handelsakademie; die Eltern hatten große Hoffnungen auf ihn gesetzt. Da stehen sie nun vor einem schwarzgebrannten Körper, den sie nur durch die Kleider als den ihres Sohnes erkannten, und schluchzen. Ihr Glück ist für immer zerstört. Der Prediger von Fünfhaus (in diesem Vororte domilizirte die Familie Duschinsky) hält eine Leichenrede, die aber ohne Wirkung bleibt, weil der tiefe, erschütternde Eindruck, den das Ellernpaar auf die Anwesenden macht, keiner Steigerung fähig ist. Nun ist die Ceremonie beendet, man will eben den Sarg hinaus in die kalte Gruft tragen, da durchzittert ein markerschütternder Aufschrei den Raum. Ein alter Mann bricht zusammen inmitten der Vielen, die ihn umgeben, eine Ohnmacht befällt ihn. Es ist der Private Kreist, der Vater der Frau Groag, die mit ihrem Gatten, dem Advokaten Dr. Groag, gemeinsam den Tod gesunden hat. Mit vieler Mühe wird der Vater in ein Nebenzimmer gebracht und ins Leben zurückgerufen, während man draußen den Duschinsky beerdigt. Noch sind die Trauerchöre an dem Grabe dieses Jünglings nicht verklungen und schon trägt man die Leichen Dr. Groags und seiner Frau aus die Estrade. Die Anverwandten, aufschreiend vor Jammer und Schmerz folgen ihnen. Mit thränenerftickter Stimme spricht Eantor Goldstein ein Trauergebet (hat er doch selbst bei der Katastrophe einen Bruder verloren). Nun tritt Prediger Dr. Jellinek an die Vahren. Er erzählt, wie das junge Ehepaar vor wenigen Jahren vor ihm stand, wie er den Bund der Ehe zwischen ihnen schloß und wie sie nun vereinigt wieder von ihm gesegnet werden. (Die Rührung erstickt das Wort in seiner Kehle und es vergehen einige Minuten, in denen man nichts hört als das Schluchzen Aller). Der Prediger tröstet die Hinterbliebenen und bittet sie ohne Groll von hier wegzugehen. Als Lehrer des Judenthums, als Lehrer einer Religion der Liebe, fühle er sich verpflichtet, es hier auszusprechen, es möge von den Hinterbliebenen keine Anklage erhoben werden, sie mögen sich in das Unglück ergeben. Friede, Trost und Versöhnung mögen walten. Aus einer Ecke des Saales hört man die Ruse: „Ja, wir verzeihen!" Es ist der Bruder Groags, der seinen anderen Bruder umarmt und mit sichtlicher Mühe die Ohnmacht, die sich seiner bemächtigen will, niederkämpft. Der Prediger hat geendet, eiligst werden die Leichen hinausgetragen, Aufenthalt ist nicht zulässig, nicht möglich, denn es sind noch gar viele oa, die gesegnet werden sollen. Jetzt öffnen sich zwei Thüren, man bringt von zwei Seiten Leichen herein. Sie gehören nicht zu einander und die eine muß warten, bis die andere wieder hinausgetragen wird. Welche Qualen von den Angehörigen während dieser Zeit ertragen werden, läßt sich nicht schildern. Die Leiche des Studenten Alfred Goldschein wird jetzt aus die Estrade gestellt. Der Vater wird besinnungslos zum Sarge gebracht und wie er die Augen öffnet, richtet er an seinen zweiten Sohn die fürchterliche Frage: „Ist das unser Alfred? Ich glaube, er ist es gar nicht." Er wankt auf die andere Seite des Sarges, hebt das Bahrtuch und sieht, ob auf dem Zettel der Name seines Sohnes steht. Dann kehrt er beruhigt zu den Seinigen zurück. Wieder fünf Minuten vorüber, wieder eine Leiche mehr auf dem Kirchhofe. Dann wird Rosa Bauer gebracht, eine Frau, die im Alter von 35 Jahren stand. Ihr! Ojähriger Sohn, der sie in's Theater begleitete, wird vermißt. Sollen wir den Schmerz der Anverwandten abermals schildern? Wir vermögen es nicht, wir sind durch das, was wir in den zwei letzten Stunden mitgemacht haben, nicht inehr dessen fähig. Eine einzige große Wehklage erfüllt das Haus, den Friedhof. Rosa Bauer wird hinausgetragen, eine andere Leiche folgt, dann noch eine, dann wieder eine und so geht es fort. Vormittags sind auf dem israelitischen Friedhofe allein 38 Leichen zu begraben. Wir treten auf die Straße und es begegnet uns eine endlose Reihe von Wagen, die alle Besucher des Friedhofes bringen. Wie». Der Vorstand der Wiener israelitischen Gemeinde hat die sofortige Untersuchung der Gasleitung in den beiden Gemeinde-Bethäusern, die Anbringung von Oellampen sowohl im Jnnenraume als in den Eorridoren, Stiegengängen, sowie weiters angeordnet, daß Thüren nach Außen zu öffnen hergestellt werden und während des Gottesdienstes unverschlossen bleiben. Frankreich. Paris. Monatsbericht (November) der „All. Jsr. Univ.": (Die Israeliten von Rußland). Das in Brody unternommene Emigrationswerk, das unter exeptionellen Umständen betrieben wurde, war nur von pro?