Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1881)
- Date
- 1881-12-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1262 Theaters mieden, so entschloß sich der damalige Director der Prager Schaubühne, dem Oberrabbiner einen Besuch zu machen und dessen Ansichten über das Theater zu modificiren. Er stellte ihm vor, daß das Theater die Tugend fördere, indem in allen Dramen nach der poetischen Gerechtigkeit die Tugend belohnt und das Laster bestraft werde. Rabbi Ezechiel Landau erklärte sich bereit, seinen Widerstand gegen den Theaterbesuch seitens seiner Gemeinde aufzugeben, wenn ihm der Director versprechen wolle, daß bei allen Vorstellungen jeder Sinnenreiz, der zur Nnsittlichkeit führe, vermieden würde und wenn im Zuschauerraum gesonderte Räume für jedes der beiden Geschlechter bcrgestellt werden möchten. „O," sagte der Theaterdirector, „dann wird kein Mensch mehr in's Theater gehen wollen!" Seit jener Zeit haben sich die Zustände des deutschen Theaters wahrlich nicht gebessert! War cs doch die Vorführung einer Offenbach'schen Operette, welche an jenem verhängnißvollen Abend im Ringtheater stattfinden sollte! Nach den uns gewordenen Privatmittheilungen sollen von den mehr als 300 bei jener schrecklichen Katastrophe Umgekommenen fast die Hälfte Juden gewesen sein. Alan hat die Leichen unter großen Feierlichkeiten zur Erde bestattet; berühmte Prediger haben dem allgemeinen Schmerze in erschütternder Weise Ausdruck verliehen. Eine Stimme de r M a h n u n g i st nicht v e ru o ni m e n w o r d e n. Niemand hat es über sich gewinnen können, der Sünden des gegenwärtigen Geschlechtes zu gedenken und Angesichts des entsetzlichen Unglücks zur Umkehr und zur Buße zu mahnen. Donnerstag, den 8. Dezember, wurde in Wien ein katholischer Feiertag festlich begangen. Zur Feier des Tages wird im Ringtheater eine Offenbach'sche Operette gegeben und, bei ausverkauftem Hause, sind fast die Hälfte der Besucher — Juden! Die jüdisch-religiösen Zustände in Wien sind im höchsten Grade betrübend; bei dem größten Theil der jüdischen Bevölkerung ist der Sabbat zum Werktag geworden. Dagegen werden die nichtjüdischen Feste gefeiert. Die großen prächtigen Synagogen, mit Ausnahme der einzigen in der großen Schiffgasse, sind fast das ganze Jahr hindurch leer. Selbst die hochbegabten Sänger und die vorzüglichen Ehöre darin haben ihre Zugkraft verloren. Dagegen sind an Sonn- und Feiertagen die Theater überfüllt und namentlich von Juden besucht. — Die Ehegesetze, die Speisegesetze, die Reinheitsgesetze werden in der schrecklichsten Weise vernachlässigt. Selbst von den zahlreichen jüdischen Restaurationen verdient kaum eine das Vertrauen der gesetzestreuen Fremden. Die jüdische Religion liegt in der schrecklichsten Weise darnieder. Aus den Gebetbüchern hat man die Bitte um Erlösung gestrichen, man fühlt sich ' „ohl in der heitern Stadt an der Donau; wozwr's 8«'f es noch der Erlösung? Ach, es ist in anderen großen Städten in dieser Beziehung nicht besser bestellt. Nun werden in allen Theatern die peinlichsten Vorsichtsmaßregeln getroffen. Thörichte Menschen! Alle Vorsichtsmaßregeln können derartige schreckliche Unglücksfälle nicht verhüten, wenn Gottes, des Allmächtigen, Fürsorge uns nicht schützt. Schlagen wir angesichts jener entsetzlichen Katastrophe an unsere Brust und bekennen wir, daß unsere religiösen Zustände höchst traurige sind. Suchen wir dieselbe zu verbessern und uns der göttlichen Fürsorge würdig zu machen. Dann wird des Allgütigen Gnade uns beschützen und behüten immerdar. — Literarischer Bericht. Onkelos und das Verhältniß seines T a rg u IN s zur Halacha. Von Dr. Salomon Singer. Berlin 1881. Verlag von I. Kauffmann in Frankfurt am Main. Der Verfasser gibt uns zunächst eine Abhandlung über das Alter des Targum Onkelos. Entgegen den Hypothesen von Frankel, Geiger und Luzzato, welche die Abfassung des T. O. in das dritte oder vierte Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung setzen, führt der Verfasser den Nachweis, daß die talmudischen Mittheilungen über dasselbe durchgeh ends vor einer strengen historischen Kritik Stand halten. Für das hohe Alter des T. O. spricht namentlich die Reinheit der Sprache, welche dem biblischen Aramäisch in Esra und Nehemia am nächsten kömmt. „Wäre das T. O. erst zur Zeit der ersten Amoraim, oder gar nach Abschluß des Talmud entstanden, dann hätte die Sprache desselben eine der damaligen jüdischen Volkssprache, also dem talmudischmidraschischen Dialekt nahe verwandt sein müssen." In Bezug auf den Namen des Verfassers unseres Targum weist Herr Dr. Singer in überzeugender Weise nach, daß der im Babli erwähnte Onkelos und der im Jeruschalmi und in den Midraschim genannte Akilas (Aquila) identisch sei. Trefflich ist, was der Verfasser über die Uebersetzungsmethode des Onkelos sagt. Der T. O. ist eine größtentheils wortgetreue Uebersetzung, während er trotz des engen Anschlusses an das Textwort sich dennoch nicht sklavisch an dasselbe bindet, sondern wo es nothwendig ist, eine Umschreibung eintreten läßt. Dies geschieht regelmäßig bei allen denjenigen Stellen der heiligen Schrift, in denen von Gott in