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Der Israelit · 1881-12-14 · Heft 50 (14.12.1881) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 50 (14.12.1881)
Date
1881-12-14
Page
– (sequence 21)
Language
German
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1257 Fahne, welche die „Säulen des Herkules" mit dem stolzen Motto „ne plus ultra“ trägt, haben der Absolutismus, die Inquisition und religiöse Verfolgung die einst so berühmten und jetzt noch schönen Städte Granada, Cordoba und Toledo in tobte Plätze verwandelt. Eine spezifische Beschreibung der Juden Gibraltars wäre in der kurzen Skizze nicht am rechten Platz. Die enge und innige Verbindung, welche zwischen ihnen und ihren englischen Glaubensgenossen besteht macht eine solche überhaupt überflüssig. Als ich Waterport Street zur Synagoge hinunter ging, machte der Anblick der Straßen, in welchen fast alle Läden geschlossen waren, und die Erscheinung der schwarzgekleideten Männer auf mich den Eindruck, als ob ich in Bebis Marks mich befände und die Jllussion, als ob ich in der Londoner Gemeinde mich anfhielte, wurde nicht verscheucht, als ich bei einem Gang durch die Börse auf den Wänden dieses Gebäudes unter den Beiträgen zu dessen Errichtung die Namen von früheren und jetzigen Mitgliedern der Londoner Sephardim-Gemeinde bemerkte. Ich besuchte zwei von den Synagogen; sie machen keinen Anspruch auf architektonische Schönheit. Die eine, welche nahe dem Walle liegt, von dem man die Aussicht über das Meer genießt, hat in ihrem Baustil viel Aehnlichkeit mit den Holländischen Synagogen. Die innere Dekoration ist niedlich und wirksam. Im Hofe, in welchem sie steht, blühen zwei Palmbäume, als das Symbol von Judäa, wie man es auf der Titnsmnnze findet. Die andere Synagoge in der Parlamentstraße, welche ich während der Feiertage besuchte, ist sehr einfach, aber von der Decke hängen un gefähr 30 kostbare silberne Lampen, von Künstlerhand gefertigt; diese und die orientalische Tracht der im Gotteshause befindlichen marrokkanischen Juden gaben dem sonst so einfachen und schmucklosen Gebäude, ein äußerst malerisches Aussehen. In beiden Synagogen hängt vor der hl. Lade ein prachtvoll gestickter Vorhang. Ich brauche wohl nicht hinzuznsügen, daß der Gottesdienst in Uebereinstimmung mit dem spanischen Ritus streng orthodox ist, ebenso wie in London, Amsterdam und Livorno. Die Uebereinstimmung, welche in diesem Minhag vorherrscht, ist merkwürdig, indem sie sich sogar auf die musikalischen Weisen erstreckt, in welchen die Gebete recitirt werden. An der Küste des Bosporus wie an der des mittelländischen Meeres habe ich nach derselben Melodie die Psalmen und Hymnen singen hören. Die Loyalität der israelitischen Unterthanen zeigte sich am Vorabend zum Bersöhnungsfeste durch den Vortrag eines Gebetes für Lord Rapier von Magdala, dem Gouverneur von Gibraltar und für das Heil Ihrer Majestät der Königin von England. Zwischen ,V'i und setzte ich über die Straße von Gibraltar und besuchte Tanger, wo ich 3 Tage blieb. Der Reisende, welcher von Europa nach Marokko zum ersten Male kömmt, scheint in eine ganz neue Welt versetzt zu sein. Nicht wie Constantinopel, das sowohl den christlichen wie den mohamedanischen Typus trägt, sowohl im Aeußern, wie in den Sitten und Gebräuchen seiner Bevölkerung, ist Tanger rein mohamedanisch. Es ist da keine orientalische Pracht zu sehen, Architektur macht sich kaum bemerkbar; seine Gebäude, die Tracht und Sitten des Volkes sind noch gerade so, wie zu der Zeit, wo die Anhänger Mohameds zum ersten Mal die römischen Besitzungen in Afrika überflutheten. Ausgenommen unter den wenigen daselbst wohnenden Europäern und Juden ist von Civilisation keine Spur zu sehen. Es ist wirklich fast unbegreiflich, wie die Mauren, welche in den spanischen Städten, die sie einst beherrschten, solch' herrliche unvergleichlich schöne Monumente orientalischer Kunst und Kultur hinterlassen haben, von derselben Nace gewesen sein können, wie sie jetzt in Marokko sich vorfindet. Die Juden machen einen großen und einflußreichen Theil der Bevölkerung Tangers ans. Die Beschränkungen, unter welchen sie im Innern Marokkos zu leiden haben, sind hier nicht vorzufinden. Das grausame Gebot, keine Schuhe zu tragen, berührt durchaus nicht die Juden der Hauptstadt. Da sie zugleich die politisch diplomatische Residenz des Kaisers von Marokko ist, so wohnen hier die Gesandten und Consulu der europäischen Mächte. Unter ihren Augen kann man unmöglich an den Juden Grausamkeiten ausübeu, da des Sultans Minister nicht im Stande sein würden ein solches Verfahren durch zweideutige Depeschen zu beschönigen. Tanger und Gibraltar .führen einen sehr lebhaften Handel, der fast ausschließlich von den jüdischen Kaüsleuten betrieben wird An einem Samstag Nachmittag spazierte ich durch die engen und schmalen Straßen des jüdischen Stadtviertels. In keinem Betracht unterscheiden sie sich von den anderen Straßen Tangers, welche mit Ausnahme der Hauptstraße, die sich vom Marienthore bis zum Marktthore ausdehnt, in England „Gassen" genannt würden. Mit Ausnahme einiger im spanischen Stil gebauten Häuser, die von sehr wohlhabenden jüdischen Kausleuten bewohnt werden, sind die Wohnungen der Israeliten gleich denen der Mauren einstöckig, weiß übertüncht und kennbar durch den Mangel an Fenster und äußerer Verzierung. Die Juden saßen oder lagen vor den -Thüren ihrer Häuser, ihre Sabbatruhe genießend unter einerbrennend heißen Sonne und einem wolkenlosen Himmel. Die Männer trugen das orientalische Kostüm; ihre Kopfbedeckung bestand aus einer

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