Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1881)
- Date
- 1881-12-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1255 widerlegt wurden. Der erneuerte Federkampf, welcher noch von den traurigen Vorgängen am Continente genährt wuc e, hat nun aber einen heftigeren und ernsteren Charakter angenommen. Zwar wird im Allgemeinen hier zu Lande keinerlei Wirkung der antisemitischen Bewegungen verspürt, und ist der Ausdruck der Gesinnung unserer nichtjüdischen Mitbrüder durch die Presse in ihrer großen Vielfältigkeit, welche die russischen Berichte nichts weniger als wohlgefällig aufnimmt, zu oft wiederholten Malen deutlich genug erkennbar geworden — deßungeachtet wird manchmal eine Stimme des judenfeindlichen Echo's vernehmbar. Darum verdient es rühmlichst erwähnt zu werden, daß der.vamansftimme des Professor'» Smith unser gelehrter Herr Dr. Adler mächtig entgegeudounerte. — Der Hauptangriff des Anklägers geht dahin, daß die jüdische Nation deßhalb eine eigene Naee bilde, weil sie eine exclusive Stellung in der menschlichen Gesellschaft einnehme. Während alle übrigen Racen eine Angehörigkeit zur menschlichen Gesammtheit bekennen, und dem Tage allgemeiner Bruderschaft entgegenharren, sagt der Professor, mache der Jude seinen Stamm zu seinem Abgotte, betrachte ihn als einen der Menschheit höher stehenden und hoffe auf den Tag des Triumphes über alle anderen Nationen und auf die Herrschaft eines Messias' aus seinem stamme. — Hierauf cnegegncte kurz und richtig Herr Dr. Adler, daß diese Angaben der Wahrheit schroff entgegenstehen, denn das starke Band, welches ganz Israel vereiniget, ist nicht das seiner Race, sondern das seiner Religion. Wir betrachten alle Menschen als unsere Brüder, bekennen uns als Bürger des Landes, welches wir bewohnen im vollsten und wahren, echten Sinne des Ausdruckes und erachten es für unsere heilige Pflicht, für das Wohl desselben mitzuarbciten. Steht es etwa im Geringsten unserem Patriotisinus und unserer Hingebung zur Menschenliebe entgegen, wenn wir gleichzeitig Sympathie für alle diejenigen fühlen, welche sich zu demselben Glauben wie wir bekennen und dieselben Religionsgebote wie wir ausüben, gleichviel ob sie dieses oder ein anderes Land bewohnen? Wäre das Band, welches uns Israeliten zusammenfesselt, wirklich eines nur ans Gleichheit der Race basirendes, so dürfte es uns doch vollständig gleichgiltig sein, welcher religiösen Gesinnung unsere Stammesbrüder huldigen, während es aber die nackte Wahrheit ist, daß wir diejenigen unter uns als Apostaten betrachten, die den jüdischen Glauben verlassen; denn ewig und immer bleibt die Religion das Universalband unserer jüdischen Gesammtheit! Glaubt Herr Professor Smith etwa, daß wir unsere Glaubenssatzungen, Ritualvorschriften, Gebete, oder unseren heiligen Sabbat aufgeben, uns in der j Türkei zum Islam, in Rußland zur griechischen Orthodoxie bekennen, oder mit anderen Worten aufhören sollten, Juden zu sein, um alsdann von Herrn j Professor Smith Toleranz und Gewissensfreiheit )zu i erwarten? Hieße dies wohl etwas Anderes, als I „Ich will Euch Juden dulden, wenn Ihr aufhöret, Juden zu sein, ich will Euere Religion dulden, wenn Ihr dieselbe verlasset?! — Hierauf führte Herr Dr. Adler mit ironischer Würze die bekannte Antipathie des Professors gegen Lord Beaconsfield, als schlagenden Gegenbeweis seiner vorgeschlagenen Rathschläge, die Religion anfzugeben, an, indem er fortfährt: Mau möchte wohl glauben, daß der verstorbene Lord Beaconsfield, welcher die allgemeine Landesreligion annahm und sich mit einer nicht seinem Stamme angehörigen Lady verehelichte, nach Professor Smith's Herzensfühlung noch als Jude gegolten hätte -? Ferner protestirte Herr Dr. Adler gegen die Anfechtung, daß das Verbot der Mischehe ein „Racen-Berbot" sei, eingehend erklärend, daß dasselbe nichts Anderes, als ein Gesetz unserer Religion ist. Es bleibt eine unbestreitbare Vorbedingung alles ehelichen Glückes und Hausfriedens, daß zwei Personell, welche sich durch das Band der ehelichen Liebe für Lebensdauer aneinander knüpfen, in ihren religiösen Ansichten harmoniren, da die Religion für die, welche überhaupt Religion besitzen, den Kernpunkt des Lebens bildet. Es ist statistisch nachweisbar, daß in der Regel Heirathen zwischen Religionsgesinnungsgenossen contrahirt werden, und die zwischen Personen verschiedenen Glaubens geschloffenen Ehen bilden eine Minderzahl. Warum sollte also gerade der Israelit getadelt werden, wenn er eine Mischehe verwirft; eine Ehe, welche naturgemäß zur Folg««'haben würde, daß er seinen jüdischen Glauben, der ihm theuerer gelten sollte als sein Leben, verließe? Auch die Erziehung der Kinder, welche eine nicht dem jüdischen Glauben entsprechende sein könnte, wird von Herrn Dr. Adler als Grund für dieses Verbot angeführt. — Nicht minder interessant sind die Erwiderungen auf den Angriff, daß die Beschneidung ein barbarischer Gebrauch sei, da hieraus richtig entgegnet wurde, daß nach medicinischen Gutachten die Veschneidung eine heilsame Operation und ebenso wenig barbarisch wie Impfung oder Ohrenstechen 2t. sei. Welche Entstellung der wahren Thatsache ist es, zu behaupten, daß die Einweihung des Knäbleins in den Bund Abrahams ein Racen- Abzeichen sei! Ist es denn etwas Anderes als die Vollziehung eines rein religiösen Actes? Milton, der große christliche Poet charakterisirt den Act der Beschneidung durch folgenden Ausdruck: „Der große Bund, welchen wir (die Christen) noch übertreten." Den die meffianische Zeit betreffenden Angriffs-